Buchcover: "Wuhan" von Liao Yiwu

"Wuhan" von Liao Yiwu

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Woher stammt das "Wuhan-Virus", das seit mehr als zwei Jahren rund um den Globus in immer neuen Mutationen jagt? Von der Unvernunft des (chinesischen) Menschen, der auch Wildtiere isst? Ist es eine Folge von Umweltzerstörung? Oder stammt es doch aus dem Hochsicherheitslabor in Wuhan? Der chinesische Dissident Liao Yiwu hat in seinem Dokumentarroman eine bedrückende und aufregende Spurensuche verfasst. Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Liao Yiwu: Wuhan
Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2022.
352 Seiten, 24 Euro.

"Wuhan" von Liao Yiwu

Lesestoff – neue Bücher 26.01.2022 05:45 Min. Verfügbar bis 26.01.2023 WDR Online Von Stefan Berkholz


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Aller Gewissheiten beraubt

Dieser Roman des chinesischen Dissidenten Liao Yiwu nimmt dem Leser alle Gewissheiten. Protokolle sind verschwunden. Menschen sind verschwunden. Lügen werden verbreitet. Wahrheiten unterdrückt. Nicht nur das Virus, sondern auch Staatspropaganda vergiftet den Menschen.

"Wenn man sich für die Wahrheit interessiert und sich unbeirrt auf die Suche macht, wird man zum gefährlichsten Feind der kommunistischen Diktatur."

Leaks im Hochsicherheitslabor

So Liao Yiwu am Ende seiner Bestandsaufnahme. Was ist also vom Befund: "Labor" zu halten? Es ist jedenfalls gesichtet und gekennzeichnet, es nennt sich "P4-Labor". Es ist ein biologisches Hochsicherheitslabor der höchstmöglichen Sicherheitsstufe 4 in Wuhan. Bekannt ist, dass sogar in der chinesischen Diktatur unter Experten über mögliche Lecks debattiert worden ist.

Liao Yiwu hat viele Zeugnisse aus diesen Debatten gesichert. Aber es wird weiterhin verleugnet, es wird weiterhin verfolgt, es wird weiterhin verteufelt. Im Anhang schreibt der Schriftsteller.

"Wenn jemand dieses Thema noch aufgriff, so wurde das als gegen China gerichtete 'Verschwörungstheorie' angesehen; man vergaß dabei allerdings, dass China unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei eine hochgradig intrigante Großmacht ist, die seit gut einem halben Jahrhundert die internationale Gemeinschaft betrügt und für dumm verkauft."

Wenn es nur noch um Profit geht

Und dann muss der Blick auch gen Westen gerichtet werden. Warum hat sich Frankreich auf diese heikle Kooperation mit China, also mit einer Diktatur, eingelassen und das Hochsicherheitslabor mitfinanziert? Warum hat sich Frankreich über Sicherheitsargumente westlicher Experten hinweggesetzt? Selbst eigene Geheimdienste hatten gewarnt.

Die Forschungen an hochansteckenden Viren könnten auch für das Militär, für biologische Waffen genutzt werden. Was, wenn hinter abgeschotteten Labortüren und in einer undurchdringlichen Diktatur nicht das Wohl der Menschheit im Mittelpunkt stünde, sondern die Weltherrschaft?

"Als Dichter und Schriftsteller, der seit 10 Jahren im Exil lebt, hoffe ich, dass meine westlichen Leser begreifen: Wenn man die Suche nach Wahrheit und Wissenschaft aufgibt, wenn die Globalisierung ausschließlich aus Profitstreben besteht, dann ist die Prophezeiung oder Warnung Nietzsches Realität geworden: 'Gott ist tot!!!'"

Warnung vor der Diktatur

Liao Yiwu, 1958 geboren, lebt seit zehn Jahren in Berlin, er ist mittlerweile mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. 1989 hatte der Schriftsteller das Gedicht "Massaker" veröffentlicht. Dafür wurde er festgenommen, vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt. 2011 gelang es dem Schriftsteller, China zu verlassen. Seitdem richtet er seine ganze Anstrengung darauf, vor Chinas Diktatur zu warnen.

"Wenn scharfe Kritik komplett verschwindet, dann wird sanfte Kritik in die Ohren stechen; wenn auch sanfte Kritik nicht mehr erlaubt ist, dann wird ihnen Schweigen vorkommen wie böse Absicht, und wenn Schweigen nicht mehr erlaubt ist, dann wird es ein Verbrechen sein, wenn Lobhudeleien nicht mit entsprechender Verve kommen; wenn nur noch eine Stimme erlaubt ist, dann ist diese einzige Stimme Lüge."

So zitiert der Schriftsteller eine anonyme Internetstimme aus dem Inneren der Diktatur.

Eine bedrückende Spurensuche

Liao Yiwu hat viele Dokumente aus dem Internet gesichert, im Buch nun in kursiver Schrift zu lesen. Zudem stellt der Schriftsteller zwei Figuren in den Mittelpunkt seines Dokumentarromans, eine reale und eine fiktive. Die reale, ein unabhängiger Bürgerjournalist, ist spurlos verschwunden, weil er sich zu sehr für das Labor interessiert hat. Und mit der fiktiven schildert der Schriftsteller die aberwitzige und beklemmende Odyssee eines Verfemten und Verfolgten im hermetisch abgeschotteten Reich unter dem Virus.

Den besonderen Wert dieses Dokumentarromans machen zweifellos diese Internet-Zeugnisse aus, die längst der chinesischen Zensur zum Opfer gefallen sind. Weitere Indizien für die These, dass das Virus aus dem chinesischen Labor in Wuhan entwichen sein könnte. Liao Yiwus Spurensuche ist bedrückend und aufregend.