Hanns Zischler - Der zerrissene Brief

Hanns Zischler - Der zerrissene Brief

Hanns Zischler - Der zerrissene Brief

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Ein Maskenspiel: Durch Fragen gedrängt, öffnet sich eine alte Frau ihren Erinnerungen – und erkennt erst dadurch, wie außerordentlich ihr Leben gewesen ist.

Hanns Zischler
Der zerrissene Brief

Galiani Berlin
272 Seiten
20 Euro

Masken, immer wieder Masken.

Sie sind wie ein roter Faden, der sich durch den Roman zieht. Objekte, die Schicksal spielen und Menschen und Ereignisse miteinander verbinden, die sich sonst nie verbunden hätten. Max, der eigentlich Pelzhändler werden sollte, war unwiederbringlich verloren, als er so ein archaisches Kunstwerk zum ersten Mal sah:

„Es war ein etwa handgroßer, aufrecht stehender Fuchs, der hölzerne Körper war am Bauch mit Fell überzogen, das Gesicht aber war nackt und, wie die Pfoten, aus Eisen geformt. Auf dem Rücken waren Vögel gemalt.“

Statt Pelzjäger zum Forscher und Sammler.

Es stammte vom Fluss Amur in Sibirien, und statt Pelzjäger wurde Max zum Forscher und Sammler. Auf der ganzen Welt suchte er Volksstämme auf, für die altes Schamanen-Wissen noch Teil ihrer Gegenwart war. Die Maske eines römischen Flussgottes, die man in der Nähe gefunden hatte, brachte ihn auch ins fränkische Städtchen Treuchtlingen. Und da traf Max Pauline, um die dreißig Jahre jünger als er, die ihn auf den ersten Blick ebenso verzauberte wie einst der sibirische Fuchs.

"Und warum gerade Masken? – Das habe ich ihn auch einmal gefragt. Er sagte, und ich kann mich an jedes Wort erinnern: „Weil das Übernatürliche darin zugleich sichtbar und unnahbar wird."

Trost und Rat

Hanns Zischler

Hanns Zischler

Pauline wurde seine Lebens- und Reisegefährtin. Und sie ist auch die Haupterzählerin des dialogischen Romans. Denn eines Tages – Max ist schon lange tot - taucht Elsa bei ihr auf, eine Art Adoptivtochter, die Trost und Rat in ihrem Liebeskummer sucht. Stattdessen gerät sie in den Sog von Paulines Erinnerungen. Ihre Fragen führen die 84jährige Frau trotz ihrer lächelnden, manchmal auch unwirschen Abwehr zurück in eine Vergangenheit so erfüllt, farbig und vielseitig, dass Elsas Herzschmerz ihr dagegen fast langweilig und trivial erscheint. Pauline erzählt in Sprüngen, assoziativ, treibt von einem Ereignis oder einem Objekt zum anderen.

"Und dann? Was ‚und dann’? Es gibt nicht immer ein ‚und dann’, es geht nicht alles einfach so weiter, was glaubst du? Du meinst wohl, wenn man ‚ein und dann’ auswirft wie eine Angel, wird schon irgendwas anbeißen, ja?"

Ein Wanderleben durch die halbe Welt

Irritierend chaotisch das Ganze, die Personen gewinnen nur langsam Konturen, und es dauert, bis sich allmählich eine zusammenhängenden Geschichte herausschält: Max, der kluge, hoffnungsvoll verliebte Exzentriker schickte die siebzehnjährige Pauline 1899 für zwei Jahre nach New York, wo sie zu einer modernen, selbständigen jungen Frau wurde. Sie heirateten, und Pauline teilte bald die Forscher-Besessenheit ihres Mannes. Ihr Wanderleben führte das Paar durch die halbe Welt, Russland, Japan, Asien, sie katalogisierten, sammelten und zeichneten auf.

Doch die dunklen Geister der Vergangenheit hausten nicht nur in alten Masken: gerade Max war getrieben durch einen unstillbaren „Raumhunger“, wie er es nannte, die zornige Erinnerung an seine „Efeumutter“, die sich wie ein wucherndes Gewächs an ihn geklammert und ihm die Kraft ausgesaugt hatte. Sie hasste Pauline, die neue Frau, spießte sie auf mit ihrem bösartigen Spott – der zerrissene Brief, der dem Roman den Titel gibt, war die Nachricht ihres Sohnes über seine bevorstehende Hochzeit.

"In diesem Umschlag befanden sich eine Photographie und ein zerrissener Brief. Es war das Porträt Paulines aus dem Studio (...) in Manhattan. Das Bild war vermutlich mit einem spitzen Gegenstand, vielleicht einer Nagelfeile, durchgeixt. Paulines linkes Auge war zerfetzt."

Nicht das einzige zerrissene Papier im Buch.

Andere Briefe, Notizen, wissenschaftliche Aufzeichnungen, lose verstaute Gegenstände: die Welt der Erinnerung ist fragmentarisch, ein Gewebe aus Beziehungen, ein vernetztes Spiel auf verschiedenen Zeitebenen, die weit in die Vergangenheit hinabreichen: Elsas Besuch bei Pauline findet im Sommer 1966 statt, Pauline ist 1882 geboren, Max im Mitte des19. Jahrhunderts, lange vor der russischen Revolution, als die bewunderte und geliebte sibirische Weite noch nicht versperrt war durch von Politik und Ideologie gezogene Grenzen. Und im Vorwort schreibt Elsa einem unbekannten Adressaten von Paulines Tod und schickt ihm ihre Aufzeichnungen.

"Du fragst mich auf deiner Karte, ob Pauline mir diese Geschichte wirklich erzählt hat? Zweifelst du daran?"

Ein im allerbesten Sinn altmodischer Roman.

Ein klassischer Topos der Literaturgeschichte: die Rahmenhandlung, in der ein unbekannter Herausgeber ein geheimnisvolles Manuskript erhält - Hanns Zischler ist ein außerordentlich belesener Autor, er spielt mit diesem Wissen, souverän, heiter und doch ernsthaft. Ob es um Gedichte geht, um Geschichte, um literarische Vergleiche: alles ist Teil dieser Roman-Welt, die nicht nur durch die Zeit, die sie umspannt, etwas melancholisch Vergangenes ausstrahlt. Ein im allerbesten Sinn altmodischer Roman, sprachlich manchmal eigenwillig doch nie experimentell, ein kluges Nachdenken über fragmentarisch Sichtbares und Verschwundenes – vor und hinter den Masken.

Hanns Zischler: "Der zerrissene Brief"

WDR 3 Buchkritik 25.03.2020 05:23 Min. Verfügbar bis 25.03.2021 WDR 3

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Stand: 23.03.2020, 21:49