Karl-Heinz Ott - Hölderlins Geister

Karl-Heinz Ott - Hölderlins Geister

Karl-Heinz Ott - Hölderlins Geister

Von Martin Krumbholz

In einer gut lesbaren Studie untersucht der Freiburger Schriftsteller Karl-Heinz Ott die unterschiedlichen Deutungen, denen das dichterische Werk Friedrich Hölderlins im 20. Jahrhundert ausgesetzt war – von ganz rechts bis ganz links.

Karl-Heinz Ott
Hölderlins Geister

Hanser, München 2019
240 Seiten
22 Euro

Hölderlin fühlte sich den Göttern nah – den griechischen.

Die Verehrer und Deuter, die sich im 20. Jahrhundert Hölderlin nahefühlen, sind teilweise Marxisten wie Georg Lukács oder Ernst Bloch, teilweise nationale Denker wie Martin Heidegger – rechte und linke Ideologen also. In dieser sonderbaren Spannung schwebt Hölderlins zerrissenes Werk, von den ruhmvollen Anfängen in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts bis zu den schwer deutbaren oder unverständlichen Zeugnissen der späten Jahre, die der Dichter im Tübinger Turm zubrachte. Ums Deuten komme nicht herum, schreibt Karl-Heinz Ott, doch manche Hölderlin-Deutung lebe von einem Auslegungsdrang, der weniger von dem Willen zeuge, Schwerverständliches verstehen zu wollen, als von dem Wunsch, den Dichter dem eigenen Weltbild einzuverleiben. Ott nennt es in einer wuchtigen Metapher „weltanschauliches Gegrapsche“. Die titelgebenden „Geister“ meinen also nicht nur die guten oder bösen Dämonen, die einen Dichter beeinflussen, sondern auch jene Fremdlinge, die sich eines prominenten Werks bemächtigen und gewissermaßen Interpretationen in dieses hineinpumpen. Ott jedenfalls hat sich die Aufgabe gestellt, die diversen Deutungsansätze zu überprüfen, quasi mit Mitteln des gesunden Menschenverstands. Letzteres ist insofern von Bedeutung, als Ott offensichtlich nicht zuletzt für ein jüngeres Publikum schreibt: Seine Sprache ist schlicht, nüchtern, ironisch, manchmal geradezu salopp. Und auch keineswegs übertrieben ehrfürchtig gegenüber dem Idol selbst. Außer einer Reise nach Bordeaux und einer ins schweizerische Hauptwil habe Hölderlins Vita keine Auslandsreisen zu verzeichnen, sein Radius habe sich auf die kleine Welt zwischen Tübingen und Nürtingen beschränkt, wo seine Mutter lebte.

"Sein "Gang ins Offene" bleibt in aller Regel begrenzt auf die Rebhänge am Neckar und an der Teck. Ins Weite schweift er vor allem in Gedanken, zurück in Vergangenheiten, die sich historisch schwer belegen lassen."

Karl-Heinz Ott: "Hölderlins Geister"

WDR 3 Buchkritik 23.12.2019 05:37 Min. Verfügbar bis 22.12.2020 WDR 3

Download

Nicht alle empfinden wie er

Die Auferstehung

Karl-Heinz Otts erster Roman trug den Titel "Ins Offene"; der Autor fühlt sich dem großen Dichter offensichtlich verwandt. Hölderlins Pathos holt Ott gelegentlich vom Sockel auf die Erde. Man gewinne bisweilen den Eindruck, Hölderlin drücke sich kompliziert aus, um die Schlichtheit seiner Gedanken zu verbergen. Schließlich gehe es doch immer nur um die Einheit von göttlicher Sphäre und menschlicher. Solche Bemerkungen grenzen fast schon an Majestätsbeleidigung. Über den antiken Philosophen Empedokles, den Helden des einzigen, unvollendeten dramatischen Werks, urteilt Ott:

"Ihn schmerzt das Gefühl, dass nicht alle empfinden wie er. Es handelt sich um ein narzisstisches Luxusproblem, das sich einen gewichtigen politischen Anstrich gibt. Tragisch ist für ihn, dass sein Volk ihm nicht zu Willen ist, obwohl er für sein Volk doch nur das Beste will. […] Empedokles‘ Maßstab ist allein er selbst, was einzig zählt, sind seine Gedanken, seine Visionen, seine Gefühle."

Der durchgehend lyrische Ton

Empedokles, der Philosoph ohne Widerhall, setzt seinem Leben ein Ende, er stürzt sich in den Ätna. Auch wenn der Vorgang nicht im Aristotelischen Sinn tragisch sein mag, ist es doch ein wenig hart, darin ein "narzisstisches Luxusproblem" zu sehen; Ott geht hier zu weit. Immerhin gibt es drei Fassungen des Werks, die eine deutliche, auch politische Entwicklung markieren. Auch klingt es etwas abwertend, wenn Ott über den Hyperion-Roman, der wenig mit einem Roman zu tun habe, bemerkt, es handele sich um einen "endlosen elegischen Gesang".

"Ursprünglich hatte Hölderlin vor, aus "Hyperion" ein Versepos zu machen. Geblieben ist nur der durchgehend lyrische Ton; ein Ton, der weitgehend gleichbleibt, keine Mehrstimmigkeit kennt und keine Vielfalt."

Die Gesellschaft war krank

Ähnliches ließe sich über Goethes so maßlos erfolgreichen "Werther" sagen. Beides sind Briefromane, die nun einmal ihren eigenen Regeln folgen. Nun schreibt Ott keine Biografie, eher eine Rezeptionsgeschichte. Interessant ist sein Buch auf jeden Fall dort, wo der Autor sich, auch polemisch, mit den Deutungen einerseits Heideggers, andererseits mit denen des französischen Germanisten Pierre Bertaux befasst. Letzterer stellte in den Siebzigern die vieldiskutierte These auf, Hölderlins „Wahnsinn“ sei eine Maske gewesen, mit dem Zweck, seine radikalen politischen Ansichten zu tarnen. Auch der Dramatiker Peter Weiss, der ein Hölderlin-Stück geschrieben hat, hing dieser These an. Ott verweist sie, wohl mit guten Gründen, ins Reich der Fabel.

Friedrich Hölderlin

Friedrich Hölderlin

"Nicht Hölderlin war krank, ganz im Gegenteil, die Gesellschaft war krank, sie hat ihn zerstört. Der wahnsinnige Hölderlin ist in Wirklichkeit der Gesunde, die Kranken sind die Angepassten. Dafür, dass er sich diesem kranken Getriebe verweigert hat, hat er bitter bezahlen müssen."

Ott zitiert diese Thesen ohne Zustimmung.

Manchen Interpreten schien es wohl einfach unvorstellbar, dass ein erlauchter Geist wie Friedrich Hölderlin in der Mitte seines Lebens durchgeknallt sein könnte. Und "durchgeknallt" ist ja auch ein zu hartes Wort. Besser: geistig zerrüttet. Dies war Hölderlins bedauernswertes Schicksal, während sein dichterisches Werk unzerstörbar bleibt.

Stand: 19.12.2019, 13:48