"Zum Paradies" von Hanya Yanagihara

Buchcover: "Zum Paradies" von Hanya Yanagihara

"Zum Paradies" von Hanya Yanagihara

Ein literarisches Experiment: wie reagiert eine scheinbar gefestigte Gesellschaft, die zunehmend tödlichen Pandemien ausgesetzt wird? Das Ergebnis: Rückschritt, Zerfall, Dikatur - mit der Liebe als einzigem Lichtblick. Eine Rezension von Jutta Duhm-Heitzmann.

Hanya Yanagihara: Zum Paradies
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner.
Claassen Verlag, 2021.
896 Seiten, 30 Euro.

"Zum Paradies" von Hanya Yanagihara

Lesestoff – neue Bücher 12.01.2022 04:11 Min. Verfügbar bis 12.01.2023 WDR Online Von Jutta Duhm-Heitzmann


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Ein fiktives New York im Jahr 1893

New York, Washington Square, ein Haus, wie ein Palais - der Sitz der reichen Familie Bingham. Noch herrscht dort der Großvater, doch sein Enkel David soll es erben,

"die Einrichtung eine wohlgeordnete, aber dennoch exzentrische Ansammlung von Gegenständen, gesammelt vom ihrem Großvater auf seinen Reisen durch England und den Kontinent und sogar die Kolonien."

Vertraute Versatzstücke aus der realen amerikanischen Geschichte, doch die Vertrautheit trügt. Dieses New York von 1893 – die Zeit des ersten Romanteils – ist fiktiv und wird als ein Zentrum der Freiheit beschrieben. Gleichgeschlechtliche Ehen sind normal, Kinder werden adoptiert.

David allerdings findet trotz seines Reichtums keinen Partner – Folge eines gesundheitlichen Makels. Schließlich verliebt er sich in einen Abenteurer, verzichtet auf sein Erbe und bricht auf ins unbekannte Kalifornien.

"Nun war es an der Zeit zu suchen. Nun war es an der Zeit, mutig zu sein. Nun musste er allein gehen."

Wie in einem Zerrspiegel

Eine Parallelwelt, seltsam aus dem Lot geraten, verrutscht und verfremdet wie in einem Zerrspiegel. Verstärkt noch im zweiten Romanteil: gleicher Ort, aber hundert Jahre später.

Im Zentrum wieder ein David, Abkömmling eines verarmten Zweigs der Binghams und der hawaiianischen Königsfamilie, abgestiegen und deklassiert. Eine Seuche hat die Gesellschaft brutal verändert. David, mit dem dreißig Jahre älteren Charles liiert, kann sich eine hoffnungsfrohe Zukunft nur erträumen:

"Charles und er irgendwie noch dieselben wie zuvor: noch immer gesund, noch immer da, noch immer auf magische Weise sie selbst. Sie waren zwei Menschen, die sich liebten, und sie machten sich etwas zu essen, und es gab reichlich Nahrung, und so lange sie zusammen drinnen blieben, würde ihnen nichts zustoßen."

Universale Bedrohungen für die Menscheit

Ein literarisches Experiment. In ihrem hochgelobten Roman "Ein wenig Leben" von 2015 hat Hanya Yanagihara die Folgen von körperlichem und psychischem Missbrauch konsequent und erbarmungslos bis an die Grenzen des Erträglichen ging.

In ihrem neuen Roman "Zum Paradies" greift sie ebenso konsequent ein anderes aktuelles Thema auf: wie reagiert eine Menschheit, die durch Pandemien und Klimaveränderungen universal bedroht ist?

Das Ergebnis deprimiert: Teil drei des Romans spielt um 2093, in einer dystopischen Welt. Eine Gesellschaft im Untergang:

"Wir sind die Zurückgebliebenen, der Bodensatz, die Ratten, die sich um faulige Essenreste streiten, die Menschen, die beschlossen haben, auf der Erde zu bleiben, während jene, die besser und klüger sind als wir, fortgegangen sind in ein anderes Reich, von dem wir nur träumen können."

Die Liebe als einziger Hoffungsschimmer

Hauptfiguren sind Charlie Bingham, eine junge Frau, durch eine Infektion körperlich und geistig degeneriert, und ihr Großvater, der verzweifelt versucht, sie zu beschützen - gegen eine staatliche Diktatur, die wiederum mit militärischer Brutalität die Menschen vor mutierenden Viren und neuen Pandemien schützen will. Die Gesellschaft ist fremden- und schwulenfeindlich geworden, überall Rückschritt statt Fortschritt, statt Aufbau nur Zerfall.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Die drei Teile des Romans sind vage miteinander verbunden, durch die Namen der Protagonisten, das Haus am Washington Square, durch ähnliche Beziehungskonstellationen. Und durch die Liebe als einzigem Hoffungsschimmer: die bedingungslose, verzweifelte Liebe für den Partner oder der Väter und Großväter für ihre Kinder und Enkel.

Großartig und klug geschrieben

Ein verstörend großartiges Buch, bedingungslos klug und bestechend unausweichlich. Jeder der drei Romanteile endet mit Aufbruch und einem ersten Schritt in ein neues Leben,

"zur Freiheit, zur Geborgenheit, zur Erhabenheit – zum Paradies."

Wahrscheinlicher aber: der Aufbruch in eine neue Hölle.

Stand: 12.01.2022, 07:00