Yishai Sarid - Monster

Yishai Sarid - Monster

Yishai Sarid - Monster

Von Barbara Geschwinde

Ein israelischer Experte für Vernichtungslager führt Reisegruppen durch die polnischen KZ-Gedenkstätten. Yishai Sarid schildert erschütternd und zugleich nachvollziehbar wie das "Monster der Erinnerung" wirkt.

Yishai Sarid
Monster

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Kein & Aber, Zürich 2019
176 Seiten
21 Euro

So müsste man es mit den Arabern machen

Der namenlose Ich-Erzähler in Yishai Sarids Roman "Monster" ist Experte für Konzentrationslager in Polen. Gelegentlich begleitet er hochrangige Politiker nach Auschwitz, Birkenau oder Majdanek, meistens aber führt er israelische Reisegruppen mit Erwachsenen oder Schülern durch die Lager. Die Klassenfahrten werden für ihn zunehmend zur Herausforderung, da er sich durch die unreflektierte Haltung der Jugendlichen provoziert fühlt:

"Seltsamerweise hörte ich sie gerade in Majdanek, auf dem wenige Hundert Meter langen Weg von den Gaskammern zu Mausoleum und Krematorium, über Araber reden. In Flaggen gehüllt flüsterten sie: Araber, so müsste man es mit den Arabern machen. Ich stellte mich taub, es interessierte mich nicht, sollten sich ihre Lehrer darum kümmern, aber gehört habe ich es, Herr Direktor, das kann ich nicht leugnen. Zeigt man ihnen diesen einfachen Todesmechanismus, den man problemlos überall und fast jederzeit neu anwerfen könnte, dann regt das ihr praktisches Denken an, und sie sind ja noch Kinder, da ist das natürlich, sie können es schwer stoppen, Erwachsene denken genau dasselbe, schweigen jedoch."

Vor dem Karren der Erinnerung

Der Roman "Monster" ist der Bericht eines israelischen Tourguides an den Direktor von Yad Vashem. Der Erzähler, ein Experte für Vernichtungslager, hat über Holocauststudien promoviert und sich, wie er es formuliert "vor den Karren der Erinnerung" spannen lassen. Während seine Frau und der gemeinsame Sohn in Israel leben, verbringt er die meiste Zeit in Polen.

In seinem Report erklärt er ausführlich, wie es dazu kam, dass er im Konzentrationslager von Treblinka einen deutschen Regisseur niederschlug. Er schildert seinen Weg zur Karriere als Fremdenführer und warum er – trotz zunehmender Erschöpfung immer weiter machte. Er glaubt, er hätte auch über ein anderes Thema forschen können, hat aber nie den Absprung geschafft. Seine Lager-Beobachtungen sind befremdlich, verstörend. Gerade weil sie die israelische Perspektive abbilden.

"Auf die Deutschen hatten sie keinen Hass, die Kinder in meinen Gruppen, ganz und gar nicht, nicht einmal annähernd. Die Mörder kamen kaum vor in dem Narrativ, das sie sich schufen. Sie sangen traurige Lieder, hüllten sich in Flaggen und beteten für die Seelen der Ermordeten, als sei das alles ein Beschluss des Himmels gewesen, deuteten jedoch nicht mit Fingern auf die Mörder. Die Polen waren ihnen viel eher verhasst. Wenn wir in Städten und Dörfern auf der Straße unterwegs waren, mit der örtlichen Bevölkerung in Berührung kamen, machten sie abfällige Bemerkungen – über die Pogrome, die Kollaboration, den Antisemitismus. Aber Menschen wie die Deutschen können wir schwerlich hassen. Schaut euch die Fotos aus dem Krieg an, man muss der Wahrheit die Ehre geben, sie sahen total cool aus in diesen Uniformen, auf ihren Motorrädern, entspannt, wie Models auf Straßenreklamen."

Unter dem Mikroskop des Historikers

Yishai Sarid

Yishai Sarid

Yishai Sarid hat eine sehr kritische Haltung zur Gedenkkultur seines Landes. Und auch zum sogenannten Geschichtsbewusstsein. Er benennt klar, dass es auch unter den Überlebenden Menschen gibt, wie beispielsweise ehemalige Kapos oder Mitläufer, die dann später in den Gedenkstätten als Zeitzeugen auftraten. Verstärkt wird das Unbehagen, das im Roman die ganze Zeit mitschwingt, dadurch, dass der Erzähler selbst nicht aus Überzeugung oder gar Idealismus die Reisegruppen durch die Konzentrationslager führt, sondern aus einer puren wirtschaftlichen Notwendigkeit. Er muss seine Familie ernähren und hat einfach keinen besseren Job gefunden.

Während der Führungen überschreitet er Grenzen, wenn er Besucher fragt, wie sie gehandelt hätten, wären sie in der gleichen Situation gewesen. Und auch, wenn genau dieses kritische Hinterfragen zu einem unpassenden Zeitpunkt kommt, ist es ihm wichtig.

In einer sehr nüchternen, ja kalten Sprache berichtet der Erzähler aus den Vernichtungslagern. Er beschreibt die technischen Details der Vernichtung so distanziert und zugleich präzise, als hätte er die Lager selbst konzipiert.

"Ich prüfte unter dem Mikroskop des Historikers die jeweils gängigen Stadien, vom Aussteigen aus den Eisenbahnwagen über das Auskleiden und das Einsammeln der Kleidungs- und Gepäckstücke, die Täuschungsmanöver, die die Deutschen vollführten, um die Opfermassen zu beruhigen, das Abscheren des Kopfhaars, den Marsch zu den Gaskammern, die Konstruktion dieser Kammern und die Art des verwendeten Gases, die Vorgehensweise beim Einlassen der Menschen in die Kammern, die Wartezeit, das Ziehen der Goldzähne und die Suche nach Wertgegenständen in den Körperhöhlen bis zur Entsorgung der Leichen und der Personaleinteilung für die einzelnen Stationen, etc., wobei ich jeweils Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeitete."

Erinnerungskultur

Yishai Sarid greift seine Heimat Israel im Umgang mit der Vergangenheit an, wie es einem deutschen Autor niemals möglich wäre. Er benennt ganz klar sein Monster: es ist die Erinnerung an den Holocaust, die uns immer wieder einholt. Tabugrenzen überschreitend rechnet Yishai Sarid mit der Gedenkindustrie ab. Sein einziges Thema ist: die Erinnerungskultur. Dafür sind nur ganz wenige Figuren und Schauplätze nötig. Durch diese Fokussierung und die Glaubwürdigkeit des Protagonisten ist der Roman packend bis zur letzten Seite und ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Debatte darum, wie heutige Generationen mit künstlerischen Mitteln an den Holocaust erinnern. Wir stehen an einem Wendepunkt, da die letzten Zeitzeugen sterben. Das Monster aber bleibt. Eine endgültige Antwort auf die Frage, wie wir heute das von ihm so benannte „Monster der Erinnerung“ bändigen können, gibt es nicht. Und genau hierin liegt die Stärke des Romans: Yishai Sarid stellt klar, dass das Gedenken nicht in Mahnmalen in Stein gemeißelt ist, sondern in den Köpfen der Menschen lebendig bleiben muss.

Stand: 24.03.2019, 17:52