Buchcover: "Trotzdem Mutter. Drei Frauen erzählen" von Klaus Sander

"Trotzdem Mutter. Drei Frauen erzählen" von Klaus Sander

Stand: 17.06.2022, 07:00 Uhr

Drei Stunden lang hört man gebannt, erschüttert und berührt zu, wenn Ute, Inge und Ramona von ihren unterschiedlichen Lebenswegen berichten, von Kindheit, Erwachsenwerden und Mutter-Sein, offen, und lebensklug und voller Lebensmut. Eine Rezension von Christian Kosfeld.

Klaus Sander: Trotzdem Mutter. Drei Frauen erzählen
Supposè Verlag 2022,
3 Audio-CDs, 30 Euro.

"Trotzdem Mutter. Drei Frauen erzählen" von Klaus Sander

Lesestoff – neue Bücher 17.06.2022 06:02 Min. Verfügbar bis 17.06.2023 WDR Online Von Thilo Jahn


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Beim Titel "Trotzdem Mutter. Drei Frauen erzählen" nähert man sich vorsichtig dieser Produktion an: was werden uns Ute, Inge und Ramona erzählen? Und dann hört man ihnen über drei Stunden lang gebannt, erschüttert und berührt zu, wenn sie von ihren sehr unterschiedlichen Lebenswegen berichten, offen, schonungslos und reflektiert. Ramona aus Alsterdorf ist 58 Jahre, hat fünf Kinder geboren und war schon als Kind Mutter - für ihre Geschwister:

"Meine beiden jüngeren Brüder sind mehr meine Kinder als Brüder. Ich war Mutter für andere Kinder, die ganz oft bei uns waren, bei uns übernachtet und bei uns gegessen haben, ich hab sie getröstet und war einfach für sie da, für andere Kinder. Und natürlich war ich auch für meine Kinder da. Und ich war gerne Mutter, ich bin und war gerne Mutter und wollte immer Mutter sein!"

              

Ramonas Leben ist erschütternd, ihre Kraft, und ihr Lebensmut beeindrucken. Sie wuchs in ärmlichsten Verhältnissen bei einer alleinerziehenden, kranken Mutter auf, sorgte sich – selbst noch Kind – um ihre Geschwister und den Haushalt, hatte keine Zeit zum Spielen oder für die Schule. Dann erkannte eine Lehrerin, dass das Mädchen klug ist, und förderte sie gegen den Willen der Mutter Ramona machte eine Ausbildung zur Erzieherin, wurde früh schwanger, geriet an die falschen Männer. Dann starb ihr zweites Kind:

"Ich musste aber funktionieren, weil ich war leider schon wieder schwanger, und ich musste mir jeden Tag sagen: „Du musst für Deine Kinder da sein!“ ich musste mir das jeden Tag sagen, weil ich eigentlich nicht leben wollte, ich wollte das nicht akzeptieren, dass sie gestorben ist. Ich dachte immer, es wird ein Wunder geschehen, es wird ein Wunder geschehen, wenn man doch so sehr liebt, dann passieren Wunder! Aber das Wunder ist leider nicht eingetreten…. "

Ramonas Erzählungen sind beeindruckend. Denn nie klagt sie andere an oder lamentiert über ihr Schicksal. Sie arbeitet, gründet Müttergruppen in Hamburg kämpft gegen alle Hindernisse, für ihr Leben, ihre Kinder.

"Sie hat mir dann gezeigt, das ist das Herz, das darauf schlägt und das konnte ich erkennen, von da an war das pure Liebe. Ich konnte sofort aufhören mit dem Rauchen, ich hab mich unfassbar gesund ernährt, ich hab alles getan, damit es diesem Kind in meinem Bauch gut geht und auch als er auf der Welt war, da war das pure Liebe."

Inge ist 48 Jahre und hat 25 davon in psychiatrischen Kliniken verbracht. Ihr Leben ist durch den Kampf gegen Dissoziative Störungen geprägt. Ihr erwachsener Sohn Nico und ihr Mann geben ihr Halt, unterstützen sie. Sie leidet daran, dass sie nicht immer für ihren Sohn da sein konnte, wie sie wollte. Doch sie lernt in Therapien, mit ihrer Situation umzugehen. Über „Achtsamkeit“ hat sie zuerst den Kopf geschüttelt, jetzt hilft ihr das im Alltag:

"Und das funktioniert tatsächlich, ich konnte es erst nicht glauben. Und auch heute, wenn ich im Stau stehe, ich kann das nicht ändern, ich kann nicht umdrehen und dem  entgehen, es ist wie es ist, und dann isses so! 2:33 Und wenn ich an der Kasse stehe in ner langen Schlange und alle Kassen sind voll, kann ich es nicht ändern, es ist so, ich kann diesen Moment nicht ändern, und danach kuck ich einfach weiter…."

Die dritte Frau und Mutter ist Ute, 51 Jahre, Erzieherin, Ergotherapeutin. Sie arbeitete mit Jugendlichen in Wohngruppen, heiratete einen 14 Jahre älteren Mann, der einen Sohn mit in die Ehe brachte, wurde selbst Mutter.

Ihre eigenen Eltern betrieben einen Blumenladen, hatten kaum Zeit für sie. Inge kämpfte um ihre Anerkennung, ging mit vier allein zum Kindergarten, feierte Weihnachten bei einer Freundin.

"Heute als Mutter denke ich: wie furchtbar wäre das für mich, wenn mein Sohn gehen würde und sagen „Tschüss! Ich gehe zu Freunden und feiere Weihnachten.“ Das soll niemals so sein. Wenn man gerne zusammen ist, dann ist das für mich gute Mutter sein, gute Eltern sein, wo Kinder gerne sein mögen."

Nach diesen drei CDs mit den Lebenserzählungen von Ute, Inge und Ramona ist man berührt, betroffen, bewegt. Weil man drei sehr lebenserfahrenen und klugen Frauen zugehört hat, und ihre Einsichten und ihr Lebensmut sehr wertvoll sein können. Zum Glück hat Klaus Sander ihnen für uns zugehört.