Botho Strauß - zu oft umsonst gelächelt

Botho Strauß - zu oft umsonst gelächelt

Botho Strauß - zu oft umsonst gelächelt

Von Wolfgang Schneider

In der Liebeszone - zum 75. Geburtstag von Botho Strauß erscheint ein neuer Prosaband mit hintergründigen Beobachtungen.

Botho Strauß
zu oft umsonst gelächelt

Hanser Verlag, München 2019
214 Seiten
22 Euro

Botho Strauß: "Zu oft umsonst gelächelt"

WDR 3 Mosaik 02.12.2019 05:27 Min. Verfügbar bis 01.12.2020 WDR 3

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Mit jedem Satz aufs Ganze gehen

Kleine, fragmentarische Formen des Erzählens gelten den Verlagen heute fast schon als geschäftsschädigend. Botho Strauß aber bleibt ihnen mit aller Entschiedenheit treu. Dass er keine Romane schreibt, hat auch damit zu tun, dass er mit jedem Satz aufs Ganze geht. In prägnanter Kürze versucht er, einer Erscheinung beizukommen, eine Handlung oder Gebärde durchsichtig zu machen. Ein Romancier dagegen schreibt immer in Hinblick auf einen nächsten Winkelzug des Plots. Botho Strauß mag sie nicht, diese, wie er einmal gesagt hat, "geschickt geschriebenen Romane voller schlechtgesehener Menschen".

"Zu oft umsonst gelächelt" ist wieder eine Sammlung von Skizzen, Szenen, Betrachtungen und Kurzgeschichten, die sich einem großen, bewährten Strauß-Thema widmen: der Liebe und der Leidenschaft als herausgehobenen Zuständen, bei denen nicht nur der Unterleib besser durchblutet wird, sondern auch in Geist und Bewusstsein Flammen entzündet werden. Gerade das „Unhandgreifliche“ der Liebe interessiert diesen Erzähler, jene subtilen Details, die in vielen Romanen oder Filmen durchs Raster fallen.

Mann und Frau sind niemals Partner

Beglückendes, Katastrophisches, Skurriles – davon wird hier erzählt. Von Paaren im ersten Glücksbann oder in der Auflösung, von Veteranen vergangener Liebesschlachten, von Verstoßenen und Getäuschten. Strauß leistet Widerstand gegen die Banalitäten des regulierten Geschlechter-Umgangs, gegen die Verschrumpfung der Liebe durch zu viel Verständigungsjargon und Allerweltspsychologie. Schon ein Wort wie "Partner" stößt ihm übel auf.

"Mann und Frau sind niemals Partner. Eine Frau ist Verehrte oder Begehrte, Dulderin oder Unduldsame, Lügnerin oder treue Seele, im besten Fall Kombattantin im gleichen Vorwärts und Entgegen, gleichwertig, gleichberechtigt… - nur niemals ein Partner. Ordinäre Anleihe aus dem Geschäftsleben. Man unterschätze nicht die Magie der Banalität, die mit solcher Bezeichnung in jede Liebe einzieht und sie aushöhlt."

Verschiedene Formen von Gemeinschaft und Freundschaft

Botho Strauß

Botho Strauß

Solche Reflexionen verbinden sich mit einem Reigen einprägsamer Figuren und Affektskulpturen:

Die Miesmacherin, die ihren Mann ständig abkanzelt, der Verpfuscher der ersten Liebesnacht, das Paar, das sich auf der blockierten Rolltreppe kennenlernt, der erfolgreiche Unternehmer, der sein Leben mit einem weiblichen Quartett eingerichtet hat: seiner Ehefrau, seiner Geliebten, seiner "Fernstenliebe“ und der "hilfreichen Närrin". Als er diese aber eines Nachts zur Geliebten macht, ist es aus und vorbei mit seinem Geschäftsglück.

Gelegentlich gehen die Geschichten ins Märchenhafte, Traumhafte oder Surreale über, andere spielen mit mythischen Kontexten: Parzival, Orpheus, die Odyssee. Strauß verlässt sich auf keinen konventionellen Nummer-Sicher-Stil; er ist immer auf der Suche nach ungewohnten Formulierungen und Bildern und scheut nicht das Pathos. Das birgt das Risiko des Missglückens. Aber ohne Wagnis kein Gewinn. Viele Formulierungen sind so treffsicher wie hintergründig. Wortmagie spielt auch in den Geschichten selbst eine Rolle. In einer entwickelt sich die Liebe zwischen einer Journalistin und ihrem polnischen Computertechniker aus einem einzigen Wort, das die Ehefrau des Mannes, vielleicht ohne es richtig verstanden zu haben, fallen lässt: „Nebenbuhlerin“. Es stimuliert die erotische Phantasie der Journalistin so heftig, dass sie die bisher bloß unterstellte Affäre nun in die Tat umsetzt. Es geht in diesem Band aber nicht nur um Liebe, sondern um verschiedene Formen von Gemeinschaft und Freundschaft – ein kaum weniger heikles Gebiet. Die längste Geschichte, immerhin zehn Seiten, erzählt von elf Kino-Enthusiasten, die gerade zusammen den Film ihres Lebens gesehen haben und nun verzweifelt um Worte für ihr Erlebnis ringen. Eine andere gewitzte Parabel berichtet von einem kleinen Männerchor, der eines Tages mitten im Gesang völlig aus der Spur der Melodie gerät:

"Ein inniges Solo wechselt in der Sekunde zum ordinären Fluch, Harmonien zerschellen wie hingeworfene Porzellanfiguren. Es explodiert ein gehässiger Streit unter den Sängern. Jeder bezichtigt den anderen, singend nichts als seinen schlechten Charakter in die Töne zu verlagern. Sie schelten und drohen, und schließlich psychologisieren sie, dass es seine Art hat. Irgendwann ermüden sie in ihrem Gezänk, vergeben einander, richten sich auf und versuchen mit vorsichtigen Intonationen zum achtstimmigen Gesang zurückzukehren. Aber wie sie’s auch üben und immer von vorne beginnen, sie finden nicht zum alten Einklang zurück."

Eine Lektion im Empfindsamkeit

Zuviel psychologisiert – und der erhöhte Zustand der Gemeinschaft ist ein für alle Mal verloren. Zuviel Bewusstsein, und die Anmut ist dahin; Kleists "Marionettentheater" lässt grüßen. Eine gewisse Paradoxie besteht darin, dass Botho Strauß selbst ein erstrangiger psychologischer Beobachter und Bewusstmacher ist, der mit seinem literarischen Sensorium feinste Verästelungen und Transformationen der Gefühle erkundet. Wer seinen neuen Erzählband liest, schult seine Empfindungsfähigkeit.

Stand: 01.12.2019, 18:31