Buchcover: "Die erfundene Frau" von David Wisser

"Die erfundene Frau" von Daniel Wisser

Stand: 24.04.2022, 12:43 Uhr

Überwältigt von Alltagschaos und Alleinsein, schwanken sie zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem nach Abstand: Daniel Wissers Erzählband "Die erfundene Frau" schildert trinkfreudige Mittvierzigerinnen und ihren Hang zum Unglücklichsein. Eine Rezension von Oliver Pfohlmann.

Daniel Wisser: Die erfundene Frau
Luchterhand Verlag, 2022.
240 Seiten, 22 Euro.

"Die erfundene Frau" von Daniel Wisser

Lesestoff – neue Bücher 26.04.2022 05:03 Min. Verfügbar bis 26.04.2023 WDR Online Von Oliver Pfohlmann


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Manches geht schief

In den Erzählungen des Österreichers Daniel Wisser geht so manches schief, vor allem für das weibliche Personal. In "Frau Ilse" zum Beispiel will sich eine Witwe, um endlich ihre Trauer zu überwinden, etwas Gutes tun. Doch just beim Shoppen in einem Luxusladen schlägt auch ihrem Hund das letzte Stündlein; zu allem Überfluss wird ihr dann im Kaffeehaus auch noch die Papiertüte mit dem toten Tier gestohlen.

Und in der Erzählung "Claudia" hat eine erschöpfte, getrenntlebende Mutter zwar endlich eine Stunde für sich. Doch als sie ins Café aufbrechen will, wird sie vom Chaos in ihrer Wohnung regelrecht bedrängt, etwa von den Überbleibseln einer Geburtstagsfeier, die schon zwei Wochen zurückliegt:

"Claudia drehte sich um. Der Heliumballon war ihr gefolgt und hing nun genau auf Kopfhöhe hinter ihr. Plötzlich rührte Claudia die Vorstellung, dass der Ballon ihr absichtlich gefolgt war. Sie wollte ihn umarmen, doch da wich der Ballon zwei, drei Meter zurück und schwebte wieder höher in Richtung Decke."

Der Impuls zur Umarmung entlarvt Claudias unerfüllte Sehnsüchte. Doch mehr noch als Einsamkeit fürchten die Figuren in Wissers Erzählband "Die erfundene Frau" die Nähe.

Angst vor Nähe und Enttäuschungen

Zumal in Zeiten der Pandemie, die in einigen der Geschichten als unausgesprochener Hintergrund anklingt. In "Lisa7", der wohl besten Geschichte des Bandes, genießt die alleinstehende Andrea zwar die Blicke ihres Nachbarn auf ihren Busen.

Hinreißend findet sie den hilfsbereiten Mann aber vor allem, weil er in ihrem Wohnzimmer so vorbildlich Abstand hält. Allein der Gedanke an ein Techtelmechtel beschert ihr schon Albträume von enttäuschten Erwartungen und der unvermeidlichen Entsorgung gebrauchter Kondome.

Subtile Fremdenfeindlichkeit

Zuletzt hat Daniel Wisser, Jahrgang 1971, mit dem Romanbestseller "Wir bleiben noch" die gesellschaftliche Spaltung in seiner österreichischen Heimat thematisiert. Dagegen wirken seine neuen Erzählungen subtiler; die alltägliche Fremdenfeindlichkeit kommt nur am Rande vor, etwa als Andreas einsames Prosecco-Glück auf ihrer Terrasse plötzlich gestört wird:

"Die Maus war klein und harmlos und niedlich. Aber musste sie ausgerechnet auf Andreas Terrasse klein und harmlos und niedlich sein? Andrea stand auf. Sie dachte daran, die Maus zu verscheuchen und die Reiskörner mit dem Staubsauger zu entfernen. So wie das Land unattraktiver gemacht werden musste, damit weniger Flüchtlinge kamen, so musste Andrea ihre Terrasse unattraktiver machen. Die Maus floh. Aber sie floh durch die offene Terrassentür in Andreas Wohnung."

Dabei scheinen die hier versammelten Frauenfiguren, meist um die vierzig und mit einem Hang zur Prokrastination, ihren letzten Rest Lebensfreude vor allem dem Alkoholgenuss zu verdanken. Im Übrigen agieren sie nach der "Anleitung zum Unglücklichsein", wie sie Wissers Landsmann Paul Watzlawick formulierte.

Schwächliche Männerfiguren

So etwa in der Geschichte, der der Band seinen Titel verdankt: Hier führt die krankhafte Eifersucht einer Frau dazu, dass ihr Mann, nur um endlich seine Ruhe zu haben, eine Geliebte erfindet. Mit dem ironischen Ergebnis, dass er das imaginierte Zusammensein seinem realen Eheleben bald schon vorzieht.

Männer erweisen sich in Wissers Erzählungen durchweg als Schwächlinge: Sie sitzen depressiv herum oder bringen ihre Partnerinnen zur Weißglut, weil sie ständig Türen offen stehenlassen. Oder sie tolerieren es, dass ihre Angebetete zum Rendezvous regelmäßig mit ihrem Ex aufkreuzt und so jeden Beziehungsfortschritt sabotiert.

Stille Alltags-Tragik

Die 22 Geschichten in Daniel Wissers Erzählband überzeugen, durch ihren lakonischen Ton, aber auch die stille Alltags-Tragik, die sich hier auf wenigen Seiten ein ums andere Mal entfaltet. Die Variation des Immergleichen erzeugt jedoch schnell einen Ermüdungseffekt – man sollte sich daher bei der Lektüre Zeit lassen.