Wolfgang Herrndorf - Stimmen

Wolfgang Herrndorf - Stimmen

Wolfgang Herrndorf - Stimmen

Von Hans-Peter Kunisch

Letzte Texte aus dem Nachlass von Wolfgang Herrndorf, dem legendären Verfasser von "Tschick".

Wolfgang Herrndorf
Stimmen

Texte, die bleiben sollten
Rowohlt Berlin, Berlin 2018
192 Seiten
18 Euro

Humor, gemischt mit kenntnisreichem Einblick

Wolfgang Herrndorf hatte ein spezielles Geschick für trockenen Humor, gemischt mit kenntnisreichem Einblick in mehr oder weniger malerisch-prekäre Lebensläufe. Das hat er in seiner ironischen Polit-Groteske "Sand" gezeigt, aber auch in seinem wunderbaren Außenseiterroman "Bilder Deiner großen Liebe". In den jetzt aus dem Nachlass veröffentlichten "Stimmen", versammeln sich verwandte Individuen: etwa in jener titellosen Geschichte, in der der Ich-Erzähler auf eine Dame "im Rentnermantel" trifft, die ihn "mit weit aufgerissenen Augen" an einer Tram-Haltestelle fragt:

"Wo muss ich hin?
Woher soll ich das wissen?
Ich dachte, sie könnten mir sagen, wo ich hinmuss."

Der Erzähler sinniert, ob es in dem Portemonnaie, das er in der offenen Handtasche der Frau sieht, einen Hinweis geben könnte.

"Machen sie es auf. Vielleicht ist da ein Ausweis drin?"

Ein Türke mit Goldkettchen mischt sich ein.

"Die checkt das doch nicht.
Was geht Sie das an?
Das seh‘ ich doch. Die checkt das doch nicht!
Er greift an der Frau vorbei in die Handtasche. Ich kann sie nicht schnell genug wegziehen."

Wolfgang Herrndorf - Stimmen. Texte, die bleiben sollten.

WDR 3 Buchrezension 11.02.2019 05:05 Min. Verfügbar bis 11.02.2020 WDR 3

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Die üblichen Verdächtigen

Wolfgang Herrndorf

Wolfgang Herrndorf

Geschickt spielt Herrndorf mit den üblichen Lesererwartungen: der Goldkettchen-Türke findet in der Handtasche einen Zettel mit Namen und Adresse. Er möchte die Frau nach Hause begleiten. Der Ich-Erzähler widersetzt sich. Am Ende beschimpft der Türke den Erzähler, aber springt im letzten Moment auf die Tram. Der Erzähler bringt die Frau nach Hause. Der Text endet vor ihrer Tür:

"Ich suche in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel und gebe ihn ihr. Erwartungsgemäß braucht sie eine halbe Stunde, und ich habe Zeit genug, die Scheine aus dem Portemonnaie zu nehmen."

Lässiger als mit einem rechtschaffenen deutschen Dieb kann man Vorurteile nicht unterlaufen. Etwas ernster desperat geht es in der Erzählung zu, in der der Ich-Erzähler zusammen mit einem dauernd pilleneinwerfenden Drogensüchtigen namens Hendrik und einem zwiespältigen Chinesen herumfährt. An einem gefrorenen See mit Schlittschuhläufern machen sie Halt. Hendrik nimmt eines von vielen embryoähnlichen Katzenkindern, die dort beinahe erfrieren, und drückt es in eine leere Flasche, in die er dann etwas Buttermilch spritzt. Es ist nicht ganz klar, ob Brutalität oder Zärtlichkeit dahintersteckt oder beides. Aber gerade der gemischte Ton, die immer wieder neuen Irritationen zwischen den Figuren, machen den Reiz des Textes aus. Auf begrenztem Raum erzählt er eine Geschichte, die man "Misfits" könnte. Und dass Marilyn Monroe, anders als in John Hustons berühmtem Film, diesmal nicht zwischen den Männern steht, macht die Sache nicht einfacher.

Texte, Foren und literaturtheoretische Bemerkungen

Offenbar haben die Herausgeber Marcus Gärtner und Cornelius Reiber Herrndorfs testamentarische Order befolgt, und alles vernichtet, was sich auf seinem Computer im Ordner "unbesehen löschen" fand. Viele der jetzt vorliegenden Texte, waren bisher nur im Internetforum "Wir höflichen Paparazzi" zu lesen, in dem Herrndorf zwischen 2001 und 2009 verkehrte. Andere waren einfach kleine Dateien auf seinem Computer, ohne den Lösch-Vermerk. Interessant darunter sind jetzt literaturtheoretische Bemerkungen, in denen Herrndorf vor allem erklärt, was ihm literarisch nicht gefällt. Etwa, wenn ihn mal wieder Jubel um Lawrence Sternes "Tristram Shandy" umbraust:

"Ich weiß einfach nicht, wo der Witz ist. Ich stehe in der Wüste wie ein agnostischer Fels, um den herum eine religiöse clownsnasige Sekte bizarre Rituale zu seiner Erweckung aufführt. Es würde mir schon helfen, wenn verlagsseitig Lacher vom Band eingespielt würden. Es hätte natürlich auch einer der vorigen Leser des Buches so freundlich sein können, Bleistiftnotizen für mich zu hinterlassen (Hahaha! Brillanter Scherz! Ecetera). So tappe ich im Dunkeln."

Kritik und neunzehn Gedichte

Aber auch die Kritiker kommen nicht gut weg. Besonders, wenn sie ins Programmatische gehen.

"Wenn das Engagement vermisst wird (die Transzendenz, die neue Sprache, der relevante Realismus). Mit anderen Worten: wenn jemand weiß, wo es langgeht, dann soll er selber dort hingehen."

Überraschend an "Stimmen" sind auch die neunzehn Gedichte, die ein wenig nach Kästner und Rilke klingen. Hier zeigt Herrndorf eine so nicht von ihm erwartete Neigung zur leichteren reimenden Muse, die aber, bleibend lakonisch, ganz gut zu seinem entspannten Umgang mit Genres wie Jugend- und Agentenroman passt. Sehr schön etwa das melancholische Gedicht "Schlittschuh laufen":

Der verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf

Der verstorbene Autor Wolfgang Herrndorf

"Die Stiefel weiß und schwarz im Schnee
Und Risse donnern durch das Eis.
Der Tag geht langsam um den See.
Und auf den Bäumen wächst das Weiß
Ein alter Mann steht unverwandt
Am Ufer und erinnert sich.
Er hebt die handschuhschwarze Hand
Und winkt. Der alte Mann bin ich."

Kunisch: Entstanden ist das Gedicht noch während des Studiums. Ohne jede Ahnung Herrndorfs, wie jung er sterben würde.

Stand: 11.02.2019, 09:54