Joachim Meyerhoff - Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Joachim Meyerhoff - Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Joachim Meyerhoff - Die Zweisamkeit der Einzelgänger

Von Nicole Strecker

Nach autobiografischen Romanen über seine Kindheit als Sohn eines Psychiatriedirektors und seine Lehrjahre als Schauspielschüler erzählt Wiener-Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff nun von den Verwirrungen der ersten großen Liebe(n).

Joachim Meyerhoff
Die Zweisamkeit der Einzelgänger
Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2017
416 Seiten
24,00 Euro

Hanna

Ein leergefuttertes Buffet auf einer Premierenfeier. Gerade ist der Schauspieler und Ich-Erzähler Meyerhoff als Tybalt in "Romeo und Julia" lustvoll auf der Bühne verreckt, jetzt will er sich bei der Theaterparty ein paar labbrigen Hähnchenschnitzeln widmen, da plötzlich: großer Auftritt von Hanna - weniger junge Frau als Dämon.

"Zu große Zähne, zu große Augen, zu platte Nase, verdammt kurze Haare. Sie gefiel mir sofort."

Ein seltsamer Rauchgeruch umweht diese Hanna, von der Meyerhoff sagen wird, dass er nie so recht weiß, ob er ihr Aussehen fantastisch oder grotesk finden soll.

"Gleich oberhalb der Nase war ihre Stirn hart und eben, eine kreisrunde Fläche. Eine bockige, ja störrische kleine Platte. Da, dachte ich, wäre genau die richtige Stelle für ein Horn, genau so sähe es aus, hätte man ihr das Horn präzise über der Stirn abgesägt und dann die Schnittstelle mit Stirnschleifpapier glatt geschmirgelt."

Hannas Einfluss

Die Germanistikstudentin Hanna wird den Erzähler mit ihrer Eloquenz aufrütteln. Sie wird in ihm einen ungeahnten Lektürehunger auslösen, seinen Intellekt schärfen.

"Hanna saß an meinem Schreibtisch und glühte vor Komplexität."

Und letztlich wird sie ihn sogar zum Schriftsteller formen, denn für Hanna erzählt er seine ersten autobiografischen Anekdoten. Nach Büchern über seine Kindheit als Sohn eines Psychiatriedirektors, über ein Austauschjahr in den USA und seine Lehrzeit in der Schauspielschule probiert Joachim Meyerhoff nun also in seinem vierten Buch das Paarleben. Er ist 23, als Jungdarsteller zunächst in Bielefeld, dann Dortmund engagiert und zweifelt schwer an seiner Bühnenexistenz. Herrlich gehässig lästert der heutige Schauspieler der Wiener Burg und des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg über die Eitelkeiten des Betriebs. Über pomadige Kollegen, hilflose Regisseure und natürlich sich selbst, wie er sich in der hässlichen Provinz wahlweise als exzentrischen Glamourboy oder exzessives Bühnentier inszeniert und bei einem Vortrag von ausgerechnet Paul Celans "Todesfuge" einen Lachanfall bekommt. Auch Hanna hält er nicht lange stand.

"Um mit Hanna leben zu können - und das wollte ich unbedingt - brauchte ich ein zweites Ich, das ich ihr zu hundert Prozent vorenthielt."

Ein amouröses Doppelgänger-Leben

Joachim Meyerhoff

Joachim Meyerhoff

Meyerhoff braucht Männlichkeit, und so beginnt er ein amouröses Doppelgänger-Leben zwischen der schlauen Hanna und der schönen Franka, einer Tänzerin im Dortmunder Ensemble. Außerdem ist da noch Ilse, eine vollbusige, stets verschwitzte Bäckerin, zu der er sich in dämmrigen Morgenstunden schleicht, um der surrealen Ich-Multiplikation die Profanität von Puddingbrezeln und Schweineohren entgegenzusetzen.

"Ich wäre so gerne eine souveräner Casanova mit Cognacschwenker im Cabrio gewesen, der entspannt, mit einer Hand am Steuer, durch seine Lügen kurvt, mutierte aber zunehmend zum windigen Kleinkriminellen in einem Kleinlaster voller Unwahrheiten, der sich ständig beobachtet
fühlt und hektisch den Handschweiß an der fleckigen
Hose abwischt."

Verzerrte Wirklichkeit & überreizte Emotionalität

Das Leben als Schmierenkomödie, als eigentlich miserable Abfolge von Pannen und Peinlichkeiten - davon erzählt niemand so witzig, warm und beobachtungssensibel wie Joachim Meyerhoff in seiner Memoiren-Reihe "Alle Toten fliegen hoch". Teil vier nun ist ernster als die Vorgänger, aber auch literarisch geformter. Gekonnt setzt Meyerhoff Motive, deren tiefere Bedeutung sich erst später entpuppt. Und mit skurrilen Verzerrungen der Wirklichkeit spiegelt er spöttisch die überreizte Emotionalität seines Alter Egos.

"Alle sahen mich an und es war kaum vorstellbar, dass so viele Blicke auf ein und derselben Person überhaupt Platz fanden."

Heißt es einmal, und an anderer Stelle:

"Sie riss die Augen auf, sah aus wie ein fassungsloser Kobold, vor dessen Höhle jemand nach Jahrhunderten den Stein weggerollt hatte."

Vergleiche, Fantasien, Abschied und Neuanfang

Es sind solche possierlichen Vergleiche und Fantasien, die den Meyerhoff'schen Stil prägen. Aber wie schon in seinen vorherigen Büchern mischt sich in das beschwingte Parlando immer wieder der Mollton des Todes. Diesmal ist es Hannas Faszination für den Freitod und die gemeinsame Obsession für selbstmörderische Autoren wie Heinrich von Kleist oder Silvia Plath. Auch die Toten aus seinen vorherigen Büchern bekommen wieder mehrere Gastspiele, was Exkurse in Meyerhoffs Kindheit und Jugend erlaubt. Mancher Schlenker gerät ihm ein bisschen lang, etwa sein Besuch einer Vorstellung der Theatergruppe La Fura dels Baus als persönlicher Meilenstein auf dem Weg zur künstlerischen Selbstfindung. Aber dann bringt er wieder ein Phänomen auf eine einzige Pointe - etwa sein Kommentar zum entfesselten Tanzstil seiner Zweitfrau Franka:

"Es sah aus, als hätte sie ein Erdbeben verschluckt."

Schreibend und immer auch erfindend vergewissert sich der Schauspieler seiner Identität, und nach vier Büchern schamlos-charmantester Selbstsuche lässt er nun, am Ende von Band vier seine Toten endlich wirklich hochfliegen. Ein Abschied vom Sujet - aber hoffentlich auch: ein Neuanfang.

Joachim Meyerhoff - Die Zweisamkeit der Einzelgänger

WDR 3 Mosaik | 14.02.2018 | 05:09 Min.

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Stand: 12.02.2018, 18:47