Wolf Wondratschek - Erde und Papier

Wolf Wondratschek - Erde und Papier

Wolf Wondratschek - Erde und Papier

Von Dirk Hohnsträter

Mitteilungen von einem, der sich auf seine Sache versteht: Ein neuer Band versammelt verstreute publizierte und unveröffentlichte Texte von Wolf Wondratschek.

Wolf Wondratschek
Erde und Papier

Herausgegeben von Claudia Marquardt
Ullstein Verlag, Berlin 2019
336 Seiten
24 Euro

Formidabel und zur rechten Zeit

"Ich hatte mich in etwas Großes, Unbekanntes verliebt, in die Wörter, mit denen man sich Sätze ausdenken konnte, Wörter, die einen Klang hatten, und der Klang konnte Schönheit sichtbar machen – und Wahrheit. Ich ahnte das mehr, als dass ich es begriff, und hätte es damals gar nicht formulieren können. Von Satz zu Satz war die Welt veränderbar, und die Welt, das waren die Geschichten, die man sich erzählt. Da durfte mich nichts ablenken, nichts sich einmischen, da hatte keine andere Autorität das letzte Wort."

Er galt als Randgestalt des Literaturbetriebs, doch mit jedem neu und erneut herauskommenden Buch wird sein Rang unbestreitbarer: Wolf Wondratschek. Der Ullstein Verlag kann gar nicht genug gelobt werden für seine formidabel gestaltete Ausgabe der Werke dieses exzentrischen Autors. Sie kommen zur rechten Zeit, nämlich noch zu Lebzeiten des Schriftstellers, und ermöglichen es, bislang schwer zugängliche Texte zu würdigen. "Erde und Papier", der neueste Band der Werkedition, versammelt Arbeiten aus den Jahren 1973 bis 2018. Ohne Überschriften zusammengestellt, handelt es sich um kurzes Textmaterial, wie Wondratschek selbst es liebt:

"Ich schaue Tänzern lieber beim Training zu als auf der Bühne vor ausverkauftem Haus. Ich bin immer dankbar, von einem Streichquartett zu einer Probe geladen zu werden, und gäbe dafür meine Konzertkarte für den Abend her. Ich bin fasziniert von allem Fragmentarischen, vom nicht bis zur Vollkommenheit Ausgefeilten. Deshalb mag ich Tagebücher, Briefwechsel, jede Art von schriftlichem Gedankenaustausch."

Wolf Wondratschek - Erde und Papier

WDR 3 Mosaik 03.06.2019 04:57 Min. Verfügbar bis 02.06.2020 WDR 3

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Schriftliche Mitteilungen von einem, der sich auf seine Sache versteht

Wolf Wondratschek

Wolf Wondratschek

Das von Claudia Marquardt zusammengestellte und einmal mehr von Brian Barth brillant gestaltete Hardcover zählt zu jenen Büchern, die man gerne kauft, gerne in Händen hält und in denen man gerne mit dem Bleistift herumstreicht. "Erde und Papier" enthält Unveröffentlichtes, bislang nur als Privatdruck Zugängliches und verstreut publiziertes. Es sind schriftliche Mitteilungen von einem, der sich auf seine Sache versteht. Von kurzen Erzählungen über Reden und Feuilletonveröffentlichungen bis hin zu Briefen reicht das Spektrum der Textsorten. Wondratschek äußert sich über Kollegen, Kirchen und den Zufall, er schreibt übers Geld und übers Rauchen, über Musiker und Boxer, beispielsweise über Joe Frazier:

"Er kam aus einer Welt, wo es mehr Hütten als Häuser gab und mehr Müllhalden als Hütten, wo der Dreck der Straße durch die Ritzen der Fenster und Türen wehte – und einer, der Hunger hatte, nicht satt wurde. [...] Ob Gebete helfen? War Gott einer, der zuhörte? In den Kirchen sangen sie Save in the Arms of Jesus, aber waren die Straßen mit ein paar Muskeln, die man sich antrainierte, nicht sicherer? Wie versöhnt man sich mit einem Leben, das erst einmal nicht viel mehr war als keines?"

Formgewordenes Leben, gewonnen aus schlaflosen Nächten

Wondratscheks Sätze sitzen, ohne auch nur im Ansatz steril zu werden. Sie sind formgewordenes Leben, gewonnen aus schlaflosen Nächten. "Erde und Papier" leert die Schubladen eines Unbestechlichen, der nichts ausgelassen hat. Da finden sich böse Sätze über ihm unerträgliches Konzertpublikum ebenso wie das überraschend witzige Lob eines Wiener Stundenhotels:

"Das Hotel hat nichts zu verbergen, so wenig wie gegenüber die Reifenfirma, die auch Kunden hat, die Wert auf Service legen. Hier wie dort ist es eine Selbstverständlichkeit, einfach einzutreten, Wünsche zu äußern und den Rest der Geschicklichkeit aller Beteiligten zu überlassen. Danach zahlt man, wünscht sich einen guten Tag und geht. Das ist der Idealfall. Schüchternheit dem Personal gegenüber ist jedenfalls unangebracht."

Härte ebenso wie höchste Feinheit

Wondratscheks Werk kennt seit jeher beide Seiten: die sogenannten Laster ebenso wie die Liebe zur klassischen Musik, das Harte ebenso wie höchste Feinheit. Seine Texte haben einen untrüglichen Sinn für die Schönheit des Elementaren: das Geräusch des Regens auf dem Asphalt, den Gesang der Vögel bei offenem Fenster. Vor allem aber zeichnen sie sich durch ein meisterliches Gespür für den Rhythmus der Sprache aus. Kaufen Sie "Erde und Papier", und legen Sie das Buch gut weg. Dann haben Sie eine Notration im Regal, wenn ihnen die Saisonware nicht mehr weiterhilft:

"Wir erben, jeden Tag neu, die alten Verhältnisse. Und die alten Fragen. Warum ist die Welt über Nacht keine andere geworden? Wo ist Gott? Wo die Zahncreme? Wie die Souveränität über sich selbst zurückgewinnen? Woher die Kraft nehmen, den Motor anzuwerfen, in die Gänge zu kommen, den noch immer schlafenden Körper zu beschleunigter Verbrennung zu ermuntern?"

Stand: 03.06.2019, 09:55