Buchcover: "Creep" von Philipp Winkler

"Creep" von Philipp Winkler

Stand: 04.02.2022, 15:58 Uhr

Near Future oder schon bittere Realität? Philipp Winkler erzählt die Geschichte von Fanni und Junya, zwei Digital Natives, die am realen Leben verzweifeln und irgendwann über Leichen gehen. Verstörend gegenwärtig. Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Philipp Winkler: Creep
Aufbau Verlag, 2022.
342 Seiten, 22 Euro.

"Creep" von Philipp Winkler

Lesestoff – neue Bücher 07.02.2022 05:14 Min. Verfügbar bis 07.02.2023 WDR Online Von Corinne Orlowski


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In virtuellen Welten

Sie leben eigentlich gar nicht mehr IRL – in real life, im echten Leben. Sie verbringen ihre Zeit am Computer, verlieren sich in virtuellen Welten von Videospielen. Philipp Winkler erzählt in seinem neuen Roman "Creep" die Geschichte von Fanni und Junya, die im Netz nach Zugehörigkeit suchen, dabei Ungeheuerliches sehen und über Grenzen, ja sogar über Leichen gehen.

"Als sie wieder mal auf der Suche nach einer Erklärung oder einer Bezeichnung für sich selbst war, stieß Fanni in einem Post im agender-Subreddit zum ersten Mal auf die Bezeichnung Meat Prison und verstand mit diesem Begriff die Entkopplung von sich und ihrem Körper."

Der Alltag fremder Menschen

Fanni arbeitet bei BELL, einer smarten Überwachungsfirma, die mit hochauflösenden Indoor-Kameras für den Heimgebrauch das Gefühl von Sicherheit vermitteln will. Stundenlang sitzt sie vor dem Rechner und nimmt am Alltag fremder Menschen teil, von der Morgenroutine bis zum Feierabend.

"Sie ist live dabei, wenn der Dabba-Wala-Kurier das ersehnte griechische Essen für den Abend mit Freund_innen bringt. Sieht mit an, wie sich ein älterer Mann in Schneverdingen mit einem Berner Sennenhund auf die Couch quetscht und sie sich ein Eis am Stiehl teilen. Sie beobachtet einen Mann in Oberhausen, der minutenlang bei ausgeschaltetem Motor in seinem Auto sitzen bleibt – die Stirn auf dem Lenkrad – bevor er ins Haus geht."

Sehnsucht nach einem anderen Leben

Dabei hat es Fanni eine Familie besonders angetan. Damit sie die Naumanns sehen kann, steht sie um 4:30 Uhr auf, um in 2D an einem liebevollen Familienleben teilzuhaben, das sie mit ihren wohlstandsverwahrlosten Eltern nie hatte. Sie wünscht sich nur eines: 1.000 Jahre später zur Welt gekommen zu sein.

Junya ist erwachsen und lebt immer noch in seinem Kinderzimmer im Westen Tokios. In der Schule wurde er gedemütigt und geschlagen. Jetzt traut er sich nicht mehr auf die Straße.

"Entweder brachte er sich um oder fand ein Ventil. Kanalisierte seinen Hass. Kanalisierte auch die Abscheu, die ihm in seinem alten Leben da draußen entgegengeschlagen war und die er über so viele Jahre in sich aufgenommen und gespeichert hatte, und lenkte sie mitsamt all den Fäulnisgasen und dem Blut und den Gedärmen zurück auf ihren Ursprung."

Ein herausstechender Nagel

Nur nachts schleicht sich Junya maskiert raus, bricht in fremde Wohnungen ein und geht mit einem Hammer brutal auf die schlafenden Anwohner los. In Videos hält er seine Gewalttaten fest und postet sie in Darknet-Foren, wo er Nachahmer findet und als Hammer_Priest zum Star wird.

"Wie jedes Mal vor dem Erheben des Hammers rasen Bilder durch seinen Kopf, so schnell, dass sie sich überlagern. Die hassverzerrte Fratze seiner Mutter. Die Ablehnung in den Augen seiner Lehrer. Dann sind die Gesichter verschwunden, und alles, was bleibt, ist immer nur ein Satz: Deru kugi wa utareru. Ein herausstechender Nagel muss eingeschlagen werden."

Eindringlich und verstörend gegenwärtig

Junya und Fanni sind Creeper; Leute, die unbemerkt anderen nachschleichen oder sich in fremden vier Wänden aufhalten. Winkler erzählt ihre Geschichten im Wechsel. Die einzige Verbindung zwischen den beiden ist das Internet – und das verbindet sie mit uns. Was nach dystopischer "near future" klingen mag, ist verstörend gegenwärtig. "Creep" ist ein Buch über die Verrohung durch die digitale Welt.

Das hält uns Winkler unterhaltsam und eindringlich vor Augen. Leider aber überrascht er uns weder mit seinen stereotypen Figuren, noch sprachlich. So-als-ob-Beschreibungen, so-als-würde-Wendungen verstärken zwar den creepiegen Effekt, sind aber auf Dauer wenig originell.

Zudem ist der Roman voller japanischer und englischer Vokabeln, die sich auch für Digital Natives mitunter sperrig lesen. Und trotzdem ist "Creep" ein aufsehenerregendes Buch, weil es die so oft im verborgenen operierenden Gamer, Hacker und Hikikomoris dieser Welt endlich aus der Unsichtbarkeit befreit und ins IRL zurück katapultiert.