Rüdiger Zill - Der absolute Leser

Rüdiger Zill - Der absolute Leser

Rüdiger Zill - Der absolute Leser

Von Jochen Stöckmann

Akribische Arbeit am Mythos – zum 100. Geburtstag von Hans Blumenberg erscheint eine Biografie des "unsichtbaren Philosophen".

Rüdiger Zill
Der absolute Leser

Hans Blumenberg
Eine intellektuelle Biographie
Suhrkamp, Berlin 2020
816 Seiten
38 Euro

Rüdiger Zill: "Der absolute Leser"

WDR 3 Buchkritik 10.07.2020 05:21 Min. Verfügbar bis 10.07.2021 WDR 3

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Weniger eine Frage des Grundsatzes als des Unbehagens

Hans Blumenberg, der in einem Dokumentarfilm als "unsichtbarer Philosoph" porträtiert worden ist, rückte Fotos seiner eigenen Person nur ungern heraus. Dem Verleger Michael Krüger, der ihm eine Ausgabe der Zeitschrift "akzente" widmete, erklärte Blumenberg diese Verweigerungshaltung:

"Es ist dies weniger eine Frage des Grundsatzes als des Unbehagens der Anpassung an eine von Bildsucht geplagte und doch von Bildern unbefriedigte Welt."

Oral history

Damit läuft jeder Biograph Gefahr, sich im Grunde auf das Nachzeichnen, allenfalls die akribische Imitation oder originelle Proklamation Blumenbergscher Gedankengänge beschränken zu müssen – selbst, wenn er, wie Rüdiger Zill, auf Briefe und den größtenteils unveröffentlichten Nachlass zurückgreifen kann. Aber hier hilft dann doch die für "intellektuelle Biographien" selten gewordene oral history weiter. Ein Assistent an dem von Blumenberg in Gießen Ende der 1950er Jahre aufgebauten Institut für Philosophie erzählt:

"Es war unglaublich, wie weltmännisch Blumenberg auftrat. Über Philosophie haben wir dabei fast nie geredet. Unsere Hauptthemen waren Autos, die Aufbewahrung von Zigarren im Wäscheschrank, die Märklin-Eisenbahn und die Bequemlichkeiten der neuesten Hausgeräte. Blumenberg war ein Technikfan."

Aus eigener Anschauung

Diese von Zill aufgespürten Zeugnisse überraschen bei einem Philosophen, der nach Dafürhalten seines Kollegen Odo Marquard die "methodische Vereinsamung" zur Grundlage des Denkens machte. Aber wenn Blumenberg sich daheim am Stehpult mit dem Vordringen der Technik in den Alltag oder dem Niedergang des Reisens im Massentourismus auseinandersetzt, schöpft er auch aus eigener Anschauung: Mit einem befreundeten Ehepaar hat man 1955 Ägypten bereist und die Wüste durchquert – in einem Mercedes, der zuvor samt Reisegesellschaft nach Alexandria verschifft worden war. In der Rückschau allerdings muss Blumenberg feststellen, dass stärker als solche "Lokaltermine" die Imagination gewesen sei – befeuert durch Lektüre, in diesem Fall von Thomas Manns zweibändigem Roman "Joseph und seine Brüder". Das wird vermerkt in einer akribisch geführten Lektüreliste. Und der Biograph konstatiert:

"Beide Bände sind mit einer enthusiastischen Eins bewertet. Der lesende und der reisende Blumenberg korrespondierten also miteinander, wobei das Gelesene realer erscheint und auch eindrucksvoller als das Gelebte."

Zill ermittelt detailliert, zwischen den Zeilen

Hans Blumenberg

Hans Blumenberg

Die Auswertung von Blumenbergs früh einsetzender "intellektuellen Selbstverwaltung" mit Lektüre- und Schreiblisten markiert den späteren Lebens- und Denkweg: Noch in der Nazi-Zeit, mit jüdischem Familienhintergrund von Verfolgung bedroht, liest der vom humanistischen Gymnasium geprägte Student Hans Carossa, Thomas Mann, Ernst Jünger, Franz Kafka. Konventionelles und Klassiker, Populäres und Verbotenes vermischen sich. Aber mit der reflektierten Lektüre entwickelt sich der bibliophile Allesfresser zum intellektuellen Freigeist. Der "absolute Leser" – und feinnervige Schreiber – entpuppt sich dann in der Korrespondenz mit Lübecker Schulfreunden oder akademischen Kollegen, Redaktionen und Verlagen.

Diese Briefe allerdings sind – was den Biografen zu Höchstform auflaufen lässt – "mehrfach kodiert". Zill ermittelt detailliert, zwischen den Zeilen – und findet sogar Indizien für verhaltene, aus der Sprachkritik resultierende politische Stellungnahmen.

An der Universität hätte man sich Blumenberg mit seiner Philosophie der freilaufenden, allzu festgezurrten Begriffen entschlüpfenden Gedanken durchaus an der Seite der Studentenbewegung vorstellen können. Aber bereits Mitte der 1970er Jahre beharrt er auf der Vorlesung als seiner Idealform der Lehre, gegen Seminare oder Kolloquien:

"Philosophie lernt man dadurch, dass man zusieht, wie es gemacht wird. Deshalb sind Seminare für die Philosophie so sehr und besonders ungeeignet, weil sie Versammlungen von Leuten sind, die gemeinsam nicht wissen, wie’s gemacht wird."

Ein Metatheoretiker der Neugierde

Das richtete sich, Mitte der 1970er Jahre, gegen eine Verflachung, vor der auch ein Begriff wie "Kritik" in Blumenbergs Augen nicht gefeit war: Man spielte "die alte Leier auf immer andere Noten ab". Er zog sich zurück. Warum dieser Philosoph dennoch – oder gerade deshalb – zum "Metatheoretiker der Neugierde" avancierte, das zeigt Rüdiger Zill mit seinem Porträt eines ebenso beharrlichen wie quicken Denkers, der in seinem Büchergehäuse sitzt und leidenschaftlich gern die Tentakel ausfährt. Diese Biografie macht ihn sichtbar als einen der prägenden, einflussreichen Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Stand: 09.07.2020, 14:52