Paul Watzlawick - Wie wirklich ist die Wirklichkeit

Paul Watzlawick - Wie wirklich ist die Wirklichkeit

Paul Watzlawick - Wie wirklich ist die Wirklichkeit

Von Oliver Cech

Eine Studie über Wahn, Täuschung und Verstehen: Die Labyrinthe der menschlichen Kommunikation durchstreift der Philosoph Paul Watzlawick in seinem Klassiker aus dem Jahr 1976. Lange ein Kultbuch, jetzt als Hörbuch meisterlich gelesen von Bernt Hahn.

Paul Watzlawick
Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

– Wahn, Täuschung, Verstehen
Gekürzte Fassung mit Bernt Hahn
4 CDs, 5 Stunden 16 Minuten
Veröffentlichung: 20.09.2019
ISBN: 978-3-7424-0025-3
UVP: EUR 16,99

Virtuelle Realität… dieser Begriff zeigt eigentlich eine Paradoxie an. Wie kann etwas denn zugleich virtuell und real sein? Tatsächlich haben wir uns an die Idee der virtuellen Realität längst gewöhnt. Weil sie sich so lebensecht anfühlt und anhört, weil sie so echt aussieht, geraten vor allem junge Menschen in Entzücken über die Möglichkeiten von computergenerierten, interaktiven Erfahrungswelten… kurz: die Möglichkeiten der virtual reality.

Neu ist die Idee allerdings nicht. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Fragte schon 1976 der Philosoph und Kommunikationsforscher Paul Watzlawick. Seine Studie über durchaus schwierige Fragen las und liest sich so unterhaltsam, dass dieses Buch zum Kult wurde. In Dutzenden Auflagen ließen sich hunderttausende Leser von Watzlawick leiten durch die Labyrinthe der menschlichen Kommunikation, und sie erfuhren: Die eine Wirklichkeit gibt es gar nicht. Realität ist immer virtuell. Jetzt ist der moderne Klassiker der Kommunikationsforschung als Hörbuch neu erschienen, gelesen von dem Schauspieler und Sprecher Bernt Hahn.

Zurück in die Zukunft!

"Die Weigerung, sich einer bestimmten Definition der Wirklichkeit (zum Beispiel einer Ideologie) zu verschreiben; die Anmaßung, die Welt in eigener Sicht zu sehen und auf eigene Facon selig zu werden – wird immer häufiger zum "think crime" in Orwells Sinne abgestempelt, je mehr wir uns dem Jahr 1984 nähern. Vielleicht kann dieses Hörbuch einen bescheidenen Betrag dazu leisten, den Blick für bestimmte Formen psychologischer Violenz zu schärfen und so den modernen Gehirnwäschern und selbsternannten Weltbeglückern die Ausübung ihres üblen Handwerks zu erschweren."

Zurück in die Zukunft! Vor über 40 Jahren erscheint Paul Watzlawicks Studie über Wahn, Täuschung und Verstehen zum ersten Mal. Das Schreckensjahr 1984 aus George Orwells gleichnamigem Roman steht kurz bevor; und nicht nur Intellektuelle wie Watzlawick fürchten sich vor den Möglichkeiten eines allwissenden Überwachungsstaates, wie Orwell ihn skizziert hat. Lange her – und zugleich verblüffend gegenwärtig ist diese Furcht heute. Die digitalen Datenimperien spähen uns inzwischen in einer Weise aus, wie selbst Orwell es sich nicht ausmalen konnte. Was immer wir tun: Der große Bruder schaut uns zu. Und verwandelt das, was wir für unsere Persönlichkeit halten, in einen berechen­baren Algorithmus. Die Grundidee, von der Paul Watzlawick in seiner Studie 1976 ausging, erschien damals vielen Zeitgenossen abenteuerlich. Wie verstehen wir die Idee heute?

"Dieses Hörbuch handelt davon, dass die so genannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist. Diese These scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen."

Der richtige Abstand

Doch, Wagen und Pferd stehen hier ganz richtig zu einander. Denn was wir für Wahrheit halten, objektiv und von uns unabhängig, das haben wir tatsächlich vorher selbst hervorgebracht! Mit dieser Auffassung bekennt sich Paul Watz­lawick als Konstruktivist. Die Realität unabhängig von uns, so die These, werden wir nie kennenlernen; was wir kennen, ist die Form der Realität, die wir unab­lässig selbst konstruieren. Ganz maßgeblich geschieht das durch Kommu­ni­kation. Und dabei kann alles Mögliche schief­gehen – noch vor dem ersten Wort.

"In jeder Kultur gibt es eine Regel über den richtigen Abstand, den man einem Fremden gegenüber einzunehmen hat. In Westeuropa und in Nordamerika ist dieser Abstand die sprichwörtliche Armeslänge. Im Mittelmeerraum und in Lateinamerika ist dieser Raum wesentlich anders: Zwei auf einander zugehende Personen bleiben in viel kürzerer Distanz von einander stehen."

Paul Watzlawick, Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut

Paul Watzlawick

Wenn sich nun ein Nordeuropäer und ein Südeuropäer begegnen, wird sich folgendes ereignen, so Watzlawick. Der Südeuropäer wird den von ihm als richtig empfundenen Abstand einnehmen; der Nordeuropäer wird diese Nähe undeutlich als unangenehm empfinden und zurückweichen. Nun ist es am Südeuropäer, das vage Gefühl zu haben, dass etwas nicht stimmt… Er wird aufrücken. Von da an wiederholt sich das Geschehen in immer kürzeren Episoden, und je nach Temperament der beiden Beteiligten könnte ihre Bewegung als Tanz erscheinen, als pas de deux, oder als Flucht.

"Auf jeden Fall werden beide das undeutliche Gefühl haben, dass sich der andere falsch verhält. Und beide werden versuchen, die Situation zu korrigieren. Damit aber erzeugen sie einen typisch menschlichen Konflikt – der darin besteht, dass das Korrekturverhalten des einen Partners vom anderen als das Verhalten gesehen wird, was der Korrektur bedarf!"

Wirklichkeit und Wirklichkeitsauffassung

Hier liegt der Fehler, den Partner in einem Beziehungskonflikt oft begehen, so Watzlawick: Sie übersehen, dass sie ihre zwischenpersönliche Wirklichkeit individuell verschieden geordnet haben. Da sie blind davon ausgehen, es gebe nur eine Wirklichkeit und eine Wirklichkeitsauffassung (nämlich die eigene), erscheint ihnen das Verhalten des Partners als entweder verrückt oder bös­artig.

"Zwei in diesem Irrtum gefangene Beziehungspartner sind wie zwei Menschen, die unter Verwendung von zwei verschiedenen Sprachen vergeblich um Verstän­digung ringen, und deren gegenseitige Erbitterung über das Verhalten des anderen rasch wächst."

Psychotherapeut, Kommunikationsforscher und Philosoph: Paul Watzlawick war all das in einer Person. Seine anspruchsvolle Studie über Wahn, Täuschung und Ver­stehen konnte zum Klassiker für ein großes Publikum werden, weil sie nicht von komplizierten Theorien ausgeht, sondern von Erfahrungs­material, von einer unerschöpflichen Fülle an Fallbeispielen, Experimenten und Szenen aus der Weltliteratur. So reichlich ist das Material, so vielfältig die Interessen des Autors, dass die Lektüre des Originals durchaus mühsam werden kann. Hier liegt die Stärke des neuen Hörbuchs: Watzlawicks Ausführungen sind erheblich und geschickt gerafft auf etwa die Hälfte. Und seine Sprache, sein zuweilen gewun­dener Satzbau, sein trockener Humor, seine Begeisterung für Untertöne, für klammheimliche Paradoxien? All das meistert der Sprecher Bernt Hahn mit einer Mühelosigkeit, die beim Zuhören zugleich fesselt und entspannt. Beides? Ja, beides zugleich. Denn die eine Wahrheit gibt es nicht.

"Wenn ich denke, dass ich nicht mehr an dich denke, denke ich immer noch an dich. So will ich denn versuchen, nicht zu denken, dass ich nicht mehr an dich denke."

Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

WDR 3 Buchrezension 19.09.2019 05:46 Min. Verfügbar bis 18.09.2020 WDR 3

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Stand: 17.09.2019, 16:04