Colson Whitehead - Harlem Shuffle

Buchcover: Colson Whitehead - Harlem Shuffle

Colson Whitehead - Harlem Shuffle

Von Simone Hamm

Harlem Shuffle: Colson Whiteheads hochtouriger Krimi über Macht und Ohnmacht im Harlem der sechziger Jahre.

Colton Whitehead: Harlem Shuffle.
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl.
Hanser Verlag, 2021.
381 Seiten, 25 Euro

Colson Whitehead: Harlem Shuffle

WDR 3 Buchkritik 27.09.2021 05:44 Min. Verfügbar bis 27.09.2022 WDR 3


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Ein glücklicher Fund

Ray Carneys Glück beginnt damit, dass er im Reifen des Pickups, den er von seinem Vater geerbt hat, ein Bündel Geldscheine findet. Das reicht, um in der 125. Straße in Harlem einen Möbelladen zu eröffnen. Hier wandert das Geld für elegante Wohnzimmergarnituren über die Theke - im Hinterraum wird Hehlerware angenommen. Mit diesen kleinen Hehlereien will Ray Carney das Familieneinkommen aufbessern, um einmal in einer besseren Gegend leben zu können.

"Neben der Toilettentür befand sich ein Stapel von vier Silvertone-Fernsehern, niedrige Hellholztruhen, sämtliche Kanäle. Sears stellte sie her, und Carneys Kunden verehrten Sears von Kindesbeinen an, als ihre Eltern aus Katalogen bestellt hatten, weil die Weißen in ihren Heimatstädten im Süden ihnen nichts verkauften oder überhöhte Preise nahmen. 'Ein Mann hat sie gestern vorbeigebracht', sagte Aronowitz. 'Sind von einem Lastwagen gefallen, angeblich.' 'Die Kartons sehen gut aus.' 'Also kein sehr tiefer Fall.'"

Der Weg in die Abhängigkeit

Dann zieht sein Cousin Freddy ihn in einen Raubüberfall auf das Harlemer Hotel "Theresa" hinein, das "Waldorf" von Harlem, das 1940 die Rassentrennung aufgehoben hatte.

"Das Hotel Theresa auszurauben war so, als würde man gegen die Freiheitsstatue pinkeln. Als würde man Jackie Robinson am Vorabend der World Series einen präparierten Drink unterjubeln."

Und so gerät Carney, der doch Wirtschaftswissenschaften studiert hat und einigermaßen rechtschaffen leben wollte, in die Abhängigkeit von Gaunern, Verbrechern, Mafiosi und einer reichen, weißen Familie von der Upper East Side.

Meisterhaft erzählt

Das klingt, als habe der zweimalige Pulitzer Preisträger Colson Whitehead einen Krimi geschrieben. Aber wie schon mit seinen Romanen "Underground Railroad" und "The Nickel Boys" sprengt er auch in "Harlem Shuffle" die Grenzen des Genres.

Whiteheads Sprache ist hart und rau und umgangssprachlich und doch spricht jeder der kleinen und großen Gangster seinen ganz eigenen Slang. Sein Humor ist scharf. Jedes Wort ist genau gesetzt. Whitehead erzählt meisterhaft. Im Rhythmus des Harlem Shuffle.

Verschiedene Perspektiven

Sowohl sprachlich als auch dramaturgisch. Ein Shuffle ist dreigeteilt, baut auf Triolen auf. Auch der Roman ist dreigeteilt, spielt in drei Kapiteln an jeweils drei aufeinanderfolgenden Jahren. Whitehead nimmt die Perspektive der kleinen Gauner, der Handlanger, der Schwindler, der Prostituierten ein, die auf ein schnelles Glück hoffen und immer enttäuscht werden.

Harlem ist Ende der 50ger, Anfang der 60ger Jahre die schwarze Hauptstadt der Welt. Harlem ist schmutzig und häßlich. Und grausam. Zuhälter schlitzen die Wangen der jungen Frauen auf, die nicht willig genug sind und junge Dealer, die auf eigene Rechnung arbeiten wollen und nicht fürs Kartell, werden brutal zusammengeschlagen.

"Die dicke fette Couch […] war aufgerissen und von einander überlagernden widerlichen Flecken bedeckt, die in die Wände eingelassenen dunklen Spiegel waren kaputtgeschlagen, und der Holzkistentresen war ein Altar des Junkie Kults. Geschwärzte Löffel, zusammen geknülltes Papier, geleerte Spitzenzylinder."

Machtmissbrauch und Machthierarchien

Whitehead nimmt den Plot eines hochtourigen Krimis, zeigt die Doppelmoral des amerikanischen Justizsystems und die falschen Versprechungen des Kapitalismus. Carney bekommt als Schwarzer noch nicht einmal ein Darlehen von seiner Bank. Whitehead erzählt tiefgründig und vielschichtig von Vorurteilen, von Macht, Machtmissbrauch und Machthierarchien.

Von der Macht der (korrupten) Polizei und der (käuflichen) Politiker, von der Macht der kriminellen Subkulturen. Er erzählt, was "Umgebung" in New York bedeutet, die soziale und die ganz reale: Das soziale Gefälle reicht von den reichen, skrupellosen Immobilienhaien auf der vornehmen East Side über die Diamantenhändler in Midtown bis hin zu den Spielhallen oberhalb der 125. Strasse und den schmutzigen Absteigen in Washington Heights.

Eine Zeit des Aufruhrs

Ray Carneys Frau Elisabeth stammt aus dem besseren Teil Harlems, aus einer bürgerlichen schwarzen Familie. Ihre Eltern konnten nie verwinden, dass sie einen Mann geheiratet hat, dessen Haut zu dunkel ist, um in den vornehmen Dumas Club aufgenommen werden zu können.

Elisabeth arbeitet bei Black Star Travel, sucht Reiserouten, Unterkünfte, Theater für Schwarze aus, die in den Süden reisen wollen, ohne gleich dem Ku-Klux-Klan in die Hände zu fallen. Harlem in jenen Jahren - das ist die Zeit der Proteste der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Und die Zeit des Aufruhrs.

Das ist der Hintergrund, vor dem der Roman spielt. Nie plakativ, eher beiläufig. Und deshalb umso eindrucksvoller:

"Dann bog man um die Ecke und zwei Autos lagen auf dem Dach wie fette Käfer und ein Tabakladen-Indianer stand enthauptet vor einer Reihe eingeschlagener Schaufensterscheiben."

Grausam aktuell

Ray Carney kann die Proteste zwar gut verstehen, nimmt aber nicht daran teil. Er liest Flugblätter, Zeitungsartikel, sorgt sich aber mehr darum, ob auch sein Geschäft geplündert werden wird, hält Wache mit einem Baseballschläger. Auch als 1964 der fünfzehnjährige schwarze James Powell von einem weißen Polizisten erschoßen wird, ballt Ray Carney nur die Faust in der Tasche.

Die Bewohner von Harlem wehren sich gegen die Polizeiwillkür, gegen weiße Polizeigewalt gegen Schwarze. Aufruhr in Harlem. Zerbrochene Fensterscheiben. Zusammengeknüppelte Demonstranten. Colson Whitehead hatte gerade die letzten Sätze seines Romans geschrieben, als George Floyd von einem weißen Cop erstickt wurde. 56 Jahre nachdem James Powell in Polizeikugeln starb.

Stand: 24.09.2021, 09:56