Nicolas Mathieu - Wie später ihre Kinder

Nicolas Mathieu - Wie später ihre Kinder

Nicolas Mathieu - Wie später ihre Kinder

Von Dina Netz

Für seinen zweiten Roman wurde Nicolas Mathieu 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Jetzt ist sein beklemmendes Buch über die Abgehängten Frankreichs auf Deutsch erschienen.

Nicolas Mathieu: "Wie später ihre Kinder"

WDR 3 Buchrezension 21.08.2019 05:36 Min. Verfügbar bis 20.08.2020 WDR 3

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Nicolas Mathieu
Wie später ihre Kinder

Aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen
Hanser Berlin, Berlin 2019.
448 Seiten
24 Euro

Steph, Hacine und Anthony

Das Städtchen Heillange im Nordosten Frankreichs in den 90er Jahren: Eisen- und Stahlindustrie sind abgewickelt, der Strukturwandel ist im Gange und hat bislang keine Arbeitsplätze geschaffen. Wer Glück hat, findet Arbeit jenseits der Grenze in Luxemburg. Heillange, das an das tatsächlich existierende Hayange erinnert, ist der Schauplatz von "Wie später ihre Kinder". Nicolas Mathieu folgt mehrere Sommer lang den Lebensläufen dreier Jugendlicher, denen von Steph, Hacine und Anthony:

"Anthony war gerade vierzehn geworden. Nachmittags konnte er ein ganzes Baguette mit La Vache qui rit verdrücken. Nachts setzte er manchmal seine Kopfhörer auf und schrieb Lieder. Seine Eltern nervten. Im Herbst würde er in die neunte Klasse kommen."

Das Gefängnis der Tage

Nicolas Mathieus Sätze sind kurz, schneidend und erbarmungslos. So erbarmungslos wie das Städtchen Heillange, das für Leute wie Anthony und Hacine keine Perspektive bietet. Sie sind "zum Verrecken jung", heißt es einmal. Ihre Väter sind Opfer des Strukturwandels. Der von Anthony hält sich – manchmal - mit Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitet für eine Reinigungsfirma oder als Gärtner. Vor allem trinkt er zu viel, woran in seinem proletarischen Milieu niemand Anstoß nimmt. Außer Frau und Sohn, die seine gewalttätigen Wutausbrüche fürchten. So knapp skizziert, wirkt Anthonys Familie klischeehaft, und ja, das Klischee entspricht leider oft dem Leben. Aber wie Mathieu über sie schreibt, das ist feine Literatur. Die Öde, die Hoffnungslosigkeit, den Druck Anthonys kann man förmlich spüren.

Nicht ganz so gut sind Nicolas Mathieu die beiden anderen Familien geglückt, was der Qualität seiner Beschreibungen jedoch insgesamt keinen Abbruch tut. Da ist die Familie von Steph, die sich in ihren kleinbürgerlichen Begrenztheiten behaglich eingerichtet hat. Sie zeichnet Mathieu eher grob. Und die Familie von Hacine ist ohnehin überwiegend abwesend: Vater und Mutter bauen seit Jahren an einem Haus in Marokko, so dass immer mindestens einer nicht in Frankreich lebt. Auch bei den Jungs, mit denen Hacine täglich vor der Plattenbausiedlung abhängt und kleine Drogendeals macht, herrscht ein Gefühl der Leere. Alle drei Jugendlichen träumen davon, Heillange, ihr jeweiliges Milieu und das "Gefängnis der Tage" hinter sich zu lassen:

"Seine drei Leute kamen ihm ziemlich klein vor, wegen ihrer Körpergröße, aber auch wegen der bescheidenen Jobs, wegen ihrer mickrigen Hoffnungen, sogar ihr Unglück war erbärmlich, das allgemeine wie das konjunkturbedingte. Sie wurden entlassen, geschieden, betrogen und bekamen Krebs. Sie waren ganz schön normal, und alles andere kam sowieso nicht infrage. So wuchsen die Familien wie Pflanzen auf einem Boden aus Wut, und das jahrelang angehäufte Leid konnte bei jeder Familienfeier, wenn der Pastis seine Wirkung zeigte, unvermittelt aus seinem unterirdischen Versteck hervorbrechen. Anthony fühlte sich überlegen. Er träumte davon, sich aus dem Staub zu machen."

Ein beeindruckendes Buch über die Abgehängten unserer Zeit

Nicolas Mathieu treibt seine Erzählung in Zwei-Jahres-Schritten voran, richtet seine grellen Scheinwerfer ausgerechnet in der drückenden Sommerhitze auf das Städtchen, wenn sich Langeweile breitmacht, das Testosteron sich anstaut und die mühsam unterdrückte Wut endlich raus will. Alkohol, Motorräder und Gewalt nehmen viel Raum ein in dieser Geschichte, in der schließlich nur das Mädchen, Steph, den Absprung aus der vorgezeichneten Laufbahn "Wie später ihre Kinder" schafft. Auch das ist typisch und leider allzu wahr.

Nicolas Mathieu

Nicolas Mathieu

Nicolas Mathieu ist oft mit den Schriftstellern Annie Ernaux, Didier Eribon und Edouard Louis verglichen worden. Zu Recht. Auch sie schreiben über ihre Herkunftsmilieus, über diejenigen an den Rändern, die das Pariser Frankreich vergessen hat. Und wie ihre Bücher ist auch der Roman von Nicolas Mathieu soziologisch grundiert, sichtlich geschult an Pierre Bourdieus Analysen und an Annie Ernaux' Detailreichtum. Doch Mathieu – man muss es so deutlich sagen – ist der mutigere und bessere Literat: Er hat den großen Wurf eines mehrstimmigen Romans mit vielen verschiedenen Figuren gewagt, denen er ihre jeweils ganz eigene Stimme gibt.

"Wie später ihre Kinder" ist ein beeindruckendes Buch über die Abgehängten unserer Zeit und Nicolas Mathieu ein Zola oder Balzac von heute. Mathieus Buch macht auf beklemmende Weise die Hintergründe der "Gelbwesten"-Bewegung anschaulich: In den 90er Jahren, von denen er erzählt, hofften zumindest die sozialistischen Lokalpolitiker noch, Heillange zu einem attraktiven Reiseziel umbauen zu können:

"Im Grunde sei der Segelclub ein perfektes Beispiel für die Potenziale des Tals. Jüngst hätten Renovierungsarbeiten dem Campingplatz wieder zu altem Glanz verholfen, er sei jetzt fast immer ausgebucht. Im nächsten Jahr werde man dort einen Aquapark errichten, mit Sprudelbecken, Rutsche und Fünfundzwanzig-Meter-Becken. Der produzierende Sektor mit all seinen Eigenheiten sei heute überflüssig. Die Stunde des Tourismus habe geschlagen."

So stellte man sich das in den 90ern vor.

Selbstverständlich ist aus den "blühenden Landschaften" nichts geworden. Das tatsächliche Städtchen Hayange in Nordfrankreich hat heute eine Arbeitslosenquote von fast 20 Prozent. Seit 2014 regiert dort ein Bürgermeister des Front National.

Stand: 18.08.2019, 18:16