Buchcover: "Jüdische Erzählungen und Legenden" von Stefan Zweig

"Jüdische Erzählungen und Legenden" von Stefan Zweig

Stand: 15.06.2022, 07:00 Uhr

Kaum ein literarischer Autor hatte zu Lebzeiten so einen Erfolg beim deutschen Publikum wie der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig.  Nach seinem Suizid in Brasilien machte ihn seine "Schachnovelle" auch international berühmt. Jetzt, 80 Jahre danach, erscheinen erstmals seine "Jüdischen Erzählungen und Legenden".
Eine Rezension von David Eisermann.

Stefan Zweig, Jüdische Erzählungen und Legenden
Suhrkamp, Jüdischer Verlag, 2022.
319 Seiten, 26 Euro.

"Jüdische Erzählungen und Legenden" von Stefan Zweig

Lesestoff – neue Bücher 15.06.2022 04:50 Min. Verfügbar bis 15.06.2023 WDR Online Von Thilo Jahn


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Wenn jetzt Stefan Zweigs "Jüdische Erzählungen und Legenden" erscheinen, ist das gewissermaßen ein Novum. Stefan Litt, Jahrgang 1969 und Mitarbeiter an der Nationalbibliothek von Israel, hat erstmals ein halbes Dutzend von Stefan Zweig Erzählungen und Novellen mit jüdischer Thematik herausgegeben. Der österreichische Autor hatte sie zu Lebzeiten verstreut in Sammelbänden sowie als eigenständige Publikationen veröffentlicht – über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten.

So stammen sie aus seiner Studienzeit, dann aus der vergleichsweise ruhigen Schaffensphase bis 1933. Da beschreibt Zweig in "Untergang eines Herzens" beispielsweise einen Mann, der seine Lebens- und Arbeitszeit für Frau und Tochter aufopfert. Als er unvermutet die Promiskuität der beiden entdeckt, der er nichts entgegenzusetzen vermag, führt ihn dies weg von seiner Familie und hin zum praktizierten Glauben.

In seinen letzten Lebensjahren, überschattet von der nationalsozialistischen Judenverfolgung und den Jahren im Exil, schreibt Stefan Zweig schließlich seine historische Novelle „Der begrabene Leuchter“ - „eine große Legende“, wie er sagt, angelehnt an das Schicksal des siebenarmigen Leuchters, der von Jerusalem nach Babylon wanderte, von dort zurückkam, dann von den siegreichen Legionen nach Rom gebracht wurde, wo ihn später die Vandalen geraubt haben. Am Ende soll der siebenarmige Leuchter in Konstantinopel gelandet sein – dem heutigen Istanbul. Stefan Zweig deutet ihn als Symbol der ewigen jüdischen Wanderschaft. Als die Hauptfigur Benjamin die Gruppe mit dem Leuchter von Rom zum Hafen begleitet, erklärt ihm der Rabbiner Elieser:

„Aber zerstreut, wie wir sein mögen, und zwischen die Furchen geworfen wie Unkraut von Morgen bis Mitternacht dieser Erde, sind wir doch Volk geblieben, ein einziges und einsames unter den Völkern, durch unseren Gott und den Glauben an ihn. Ein Unsichtbares ist es, das uns bindet, ein Unsichtbares, das uns hält und zusammenhält, und dies Unsichtbare ist unser Gott.”

Der Abdruck der Legende vom siebenarmigen Leuchter in der deutschen „Jüdischen Rundschau“ wird von der Nazi-Zensur untersagt. Stefan Zweig war in den ersten Jahren der NS-Herrschaft noch bemüht, politisch aktiv zu werden, indem er versuchte, international bekannte und einflußreiche jüdische Personen zur Veröffentlichung eines gemeinsamen Manifests gegen die Ausgrenzung der Juden in Deutschland zu gewinnen. Gleichzeitig schrieb er an seinem Text „Der begrabene Leuchter“, der fast schon die Länge eines kurzen Romans erreichen sollte. In der Gestalt des Rabbis Elieser sprach er aus, was für ihn jetzt jüdische Identität ausmachte:

„Wir aber, wir einen und einzigen, hängen am Unsichtbaren und suchen einen Sinn über unserem Sinn. Alle unsere Mühsal entstammt dem Drange, daß wir uns nicht an das Faßbare halten, sondern Sucher gewesen sind und ewig bleiben des Unsichtbaren. Aber stärker ist, wer sich dem Unsichtbaren bindet, als wer am Greifbaren hängt, denn vergänglich ist dieses, und jenes besteht. Und stärker ist der Geist auf die Dauer denn die Gewalt.”

Gleichzeitig klingt hier die Erfahrung aus Zweigs letzten Lebensjahren an, die ihn aus Salzburg zuerst nach Ostende an der belgischen Küste, dann nach Großbritannien und schließlich ans Ende seiner Reise ins Exil führen sollte - nach Brasilien:

„[...] warum faßt Gott gerade uns so hart unter den Völkern, gerade uns, die wir ihm dienten wie keines? Warum wirft er gerade uns unter die Sohlen der andern, daß sie uns treten, uns, die ihn als die ersten erkannt und gepriesen in der Unfaßbarkeit seines Wesens? Warum zerstört er, was wir bauen, zerschlägt er, was wir erhoffen, warum nimmt er uns die Bleibe, wo immer wir rasten, warum stachelt er Volk um Volk gegen uns zu ewig erneuertem Haß? Warum prüft er uns, und immer nur uns, so hart, die er zuerst sich erlesen und als die ersten eingetan in sein Geheimnis?”

In der Nacht auf den 23. Februar 1942 nahm sich Stefan Zweig in Petrópolis nordöstlich von Rio de Janeiro gemeinsam mit seiner Frau das Leben. Er hatte jede Hoffnung verloren, daß die Welt einmal von der deutschen Diktatur befreit werden könnte – „nachdem“, wie er in seinem Abschiedsbrief schrieb, „die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“ Seine Jüdischen Erzählungen und Legenden können – in den Worten des Herausgebers Stefan Litt – vielfältige Einblicke sowohl in die innere Verfaßtheit des Autors als auch in die Gegebenheiten der Zeit ermöglichen. Daß sie dabei eine bleibende oder auch neue Aktualität besitzen, zeigt die außergewöhnliche Weitsicht und literarische Meisterschaft von Stefan Zweig.