Juli Zeh - Über Menschen

Buchcover: Juli Zeh - Über Menschen

Juli Zeh - Über Menschen

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Der neue Roman der Schriftstellerin Juli Zeh "Über Menschen" ist das Buch der Stunde: über Corona und die Verstärkung der Einsamkeit, über verstörende Angst und Weltretterphantasien, und über politische Verwerfungen – nicht zuletzt zwischen Stadt und Land.

Juli Zeh: Über Menschen
Luchterhand Verlag, München 2021.
416 Seiten, 22 Euro.

"Über Menschen" von Juli Zeh

WDR 3 Buchkritik 22.03.2021 05:13 Min. Verfügbar bis 22.03.2022 WDR 3


Download

Aus der Großstadt in den Landhausgarten

Dora, Mitte dreißig und erfolgreiche Werbefachfrau aus Berlin, hackt verbissen auf das dichte Gestrüpp ein, das ihr Haus umgibt. Sie lebt jetzt in Bracken, einem Kaff in der brandenburgischen Provinz, weg von Freunden und Familie. Sie will das verwilderte Stück Erde unbedingt in einen "romantischen Landhausgarten" verwandeln, samt Gemüsebeet.

"Weil Tomaten, Möhren und Kartoffeln täglich davon erzählen würden, dass sie alles richtig gemacht hat. Dass der plötzliche Kauf eines alten Gutsverwalterhauses, sanierungsbedürftig und fernab aller Speckgürtel, keine neurotische Kurzschlussreaktion war, sondern der nächste logische Schritt auf dem Wanderweg ihrer Biographie."

Flucht vor der toxischen Beziehung

Dora ist zwar nicht der typische Großstadtflüchtling auf der Suche nach der Landidylle. Geflohen ist sie dennoch, vor ihrem Freund Robert, der sich unaufhaltsam von einem amüsanten, lockeren Liberalen in einen verbissenen Klimaaktivisten verwandelt hatte. Die Welt retten, schön und gut, sie war ja bereit zu Kompromissen, doch das reichte ihm nicht.

"Er wollte Gefolgschaft. Er wollte ihr Sträuben bezwingen. Er wollte, dass sie einen Treueschwur auf die Apokalypse leistete, und wurde immer wütender auf ihren heimlichen Trotz."

Und dann auch noch Corona. Mit dem Siegeszug des Virus fand Robert zu seiner wahren Bestimmung als "Katastrophen-Seismograph", mitsamt Lockdown, Mortalität, Triage. Seine Besessenheit vergiftete ihr Leben, bis sie sich mit Hund und gepacktem Rucksack absetzte Richtung Land. Ohne zu ahnen, was sie dort erwartete.

"Bröckelnde Straßen, halb eingestürzte Scheunen und Ställe, von Efeu überwucherte ehemalige Kneipen.(...) Die Gärten mit ihren Zäunen und frisch gestrichenen Häusern sind Inseln, (...) als reiche die Kraft jedes Einzelnen nur für ein paar Quadratmeter Welt."

Unerwartete Unterstützung im neuen Alltag

Ostdeutsche Provinz – und jede Menge Vorurteile, auf beiden Seiten, die neue Heimat ein Kulturschock. Verbissen werkelt Dora vor sich hin, alle Kraft geht in den Alltag, der Supermarkt ist weit entfernt, der Busfahrplan ausgedünnt, kein Auto.

Und dann Hilfe, einfach so, fast wortlos: das Robotermännchen von gegenüber ebnet ihre Wildnis ein, das bekiffte schwule Paar leiht ihr ein Fahrrad, der bedrohliche Nachbar von nebenan fährt sie mit seinem rappeligen Pick-up zum Einkaufen. Ausgerechnet dieser massige Kerl mit Glatze und Tattoos und Freunden, die am Lagerfeuer das Horst Wessel-Lied grölen.

"Ich bin hier der Dorf-Nazi"

hatte er sich vorgestellt und ihren Hund über die Mauer zwischen den Häusern geschmissen.

"Wenn dein Köter noch einmal meine Saatkartoffeln ausgräbt, trete ich ihn platt."

Wenn sich Gewissheiten als Klischees entpuppen

Das war zu erwarten gewesen, oder? Doch dann fliegen ihr die Vorurteile nur so um die Ohren. Stattdessen Zweifel und Verwirrung: Dort die Stadt, mitsamt Corona und den Folgen für das soziale Gefüge, der Job, der ihr mit besten Wünschen für die Zukunft gekündigt wird, der besessene Freund. Hier ihre Gewissheiten, die sich als Klischees entpuppen, ein spöttisches Zerfetzen selbstgerechter Sicherheit, Hilfsbereitschaft garniert mit fröhlichen Kanackenwitzen.

"Sie verfällt sofort in Rassismus- Starre. (...) Sie weiß nicht einmal, ob es stimmt, dass die meisten Rechten nicht gesprächsbereit sind. Weil sie selbst nicht gesprächsbereit ist. Ihre Taktik besteht eigentlich darin, Menschen, die rechte Sprüche klopfen, um jeden Preis zu meiden.

Ergänzung und Anspielung zu "Unterleuten"

Die Schriftstellerin Juli Zeh lebt selbst in der ostdeutschen Provinz, sie kennt die Probleme zwischen Neuankömmlingen und Einheimischen, in ihrem Erfolgsroman "Unterleuten" hat sie einiges davon durchgespielt. Der neue Roman "Über Menschen" - bewusste Anspielung und Ergänzung zugleich - bietet ein ähnliches Setting. Doch die Perspektive hat gewechselt, alles läuft jetzt über Dora, ihre Beobachtungen, ihre Erfahrungen, ihre eigene Veränderung, als die neuen Nachbarn von Stereotypen zu Menschen werden.

"'Das Seltsame an euch Großstadttanten ist,' sagt Gote, 'dass ihr euch ärgert, wenn man euch Großstadttanten nennt. (...) Da haben wir wohl etwas gemeinsam', sagt er und hebt die Bierflasche, um anzustoßen. 'Wir sind nicht, was die anderen denken.'"

Klug ausgearbeitete Spannung zwischen Provinz und Großstadt

"Über Menschen" ist das Buch der Stunde gerade zu Corona-Zeiten, wo sich so vieles klärt und beschleunigt, samt Abstürzen, Einsamkeit, heilsgewissen Hassausbrüchen. Dazu noch die Fremdheit zwischen Provinz und Großstadt, nachdenklich ausgebreitet, klug, aber auch komisch und ausgesprochen süffig zu lesen. Es gibt sogar eine Moral, als Dora schließlich merkt:

"Es geht nicht darum, wer was verdient hat. Nicht einmal darum, für oder gegen Nazis zu sein. Das Zauberwort heißt 'trotzdem'. Trotzdem weitermachen, trotzdem da sein. Trotz allem liegt da drüben ein Mensch."

Stand: 21.03.2021, 17:54