Zülfü Livaneli - Unruhe

Zülfü Livaneli - Unruhe

Zülfü Livaneli - Unruhe

Von Stefan Berkholz

Aufklärung aus der Türkei: Zülfü Livaneli verfolgt in seinem neuen Roman das Schicksal der Jesiden.

Zülfü Livaneli
Unruhe

Aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2018
170 Seiten
18 Euro

Ihre Religion ist sechstausend Jahre alt

Fangen wir mal mit dem Wort selber an, denn eigentlich muss es nicht Jesiden heißen, sondern Eziden. Ihre Religion ist sechstausend Jahre alt, sie waren also vor den Juden da, vor den Christen und vor den Muslimen.

So erfährt es die Hauptfigur in dem neuen Roman von Zülfü Livaneli, der Ich-Erzähler und Journalist Ibrahim auf seiner Spurensuche an der türkisch-syrischen Grenze.

"Die Eziden wenden sich drei Mal pro Tag der Sonne zu und beten, und es heißt manchmal, ihre Religion gehe auf einen Sonnenkult zurück. Sie ist eben so alt, dass ihre Anfänge vergessen wurden. Wir haben hier aramäische Klöster, und unter einem davon, dem Kloster Zafaran, ist ein vermutlich vor viertausend Jahren errichteter Sonnentempel, da gehen sie manchmal zum Beten hin. Ihrem Glauben nach gibt es Gott und sieben Engel."

Spurensuche

Fundamentalisten anderer Religionen halten die Jesiden für Teufelsanbeter. Und seit in Syrien und im Irak die terroristische Miliz Islamischer Staat wütet, sind die Jesiden zur größten Flüchtlingsgruppe aus der Region geworden. Zülfü Livaneli hat in seiner Literatur immer wieder den Verfolgten und Minderheiten eine Stimme gegeben. Sein Ich-Erzähler Ibrahim, ein angesehener Journalist aus der türkischen Metropole Istanbul, hatte von der Ermordung eines Jugendfreundes erfahren und war in die uralte Grenzstadt Mardin im türkischen Teil Mesopotamiens, in Südanatolien, nahe der Grenze zu Syrien, gereist. Auf seiner Spurensuche dringt er immer weiter in die verzweifelte Geschichte der Jesiden ein, und er stellt seine eigene Identität zunehmend in Frage. Daher der Titel des Romans: "Unruhe“".

"Zurück in Istanbul war ich noch immer wie benommen von all den Geschichten, die ich gehört hatte, und vor lauter Unruhe konnte ich mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Als wäre mein Körper nach Istanbul geflogen, meine Seele dagegen in Mardin geblieben."

Liedermacher und Komponist und Friedensbotschafter

Zuelfue (Zülfü) LIVANELI, TUR, Schriftsteller, Saenger, Komponist, Regisseur

Zülfü Livaneli

Der 72-Jährige Zülfü Livaneli war (und ist) ein berühmter Liedermacher und Komponist in seiner Heimat Türkei, er wird gefeiert als Musiker und Friedensbotschafter. Mittlerweile hat es der Künstler auch zu einem versierten Erzähler gebracht, seit 2008 hat der Verlag Klett-Cotta bereits vier Romane und seinen Lebensbericht ins Deutsche übertragen lassen. In den 1970er Jahren musste Livaneli einst selbst wegen seiner politischen Ansichten im Exil leben, heute macht er sich verstärkt Sorgen um den Zustand seiner Heimat unter Erdogan. Er sieht sich auch selbst gefährdet, aber er bleibt im Land und hält Stand. Livaneli glaubt an die Kraft des Wortes und die Wirkung von Kunst. Es gibt Mittel, die stärker sind als die Politik, ist er sich sicher.

"I believe that culture activities can change the world. […] It is the only hope. Because I was a member of parliament but I quit the party immediately, because I don’t like the party structures. But you know I can judge the politics. Politicians have really limited effects for a limited time. Culture goes on. It’s a much more bigger and deeper effect."

"Ich glaube, dass kulturelle Aktivitäten die Welt verändern. Das ist die einzige Hoffnung. Ich war von 2002 bis 2007 Mitglied des türkischen Parlaments. Aber ich verließ die Republikanische Volkspartei nach nur fünf Jahren, weil ich diese Parteistrukturen nicht mag. Ich kann also Politik beurteilen. Politiker haben sehr limitierte Möglichkeiten in einer beschränkten Zeit. Kultur reicht weiter. Kultur hat eine sehr viel größere und tiefere Wirkung."

Überlegungen und die Fantasie

Livanelis Manko als Romanschriftsteller zeigt sich leider auch in diesem Buch erneut. Er erklärt und kommentiert zu viel, er lässt dem Leser zu wenig Raum für eigene Überlegungen und die Fantasie. Seine Mischung aus erzählerischen Passagen und essayistischen Absätzen ist hier zudem noch augenfälliger als in anderen Romanen – in diesem Fall allerdings auch einsichtiger, weil der Erzähler ein Journalist ist. Livaneli gibt in dessen Worten auch Einblicke in die Zweifel eines schriftstellerischen Schaffens.

"Um die Leere zu füllen, schreibe ich diese Zeilen nieder, vielleicht wird ja ein Buch daraus, doch ehrlich gesagt weiß ich nicht, wozu. Ob ich das Buch nun schreibe oder nicht, was macht das für einen Unterschied? Und ob die Leute es dann lesen oder nicht? […] Und je mehr ich schreibe, umso stärker wird mir auch klar, warum ich das tue: Nicht um der Welt etwas mitzuteilen, nicht um die Menschen wachzurütteln. […] Ich schreibe vielmehr, um mich selbst zu therapieren, um wieder die Kraft zu schöpfen, die ich für ein Leben unter den Wesen, die sich Menschen nennen, so dringend brauche. Zumindest kommt mir das so vor."

Die Gräuel sind in der Welt

Zülfü Livaneli hat einen einfach gestrickten, in kurze, knappe, manchmal nur zwei, drei Seiten lange Kapitel verpackten Gegenwartsroman verfasst. Manchmal ist der nah an der Kolportage angesiedelt. Die Gräuel sind in der Welt, sagt Livaneli, und er beschreibt sie auch, doch die Liebe lässt Hoffnungen zu. Livaneli wirbt für ein besseres, ein friedlicheres, ein vorurteilsfreies Zusammenleben. Und er hat mit diesem Roman über die Jesiden erneut ein Licht in die Schatten dieser Welt gebracht.

Zülfü Livaneli: Unruhe

WDR 3 Buchrezension | 30.10.2018 | 05:04 Min.

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Stand: 29.10.2018, 14:52