Wolfgang Schivelbusch - Rückzug – Geschichten eines Tabus

Wolfgang Schivelbusch: Rückzug – Geschichten eines Tabus

Wolfgang Schivelbusch - Rückzug – Geschichten eines Tabus

Von Jochen Stöckmann

Dass es immer vorwärts gehen muss, charakterisiert die Moderne: Der Rückzug ist nicht vorgesehen. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch untersucht die Militärgeschichte und schreibt die Geschichte eines Tabus.

Wolfgang Schivelbusch
Rückzug – Geschichten eines Tabus.

Hanser Verlag
112 Seiten
18 Euro

Vernichtung um jeden Preis

"Rückzug" – das Wort allein kostete den französischen General Houchard seinen Kopf. Hätte er es gegenüber den Kommissaren des Pariser Revolutionskonvents nicht erwähnt, dem altgedienten Offizier wäre 1793 die Guillotine erspart geblieben. Schließlich hatte Houchard hatte die feindliche englische Armee an der Grenze zu Frankreich in die Flucht geschlagen. Dieses Ziel erreicht, wollte der General – so die Feldherrenkunst alter Schule – die eigenen Kräfte schonen, durch Rückzug. Das war bis dahin ein in allen Armeen übliches Ausweichmanöver. Für die französische Bürgerarmee jedoch, für die ganze Nation in Waffen, galt es, den Feind, die Reaktion, um jeden Preis zu vernichten. Diese politische Idee führte zum totalen Krieg und machte den "Rückzug" zum Tabu – wie Wolfgang Schivelbusch anhand der Anklage gegen General Houchard zeigt:

"Es wurde ihm vor allem zur Last gelegt, dass er den wichtigsten Trumpf der Revolution, die Masse, nicht zum Einsatz gebracht hatte. Statt sie massiert und konzentriert zur Niederwerfung des Gegners einzusetzen, hatte er sie durch seinen zögerlichen Angriff und dann in der unterlassenen Verfolgung des Gegners ›zerstückelt‹."

Politische Vorwärts-Logik gegen militärische Tradition

Das Zurücknehmen der Frontlinien, die "Zerstückelung" der Truppen gefährdete Moral und Kampfkraft der Bürgersoldaten – ihren Enthusiasmus. Dieser revolutionäre Impuls musste durch fortwährenden Angriff aufgefrischt, der Siegeswillen immer wieder bestätigt werden. Gegen die militärische Tradition setzt sich eine politische Vorwärts-Logik durch. Nur so ist es zu erklären, dass der sonst so entschlussfreudige Napoleon beim Russland-Feldzug 1812 den Rückzug derartig lange hinauszögert, dass dessen eigentlicher Zweck – die Rettung der Armee – gänzlich verfehlt wird.

Wolfgang Schivelbusch

Wolfgang Schivelbusch

Mit der vergleichenden Betrachtung einzelner Militäroperationen setzt Schivelbusch zu einer Mentalitätsgeschichte an, die für nationale Unterschiede offen ist: In der Marneschlacht glauben die Deutschen 1914, den Feind vor Paris durch einen gewaltigen Zangenangriff bereits besiegt zu haben, als die französisch-englischen Armeen nach einem geordneten Rückzug zum Gegenschlag ausholen. Daraufhin weicht das deutsche Heer zurück. Die deutschen Soldaten empfinden den Rückzugsbefehl der Obersten Heeresleitung als „schwere Zumutung“. Auf französischer Seite hingegen entsteht die Legende der "Marne-Taxis", mit denen die französischen Truppen ausgeruht und zur rechten Zeit an die Front gebracht wurden.

Rückzugsphobie und Exit Strategy

In einem Krieg lernt der Verlierer, das hat Schivelbusch vor Jahren mit seinem Buch über "die Kultur der Niederlage" herausgearbeitet: Deutschland setzt im Zweiten Weltkrieg auf die neue Panzerwaffe und Geschwindigkeit. 1940 werden im "Blitzkrieg" Franzosen und Engländer bei Dünkirchen eingekesselt. Selbst in dieser Lage bleibt für den englischen Premier Churchill der Rückzug tabu. Das spricht nicht gegen eine Flucht über den Kanal, denn nur indem sie sich auf die Insel retten, können die britischen Streitkräfte den Krieg fortführen. Die zurückgelassenen Franzosen werden dadurch indes in die Kollaboration mit Hitler gezwungen. Das kann die propagandistische Endkampfrhetorik nicht verhindern, mit der Churchill dem schwer angeschlagenen Verbündeten beizustehen versucht:

Die englischen Besatzung des belagerten Calais erhält den Befehl, den deutschen Truppen einen erbitterten Kampf zu liefern, der dem Empire "Ehre macht". Mit Ende des Zweiten Weltkrieges steigen die USA zur Supermacht auf. Auch sie erlauben in Vietnam den Rückzug nicht und stellen im Kampf mit der Vietcong-Guerilla militärisches Kalkül hintan. Bis zuletzt, bis 1975, hält Washington stur an der Dominotheorie fest: Fällt im weltweiten Kampf gegen den Weltanschauungsgegner Kommunismus nur ein einziger Stein, dann bricht das ganze westliche Gefüge zusammen. Hinter dieser außenpolitischen Direktive verbirgt sich für Schivelbusch nichts anderes als eine Rückzugsphobie – die verhindert, dass sich die Amerikaner ohne große Verluste aus der Affäre ziehen. Doch schließlich müssen sie in Asien einer neuen Supermacht das Feld überlassen: China. Aber die USA ziehen daraus ihre Lehren – und streichen aus ihrem Vokabular alles, was sich nach "Niederlage" anhört:

Rückzüge des Westens erfolgen heute unspektakulär, leise, fast unsichtbar. Das Wort Exit Strategy suggeriert, dass alles – auch das etwaige Misslingen – von Anfang an unter Kontrolle ist.

Rückzug ist wieder Tagesgeschäft

Der Westen kehrt – nach Abschaffung der Wehrpflicht und mit der Übertragung militärischer Aufgaben an private Söldnerunternehmen – im Geiste des 18. Jahrhunderts zurück zum Modell einer professionellen Armee, für die Rückzüge zum Tagesgeschäft gehören. Davon schweigt Schivelbusch, aber die Einsicht drängt sich auf nach der Lektüre von knapp 100 Seiten, voll von ebenso anregenden wie allerdings auch ergänzungsbedürftigen Thesen.

Wolfgang Schivelbusch - Rückzug - Geschichten eines Tabus

WDR 3 Buchrezension 15.03.2019 05:51 Min. Verfügbar bis 14.03.2020 WDR 3

Stand: 15.03.2019, 10:50