Wulf Kirsten - Erdanziehung

Wulf Kirsten - Erdanziehung

Wulf Kirsten - Erdanziehung

Von Werner Köhne

Ein Unzeitgemäßer von hoher Aktualität - zu seinem 85. Geburtstag erscheint ein neuer Gedichtband von Wulf Kirsten.

Wulf Kirsten
Erdanziehung

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
93 Seiten
22 Euro

Bis heute tief verwurzelt

Es gab mal eine Zeit, in der man der Naturlyrik eine fast gesellschaftspolitische Bedeutung zuschrieb. Naturbilder galten als Codes, die in Hinblick auf Geschichte und Zukunft entschlüsselt werden mussten. Dies traf auf die Nachkriegszeit zu, bis in die 1960er Jahre hinein. Es handelte sich um ein gesamtdeutsches Phänomen, an dem Literaturkritiker vielleicht noch intensiver mitwirkten als die Lyriker selbst. Als Repräsentant für diese Naturlyrik galt damals der in der DDR lebende Dichter Peter Huchel. Seine Poesie der Natur wirkte wie ein Abgesang auf die Geschichte, zuweilen mit versteckten Hinweisen auf die konkreten Verhältnisse in der DDR. In einem seiner Gedichte erinnert Wulf Kirsten an Peter Huchel – nicht zufällig. Kirsten wurde 1934 in der DDR geboren und ist - wie sein neuer Gedichtband beweist - bis heute tief verwurzelt in dieser Nachkriegszeit mit ihren Stimmungen, Naturbildern und literarischen Diskursen.

am weidenweg entlang
uralte verknorzte kopfweidenreihe,
längst nicht mehr gekröpft,
auf die sich neue weiden gesetzt,
auf Ottstedt am Berge zu führt
der pfad, ein pferdedorf, umgeben
von gehügelten koppeln –
die wüstung arnstedt, die wir
hinter uns gelassen, schon
vor jahrhunderten zermalmtes,
zermahlenes erdenweh, dem erdboden
gleich, nur der zerfahrene einsame
feldweg blieb, auf dem ich voreinst,
als wär es erst kürzlich gewesen,
kiebitze im torkelflug erblickte
über verlandendem sumpf

Zu den Träumen und Albträumen

Wulf Kirsten

Wulf Kirsten

Spricht so ein schwärmerischer Nostalgiker? In seinen Bildern und vergessenen Worten – wie "verknorzt", "gekröpft", "voreinst" – führt uns Wulf Kirsten eine vergangene Welt vor Augen, so konkret, dass uns deren Ferne bewusst wird; schmerzhafter als in aktuellen Diskursen zur Umweltzerstörung. Etwas Geschichtliches scheint durch diese Lyrik hindurch: Natur wurde zerstört und dies hat uns einen Leerraum an Sinn hinterlassen. Wir sind aber nicht länger die Jünger Eichendorffs, sondern gefordert als Archivare und Dokumentaristen einer Geschichte der Verluste. Diese Natur braucht keine Entzifferung mehr, sie enthüllt sich dem genauen Beobachter konkret.

Was bedeutet: abgründig und schön. Wozu auch die gestaltete Erinnerung beiträgt: Wulf Kirsten ist 85 Jahre alt und er muss viel an Zeit überbrücken, um zurück zu seiner dörflichen Kindheit zu gelangen. Zu den Träumen und Albträumen von einst.

die fremde griff an die kehle,
so viele kammern, verliese,
in denen es spukte, tante
sagte, sicher ein murd,
das rumort wie wild nachts
auch in meiner kammer, schlaf nur,
mein junge, schlaf nur,
die äste des ahorns
schlug der wind aufs dach,
herzbeklemmend befremdlich,
das traumbestückte laubgeräusch
schickte mich in den schlaf.

Das Gespräch mit den Großen

Nicht unbedingt neu sind diese Sprachbilder, aber voller Melodik und einer melancholischen Reife, die aus einem Bewusstsein des irreversibel Verlorenen entsteht. Unsere Zeit heute wird da als spürbarer Gegensatz sichtbar; am treffendsten dort gezeichnet, wo der Dichter sie nur andeutet. Aber dieser Gedichtband bietet noch mehr. Wulf Kirsten war viele Jahre lang als Lektor im Aufbau-Verlag in Weimar tätig; und so ist es nicht verwunderlich, dass er in seiner Poesie auch das Gespräch mit den Großen der Literatur führt; mit Herder, Goethe aber auch Ernst Meister und eben Peter Huchel; allesamt Zeugen seiner lyrisch getönten Weltsicht.
Die Zeitumstände sucht Wulf Kirsten in ihrer ganzen, also auch politischen Komplexität zu erfassen - was seiner Poesie nicht immer gut bekommt. Aus guten Gründen vielleicht mischt er sich in die politischen Händel ein. So liefert er in einem seiner Gedichte ein bissiges Porträt des Jagdliebhabers Erich Honecker. Doch das in Meinung getauchte Benennen falschen Lebens trägt nicht immer zum lyrisch Evidenten bei.

personelle altlasten erkennungsdienstlich
korrekt erfasst hergebrachtermaßen,
augenscheinlich deformalitäten,
wie haarsträubend auch immer aufgetischt,
status quo vadis, eklatanter geht nicht,
brotlose künste, indoktrinierte
aller länder bekennt euch angesichts
konjunktureller abschwünge, gramgebeugte
jasager und abnicker ...

Diese Ausritte ins Polemische und Gut Gemeinte bleiben blass neben den betäubend schönen Naturgedichten; die bringen uns zu Bewusstsein, in welcher Welt wir einmal lebten: Wulf Kirsten, ein Unzeitgemäßer von hoher Aktualität.

Wulf Kirsten: "Erdanziehung"

WDR 3 Mosaik 21.06.2019 05:05 Min. Verfügbar bis 20.06.2020 WDR 3

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Stand: 19.06.2019, 20:35