Ahmet Altan - Wie ein Schwertstreich

Ahmet Altan - Wie ein Schwertstreich

Ahmet Altan - Wie ein Schwertstreich

Von Stefan Berkholz

Der türkische Schriftsteller Ahmet Altan findet sein Schicksal in einem eigenen Roman vorweggenommen: aus Anlass seiner Verhaftung und Verurteilung zu lebenslanger Haft veröffentlicht der S.Fischer Verlag eine Neuausgabe von "Wie ein Schwertstreich".

Ahmet Altan
Wie ein Schwertstreich
Aus dem Türkischen von Ute Birgi-Knellesen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018
416 Seiten
14 Euro.

Aufstachelung der Bevölkerung zu Hass und Feindschaft

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit dieser Roman erstmals in der Türkei erschien. Das war 1998. Die Türkei war damals noch nicht fundamentalistisch regiert. Recep Tayyip Erdogan war seit 1994 Oberbürgermeister von Istanbul. Aber er stachelte die Bevölkerung in seinen Reden gegen das kemalistische Establishment an, beharrte darauf, dass der Islam der einzige Kompass zu sein habe. Im April 1998 steht Erdogan vor Gericht. Er wird zu zehn Monaten Gefängnis und einer hohen Geldstrafe verurteilt, die Begründung: "Aufstachelung der Bevölkerung zu Hass und Feindschaft". Im März 1999 tritt Erdogan seine Haftstrafe an, vier Monate später wird er vorzeitig entlassen. Sein lebenslanges Politikverbot wird fallengelassen. Zwanzig Jahre später befindet sich die Türkei unter Erdogans Herrschaft im Ausnahmezustand. Und Ahmet Altan zeichnet in seinem Roman Zustände wie gemalt für die Gegenwart.

"Mit der großen Verhaftungswelle, die am folgenden Morgen einsetzte, wurden etliche Paschas und hunderte von Offizieren der niederen Ränge in ihren Häusern abgeholt und in die Balmumdschu-Kaserne gebracht. „Die am Aufstand Beteiligten werden eingesperrt und einige wohl auch aufgehängt“, wurde in der Stadt gemunkelt. Und die Furcht, die sich wie ein von Zeit zu Zeit aus dem Untergrund auftauchendes Ungeheuer in Istanbul versteckt hielt, breitete sich wieder einmal aus wie eine Seuche."

Juristische Logik ist ausgeschaltet

Seit dem Sommer 2016 spätestens, seit dem gescheiterten und mysteriösen Putschversuch gegen Erdogan, ist diese Seuche: Furcht wieder Alltag in Istanbul. Es herrscht der Ausnahmezustand, massenhaft sind Beamte und Richter entlassen worden, massenhaft kommt es zu Verhaftungen. Silivri, das "Internierungslager für Erdogan-Gegner", wie Can Dündar, der im Exil lebende türkische Journalist das größte Gefängnis Europas vor den Toren Istanbuls bezeichnet, ist mit 15.000 politischen Gefangenen überfüllt. Juristische Logik ist ausgeschaltet.

"Auch unter der Zivilbevölkerung gab es Denunziationen und Verhaftungen. Ein jeder konnte seinen Widersacher anzeigen, indem er behauptete, es handele sich um „einen von Fuat Paschas Knechten“. Die höher gestellten unter den verhafteten Offizieren wurden dem Kriegsgericht übergeben, während hunderte von Zivilbeamten und Offizieren der niederen Ränge in den entlegensten Winkel des Osmanischen Reiches verbannt wurden, wo sie in den Lehmhütten der Wüstendörfer, in Berggegenden, in die sich nur alle sechs Monate eine Karawane verirrte, oder in tiefen dunklen Wäldern vergessen wurden."

Machtstrukturen und Ränkespiele,

Türkischer Schriftsteller und Journalist Ahmet Altan

Ahmet Altan

Ahmet Altan erzählt in diesem Roman von 1998 die letzten Tage des Osmanischen Reichs an der Wende zum 20. Jahrhundert. Wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht veranschaulicht der Schriftsteller die Klassengesellschaft, den Intrigantenstadel am Hofe des Sultans, die Machtstrukturen und Ränkespiele, die Korruption, den Untertanengeist, die Denunziationen, die Intrigen, die Angst des Despoten, seine Macht zu verlieren, die vorrevolutionäre Stimmung schließlich. Und auch die skizzierten Marotten eines Despoten wirken gültig für die Gegenwart.

"Natürlich lag hierin keinerlei Logik; aber wer fragte hier schon nach einer logischen Erklärung. Es war die sprichwörtliche ’Sultanswut‘, die von Zeit zu Zeit wie ein Tornado dahergefegt kam, ohne dass der Padischah hierzu einen besonderen Grund benötigte. Wie Reschit Pascha später einmal zu Osman sagte, drückte sich die Macht des Sultans vor allem in der Freiheit aus, völlig grundlos in Wut auszubrechen. Und jetzt war der Sultan wütend."

Ein breit angelegtes Gesellschaftsbild

Ahmet Altan erinnert in seiner Schreibweise an den Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Altan erfindet lebendige Figuren, zeichnet psychologische Studien, schreibt über das Schicksal des Menschen und seine Ahnungslosigkeit, malt Bilder der Liebe, pastellfarbene Ansichten voller Erotik, die Triebhaftigkeit des Menschen. Ahmet Altan erweist sich in diesem Roman als großartiger Schriftsteller. Er legt sein Gesellschaftsbild breit an, doch langweilig wird es nie. Das ist Literatur als Entspannung vor der Mühsal und den Ängsten des Alltags.

"Wenn das Leben eine vergnügliche Sache war, dann waren es nur die Götter, die Schriftsteller und die Verrückten, die sich wirklich amüsierten. Der Anteil der Lebenden am Vergnügen war dagegen äußerst gering."

Das folgenschwerste Attentat der türkischen Geschichte

Gegen Ende begibt sich Ahmet Altan ins Kriegsgetümmel, er schildert die Umsturzpläne, Anfang des 20. Jahrhunderts, die Guerillakämpfe in den Bergen, den Tyrannenmord schließlich, das "folgenschwerste Attentat der türkischen Geschichte", wie es heißt, vom Sommer 1908. Das Ende der Unterdrückung scheint da zu sein, das Ende der Zwangsherrschaft, Freudenschreie sind zu vernehmen, Böller, Ausgelassenheit in der Bevölkerung. Doch weitsichtig und fatalistisch zugleich lässt Altan seinen Roman enden. Der nachgeborene Osman schaut auf dieses Reich voll von Toten.

"Osman dachte bei sich, dass dieses nun schon lange im Totenreich weilende Volk, das sich hier über das Ende der Zwangsherrschaft freute, ja nicht wissen konnte, dass auf diesem Boden die Despotie nie enden, dass jedes abdankende Unterdrückungssystem durch ein neues abgelöst würde; dass hier nur die Unterdrückung gedeihen konnte."

Ahmet Altan - Wie ein Schwertstreich

WDR 3 Buchrezension | 10.04.2018 | 05:53 Min.

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Stand: 10.04.2018, 09:29