Zoran Terzić - Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten.

Zoran Terzić - Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten.

Zoran Terzić - Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten.

Von Brigitta Lindemann

Es gibt kein richtig vernünftiges Leben im falschen: eine unterhaltsame Typenlehre der Idiotie versammelt die widersprüchlichsten Erscheinungsformen.

Zoran Terzić
Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten.

Diaphanes Verlag, Zürich 2020
360 Seiten
24 Euro

Wir bewegen uns in Netzwerken.

Ursachen und Wirkungen sind längst unwägbar. Strategische Selbstverdummung ist unumgänglich, um Komplexität zu reduzieren und handlungsfähig zu bleiben. Das meint, noch der Klügste ist immer auch Idiot! Diese Einsicht liegt der Studie des Kulturwissenschaftlers Zoran Terzić zugrunde - sie verpflichtet zur Bescheidenheit. Die Geschichte beginnt harmlos. Das Adjektiv „idios“ steht für eigen, privat, eigentlich. Der griechische idiotes ist der gemeine Mann, ein Einzelner im Gegensatz zum Ganzen der polis. In der haben Höhergestellte das Sagen, nicht er. Tumb oder imbezil ist er nicht, nur einflusslos. In der Neuzeit findet ein Begriffswandel statt: Aus dem selbstgenügsamen Privatmann wird ein klinischer Fall. Zu vermuten ist, dass die Neudefinition der Idiotie weniger auf ein plötzliches intellektuelles Ungenügen ihrer Repräsentanten zurückgeht, als vielmehr auf deren Eigensinn und Verweigerungshaltung.

"Die existentielle Vereinsamung, die stumme Frage nach dem Sinn, nach der Welt, nach den anderen, die taube Gestalt und die autonome Seinsweise, das hemmungslose Vorgehen und der stoische Trotz gegenüber den Dingen - das alles sind Themen, wie sie die Kulturgeschichte des Idioten bestimmen. Hier tummeln sich messianische Figuren mit Fragezeichen - Genies, Wahnsinnige, Mächtige, Aussätzige."

Zoran Terzić: "IDIOCRACY. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten."

WDR 3 Buchkritik 24.07.2020 05:54 Min. Verfügbar bis 24.07.2021 WDR 3


Download

Idioten erster und zweiter Ordnung

Der Autor unterscheidet zwischen Idioten erster und zweiter Ordnung. Ersterer entspricht der klassische Dümmling, der nicht dumm ist, vielmehr sich dumm stellt gegenüber den selbstverständlichen Annahmen aller anderen. Parzival, der in Terzić‘ Figurenkabinett merkwürdigerweise fehlt, liefert dafür seit 1180, seinem ersten Auftritt im Literaturkosmos, das Modell: Er ist die gebenedeite Einfalt, die Grenzen überschreitet, weil sie nicht um sie weiß.

Im Gegensatz zum Idioten der ersten ist Terzić‘ Idiot der zweiten Ordnung in der Regel gewissenlos und darauf aus, das schlechte Wirkliche zu stabilisieren zum eigenen Vorteil. Er verkörpert die angewandte Idiotie in ihrer übelsten Variante. Fakten und ihre Logik scheren ihn nicht; Diskurs kennt er nicht, auch keine Rücksicht, gar Manieren. Lügner, Betrüger, Tyrannen, Banausen - Terzić präsentiert zahllose Beispiele. Selbstsaboteure allesamt, was sie, darauf vertrauend, dass ihre Macht sie schützen werde, wenig bekümmert. Der Autor, der über ein immenses Archiv verfügen muss, zitiert hierzu den englischen Autor Chesterton. Nur ein Idiot, sagte der, würde sich irrreparabel schaden, um sich unangreifbar zu machen. Als ultimative Gestalt dummdreister Kenntnislosigkeit figuriert - wenig überraschend - der derzeitige amerikanische Präsident. Terzić widmet sich Trump in aller Ausführlichkeit; gleichzeitig dient er ihm als Sprungbrett in den zweiten Teil seiner Untersuchung - der Idiokratie als System.

Die erlernte Unfähigkeit

Zoran Terzić

Zoran Terzić

Idiokratie, das meint, so Terzić, die erlernte Unfähigkeit, private, besondere oder einzigartige Belange auf das große Ganze der Gesellschaft zu beziehen. Doch übernimmt sich der Kulturwissenschaftler bei der Aufgabe, eben dies in Hinblick auf seinen Gegenstand zu leisten:

Über die Darstellung der singulären Idiotenfiguren hinaus die Mechanismen der Idiotisierung aufzudecken. Terzić flüchtet ins Vage und versteckt sich hinter etablierten Geistesgrößen:

"Die Idiokratie… ergibt das Bild einer >herausgeforderten Gemeinschaft< (Jean-Luc Nancy), die zur überforderten wird und als überforderte weiter funktioniert - getrieben von einem Bewusstsein, >das unter Zwängen der Selbsterhaltung in einem permanenten moralischen Selbstdementi abgewirtschaftet weiter wirtschaftet< (Peter Sloterdijk)."

Nicht durch Vernunft, durch Empathie gelang die Erlösung

Terzić fächert Persönlichkeitsdispositionen auf und buchstabiert sich durch eine endlose Typenliste. Er lässt zahllose Philosophen und Gesellschaftstheoretiker antreten von Platon zu Zizek; Künstler und Literaten von Sebastian Brant bis Botho Strauß. Und weil das zumeist lehrreich, ist selbst ein Zuviel an name-dropping auszuhalten. Entstanden ist ein impressionistisch-zerzaustes Buch über die Gestalt des Idioten in seinen mannigfachen und widersprüchlichen Erscheinungen und Handlungsweisen. Voller Anekdoten und Anregungen, witzig und gescheit. Im letzten Kapitel unterbreitet Terzić Vorschläge zu einer Idiopraxis, der es gelingen möge, das schlechte Wirkliche zu unterminieren. Wichtig dabei: nicht systemisch denken, die Regelwerke ignorieren! Das ist eine probate Rezeptur, die auch schon verschrieben wurde vor fast einem Jahrtausend im Parzival-Epos: Nicht durch Vernunft, durch Empathie gelang die Erlösung aus finsterem Wahn. Und durch Lachen und Spiel.

Stand: 21.07.2020, 16:04