Jean Ziegler - Die Schande Europas: von Flüchtlingen und Menschenrechten

Jean Ziegler - Die Schande Europas

Jean Ziegler - Die Schande Europas: von Flüchtlingen und Menschenrechten

Von David Eisermann

Anhand erschütternder Einzelfälle schildert Jean Ziegler die Situation in dem griechischen Flüchtlingslager Moria auf Lesbos und das Versagen der Europäischen Union.

Die Schande Europas: Von Flüchtlingen und Menschenrechten

WDR 3 Buchkritik 17.04.2020 05:44 Min. Verfügbar bis 17.04.2021 WDR 3


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Es war 1964.

Während der Teilnahme Kubas an der ersten Weltzuckerkonferenz chauffierte der Student Jean Ziegler niemand anderen als Che Guevara. In Paris soll zuvor Simone de Beauvoir dem jungen Deutschschweizer Hans Ziegler den Vornamen Jean verpaßt haben. Auf Zieglers Wunsch, er möge ihn bei der Rückreise nach Kuba mitnehmen, habe Che Guevara dann geantwortet: „Dein Platz ist hier. Hier ist das Gehirn des Monsters. Hier mußt Du kämpfen.“ Ziegler blieb in der Schweiz, wurde Professor der Soziologie und verwendete an Stelle der deutschen die französischen Sprache. Schließlich machte er eine Karriere daraus, als führender Kritiker des westlich-kapitalistischen Status quo aufzutreten – bereits zu einer Zeit, als Wörter wie Migration oder Globalisierung noch gar nicht kursierten. Noch im hohen Alter sucht er unermüdlich die Orte auf, an denen er die Menschenrechte in Gefahr sieht. Als Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats besuchte im Mai 2019 das EU-Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Davon handelt sein neues Buch.

"An der mehr als 300 Kilometer langen, rauhen Küste der Insel Lesbos stößt der Besucher gelegentlich auf Berge von Schwimmwesten. Dort haben sich Flüchtlinge ihrer Westen entledigt, sobald sie festen Boden unter den Füßen spürten. An denselben Stellen entdeckt man zerrissene Schlauchboote, die an den Küstenklippen hängen. Wer an der Küste spazieren geht oder durch ihre Buchten segelt, kann regelmäßig ein ungewöhnliches Schauspiel beobachten: in aller Frühe oder in der Abenddämmerung fahren Lieferwagen die Küstenstraße entlang. Wenn ihre Fahrer eine solche Ansammlung von Schwimmwesten und gestrandeten Booten entdecken, halten sie an, nähern sich dem Schlauchboot, nehmen den Motor ab und schneiden Metallplatte heraus, die seine Unterlage bildet. Das alles wird mit Fischerbooten über die Meerenge befördert und dient den Schleusern zur Ausrüstung neuer Boote. Dieser lukrative Handel vollzieht sich vor den Augen und mit stillschweigender Duldung der griechischen Polizisten und Küstenwachen."

Eine griffige Geschichte und zwei große Traditionen

Jean Ziegler wird mit seinem neuen Buch seinem Ruf als Patenonkel der postkolonialistischen Kritik gerecht, auf der Kippe zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Meinungsjournalismus. Für seine zentrale These verbindet er mit einer griffigen Geschichte zwei große Traditionen: amerikanische Revolution trifft französische Revolution:

"1776 wurde Benjamin Franklin zum ersten Botschafter der jungen amerikanischen Republik in Frankreich ernannt. Er war damals 70 Jahre alt. Franklin, zusammen mit Thomas Jefferson Verfasser der in Philadelphia unterzeichneten Unabhängigkeitserklärung, genoss in Paris ein immenses Ansehen in den vorrevolutionären Kreisen und literarischen Salons. Das mitten im Viertel Saint-Germain-des-Prés gelegene Café Procope war der bevorzugte Treffpunkt der jungen Revolutionäre. Franklin war dort Stammgast. Eines Abends trat ein junger Mann an den Tisch des berühmten Gelehrten, zog ihn am Ärmel und stellte ihn lautstark zur Rede: „Die Welt ist nichts als Ungerechtigkeit und Elend. Wo bleibt die Sanktion? Hinter einer Erklärung, Herr Franklin, steht keinerlei Justiz oder Militärgewalt, die Respekt verschaffen könnte...“ Franklin antwortete ihm: „Falsch mein Freund! Hinter dieser Erklärung steht eine beträchtliche, unvergängliche Macht: die Macht der Schande!“ Der junge Mann war ein Rechtsanwalt von 20 Jahren – Georges Danton."

Weniger politisch als durchgehend moralisch

Jean Ziegler

Jean Ziegler

Eigentlich wird man Jean Ziegler zugute halten, dass er als Universitätswissenschaftler das, was er zitiert, auch belegen kann. Hier aber bleibt alles anekdotisch – Namen, Zeit und Ort. Vor allen Dingen die Daten – Benjamin Franklin ist erst zwei Jahre später in Paris eingetroffen. Bereits vier Jahre vor dem Beginn der Revolution verließ er Frankreich wieder. Georges Danton war im Alter von zwanzig Jahren überhaupt noch nicht Anwalt. Aber so ist das ganze Buch: es sind nicht die Fakten, die für Jean Ziegler den Ausschlag geben, es ist die Haltung. Jean Ziegler zitiert Benjamin Franklins Worte auf englisch: "power of shame". Sein deutscher Übersetzer Hainer Kober macht daraus – sehr treffend – die Macht der Schande.

Schon im Originaltitel des Buchs gibt dies den Ausschlag: la Honte de l’Europe – die Schande Europas. Die öffentliche Beschämung durch das Bloßstellen inhumaner und ungerechter Verhältnisse, Handlungen und Zustände ist tatsächlich eine Kraft von historischer Bedeutung, um den gesellschaftlichen Fortschritt zu befördern. Zieglers ganze Argumentationsweise ist weniger politisch als durchgehend moralisch.

Darin allerdings ist er heute von der Rechtsprechung und der Rechtswirklichkeit gar nicht so weit entfernt. Die kennt mittlerweile das Recht auf Nichtzurückweisung – weder Teil eines international anerkannten Vertragswerks noch verbindlich von allen Staaten befolgt. Und doch entfaltet es heutzutage in Entscheidungen übernationaler Gerichtshöfe erstaunlich starke Wirkung. Als den eigentlichen Wirkungsort für das Recht auf Nichtzurückweisung macht Jean Ziegler Orte wie Lesbos aus: Hotspots, Registrierungszentren für Flüchtlinge. Hier sollten die Umverteilungsmechanismen greifen, wie sie die EU-Kommission fordert. Bleibt abzuwarten, ob das mehr ideelle als greifbare Recht auf Nichtzurückweisung dafür ausreichend sein wird. Von der "Macht der Schande" einmal ganz abgesehen.

Stand: 15.04.2020, 18:00