Marcia Zuckermann: Mischpoke!

Marcia Zuckermann: Mischpoke!

Von Kosfeld, Christian

Marcia Zuckermann erzählt die Geschichte der jüdischen Familie Kohanim und der protestanstischen Familie Hanke, die in Westpreussen ihren Anfang nimmt und durch turbulente Zeiten, erschüttert durch zwei Weltkriege, bis ins heutige Berlin führt.
Mischpoke! ist eine spannungsreiche Familiensaga voller Tragik und Komik, vorbehaltsloser Selbstironie und verschmitztem Humor - ein grossartiges Hörvergnügen.

Literaturangaben:
Marcia Zuckermann: Mischpoke!
Gelesen von Gesine Cukrowski Hörkultur
Autor: Marcia Zuckermann Regie: Wolfgang Koch
Hörkultur Verlag AG, 2 MP3 Audio und Download, 24.90 Euro

Hörbuchcover: Marcia Zuckermann: Mischpoke!

Hörbuchcover: Marcia Zuckermann: Mischpoke!

Marcia Zuckermann: "Mischpoke! Ein Familienroman" (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 22.07.2021 05:13 Min. Verfügbar bis 22.07.2022 WDR 3


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Eine spannende Hör-Reise in die jüdisch-deutsch Geschichte

"Mischpoke" erzählt die Geschichte der jüdischen Familie Kohanim mit ihren sieben Töchtern von 1902 bis in die Gegenwart. Eine spannende Hör-Reise in die jüdisch-deutsch Geschichte: engagiert und humorvoll, meint Christian Kosfeld.

"Eine Fliege, die im Doppelfenster meines Krankenzimmers gefangen ist, rasselt schon wieder gegen die Scheibe. Aus Übermut, so wie die dumme Fliege, die die Außenscheibe attackiert, nehme ich Frau Dr. Vogelsang, die die Ursachen meines Gedächtnisverlustes untersuchen soll, aufs Korn und spotte: "Vielleicht war ja mein ganzes bisheriges Leben auch nur eine einzige posttraumatische Belastungsstörung?" Die linke Augenbraue meiner Therapeutin zuckt hoch und bildet einen schwarzen gotischen Bogen, "Der Ernst der Lage ist Ihnen aber schon bewusst, ja?"

"Teilweiser Gedächtnisverlust", lautet die Diagnose

In der Rahmenhandlung des Hörbuchs wird die Ich-Erzählerin in eine Klinik eingeliefert. "Teilweiser Gedächtnisverlust", lautet die Diagnose. Die Gespräche mit ihrer Ärztin und einer Anwältin wechseln sich kapitelweise ab mit ihrer Familiengeschichte, die im Jahr 1902 beginnt. Sieben sehr unterschiedliche Töchter hat der liberale Möbelfabrikant Samuel Kohanim. Er bezeichnet sie scherzhaft als die "biblischen Plagen". Natürlich sollen sie alle heiraten.

"Aber gegen das süße Gift der Romantik, dem inzwischen ausnahmslos alle jungen Mädchen, egal ob Deutsche, Polin, Russin oder Jüdin, zum Opfer fielen, sei kein Kraut gewachsen.  Trotzdem schien es Samuel Kohanim ratsam, an die Vernunft seiner Töchter zu appellieren: „Ihr haltet eure Eltern doch nicht für Scheusale, die euch Böses wollen, oder?“  Seine Frage prallte auf Flunsche, Schippen, Schmollmünder, vorwurfsvolle Blicke und trotzige Stirnen. „Überlegt doch mal selbst. Der junge, unerfahrene Mensch denkt, das sei für immer. In Wahrheit ist die Liebe ein äußerst flüchtiges Gefühl.“ Die Mädchen zeigten sich nicht überzeugt."

Kohanim-Mädchen im heutigen Polen

Marcia Zuckermann verfolgt in ihrem Roman die Lebenswege der Kohanim-Mädchen aus der Kleinstadt Schwetz, im heutigen Polen. Flora heiratet einen Buchhändler in Danzig, Selma einen Hilfsrabbiner, die eigensinnige Fränze zieht nach Berlin, bewegt sich im Weddinger Arbeitermilieu. Fanny eröffnet ein Schneideratelier, Martha heiratet den Juristen Leopold Hirschfeld, der sich und seine Familie taufen lässt. Zuckermann schildert sehr unterschiedliche jüdische Milieus in lebendigen Szenen.

Cukrowski kann jugendlich frisch klingen, schnoddrig und direkt mit Berliner Jargon.

Sprecherin Gesine Cukrowski ist zwar seit 25 Jahren ein bekanntes Gesicht vor allem aus Fernseh-Produktionen. Hörbücher hat die gebürtige Berlinerin bisher kaum aufgenommen. Dabei macht sie das ausgezeichnet: Cukrowski kann jugendlich frisch klingen, schnoddrig und direkt mit Berliner Jargon. Souverän führt sie durch diese opulente Familiensage, kann die tragischen Seiten ebenso einfühlsam gestalten wie komische Dialoge. Etwa, wenn Franziska mit ihren Söhnen Walter und Benno über Palästina diskutiert.

"Warum gehen wir eigentlich nicht auch nach Palästina?", wollte Walter letztens von Fränze wissen. "Jedes Jahr sagen wir zu Pessach: Nächstes Jahr in Jerusalem!, aber keener jeht hin! Is’ doch ziemlich behämmert, oder?"  "Walter, du sollst nicht so berlinern! Und was sollen wir deiner Meinung nach in der Wüste bei den Kamelen?" "Na, wie hier: einfach ’ne Klempnerwerkstatt aufmachen!" "Da gibt’s ja noch nicht mal Wasser! Geschweige denn Wasserleitungen! Wer braucht’ denn da ’n Klempner?", amüsierte sich die Silberpappel. "Na, grade!", konterte Benno. "Wenn’s keine Wasserleitungen gibt, dann braucht man erst recht Leute, die welche bauen und verlegen. Wasser brauchen alle, ist doch logisch"

Die Machtübernahme der Nazis und der Holocaust zerreißen die Familien

Die Machtübernahme der Nazis und der Holocaust zerreißen die Familien der Kohanim-Schwestern. Über zweihundert Mitglieder kommen um, manche flüchten nach England, Palästina, Schanghai. Fränzes Sohn Walter wird als Kommunist im KZ Buchenwald inhaftiert. Er überlebt, gründet in Ost-Berlin eine Familie, so wie Marcia Zuckermanns Vater. So schließt sich der Kreis zur Ich-Erzählerin in der Gegenwart. Deren Amnesie ist inszeniert, denn sie hat einer Frauenrechtlerin bei der Flucht aus der Türkei geholfen. Geschichte bedeutet Verantwortung, so Zuckermann. Gesine Cukrowski gestaltet "Mischpoke" als spannende Hör-Reise in die jüdisch-deutsch Geschichte: engagiert, nachdenklich, dabei voller Humor.

"Stalin ist tot! Töterö! Stalin ist tot! Töterö!" Hüpfend ins Schlafzimmer meiner Eltern. Ich hatte vergessen anzuklopfen, aber ausnahmsweise machten sie mir an diesem Tag keine Vorwürfe. "Stalin ist tot!", krähte ich in ihren Coitus interruptus. Mein Vater riss mir die Zeitung aus der Hand. So konnte ich unter die warme Steppdecke in die Besucherritze des Ehebettes schlüpfen. Meine kalten Hände ließ ich auf dem Bauch meines Vaters, meine kalten Füße steckte ich zwischen die warmen Oberschenkel meiner Mutter. Vielleicht war das der glücklichste Morgen meiner Kindheit: Stalin war tot, und meine sonst so zanklustigen Eltern waren friedlich und wärmten sich und mich."



Stand: 19.07.2021, 20:35