"Wille und Würde" von Ece Temelkuran

Stand: 29.07.2022, 12:56 Uhr

Die türkische Autorin Ece Temelkuran hat in ihrem Essayband "Wille & Würde" ein Plädoyer für Solidarität und Menschlichkeit verfasst, assoziativ, anspruchsvoll, auch spirituell. "Zehn Wege in eine bessere Gesellschaft" schlägt sie vor, so der Untertitel. Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Ece Temelkuran: Wille und Würde. Zehn Wege in eine bessere Gegenwart
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
Hoffmann & Campe, 192 Seiten, 22 Euro

"Wille und Würde" von Ece Temelkuran Lesestoff – neue Bücher 05.08.2022 05:22 Min. Verfügbar bis 05.08.2023 WDR Online Von Stefan Berkholz

Download

"Es ist der Versuch, mir meine Lebensfreude zu erhalten"

Es ist nicht ganz einfach in diesen Zeiten, zuversichtlich zu bleiben. Putins Krieg gegen die westliche Zivilisation. Die Lügen und die Gewalt von Demagogen und Autokraten in aller Welt. Eine Seuche, die freies Atmen verhindert. Ausreichend Gründe, um depressiv, fatalistisch, zynisch oder willenlos zu werden. Die türkische Schriftstellerin Ece Temelkuran antwortet mit einem Essayband auf ihre Weise, trotzig und kämpferisch und sendungsbewusst zugleich:

"Ich habe dieses Buch geschrieben, um mich nach allem, was ich gesehen habe, selbst zu heilen. Und was ich gesehen habe, war wohl nicht weniger widerlich, aber auch nicht erstaunlicher als das, was Sie heute erleben. Ich will nicht mit dem Gefühl sterben, die Welt wäre mir etwas schuldig. Dieses Buch ist mein guter Grund, meinen Mitmenschen zu vergeben; ein Zeugnis, das mich in Zeiten des Zweifelns daran erinnern soll, dass ich mir meine Vernarrtheit in die eigene Spezies um meiner selbst willen leidenschaftlich bewahren muss. Es ist der Versuch, mir meine Lebensfreude zu erhalten."

"Zehn Wege in eine bessere Gegenwart"

"Wille und Würde", heißt das Buch und auf knapp zweihundert Seiten listet die Autorin "Zehn Wege in eine bessere Gegenwart" auf, so der Untertitel. "Glaube statt Hoffnung", lautet ein Kapitel, "Würde statt Stolz" ein zweites, "Stärke statt Macht" ein drittes. Im vorletzten Kapitel, "Freundschaft", nimmt Temelkuran, verzweifelt ironisch, die blutige Menschheitsgeschichte in den Blick.

"Jahrtausende hindurch, schon lange vor Jesus, wurden diejenigen, die von Menschenliebe und der Möglichkeit menschheitsumfassender Freundschaft sprachen, von den politisch Mächtigen mit Unterstützung der jubelnden Massen getötet, gefoltert, exiliert und verdammt. Dieses hübsche Bild der Menschheitsgeschichte ist so entmutigend, dass einem hin und wieder der Gedanke kommt, all die Liebe und Vergebung predigenden heiligen Bücher seien nicht geschrieben worden, um etwas gegen die 'Dunkle Materie' im Menschen auszurichten, sondern um denen, die das Wir-Sein erkannten, Geduld zu wünschen. "

Jede große Revolte begann aus heiterem Himmel

Temelkuran erinnert an Graswurzelbewegungen und Rebellionen in den vergangenen zehn Jahren: Gezi natürlich in ihrer Heimat Türkei, Tahrir in Ägypten, Occupy von New York aus, Black Lives Matter in den USA. Hoffnungsvoll sei das, sagt sie, auch wenn diese Bewegungen längst Vergangenheit sind oder sein sollten, erstickt und niedergeschlagen von den Machthabern, aber:

"Jede große Revolte, die den politischen Zeitgeist von heute geprägt hat, begann aus heiterem Himmel. Und wir, die wir das Privileg haben, über diese Bewegungen sprechen und schreiben zu dürfen, verstehen erst im Nachhinein, warum und wie sie alle entstanden. (…) Aber wir müssen da sein, damit wir es nicht verpassen. Bis dahin bleiben wir am besten im Schwarm und bereiten uns emotional darauf vor, überrascht zu werden. Womöglich bleiben unsere Träume nicht immer nur Träume, und damit wir auf ihre Erfüllung vorbereitet sind, muss der Zynismus verschwinden."

Temelkuran ist eine Globetrotterin

Ece Temelkuran ist eine Globetrotterin, eine weitgereiste Frau. Nomadin nennt sie sich und teilt uns mit vielen Bemerkungen mit, wo sie sich gerade befand: Erbil im Nordirak, Kairo, Brüssel, Beirut, Washington, Zagreb. In ihrer Heimat Türkei kann sie als politische Autorin nicht mehr sein, dort würde sie verfolgt. Derzeit lebt sie mit einem Forschungs- und Arbeitsstipendium in Hamburg, erfahren wir, sie befasst sich in einer privaten Denkfabrik mit Fragen zum gesellschaftlichen Wandel.

"Ich will frei sein, und deshalb will ich den Menschen vergeben – auch mir selbst."

Ein Plädoyer für Solidarität und Menschenlichkeit

In "Wille & Würde" hat Ece Temelkuran ein großes Plädoyer für Solidarität und Menschlichkeit verfasst, assoziativ, anspruchsvoll, auch spirituell. Und so zornig und wütend sie gegen Missstände und Entpolitisierung polemisiert, gegen den entfesselten Kapitalismus, fake news und die Gewalt gegen Frauen, so positiv gestimmt und beseelt zugleich lässt sie dieses Buch enden.

"Denn ich war, und ich bin. Und ich musste dieses Buch über das Miteinander schreiben, um sagen zu können: Ich werde sein. Der Satz ist gefährlich, aber keiner führt zu größerer Freiheit."