Dorothy West - Die Hochzeit

Buchcover: Dorothy West - Die Hochzeit

Dorothy West - Die Hochzeit

Von Peter Meisenberg

Der in den 1950er Jahren geschriebene, 1995 erstmals und jetzt wieder neu veröffentlichte Roman der schwarzen Autorin Dorothy West erweist sich als eine brillante Studie subtiler rassistischer Vorurteile.

Dorothy West: Die Hochzeit
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2021.
287 Seiten, 23 Euro.

Dorothy West: "Die Hochzeit"

WDR 3 Buchkritik 03.08.2021 04:38 Min. Verfügbar bis 03.08.2022 WDR 3


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Hochzeitsvorbereitungen auf der Ferieninsel

Ein prachtvoller Augusttag im Jahr 1953 auf Martha’s Vineyard, der Ferieninsel der reichen amerikanischen Oststaatenbewohner. Die Bewohner einer sich "The Oval" nennenden Ferienhaussiedlung dort sind eifrig mit den Vorbereitungen für die Hochzeit von Shelby und Meade am nächsten Tag beschäftigt. Shelby ist die strahlend schöne, blonde und blauäugige Tochter des Arztes Clark Coles, des reichsten und angesehensten "Ovaliten". Meade, ihr Verlobter, scheint dagegen eher ein Problem als ein Zugewinn zu sein.

"Warum Shelby, die unter den Ersten und Besten ihrer eigenen Rasse hätte wählen können, außerhalb derselben und des väterlichen Berufs heiraten und ihr Leben an einen namenlosen Weißen wegwerfen wollte – einen Mann, der Jazz komponierte, was als frivole Beschäftigung ohne Amt, Titel und Zukunft galt -, das überstieg den Verstand der Ovaliten."

Leben als Teil der afroamerikanischen Mittel- und Oberklasse

Um begreifen zu können, was die dagegen haben, dass ihre blonde Shelby einen Weißen, und dazu noch einen offenbar armen Weißen heiratet, muss man wissen, dass die Ovaliten schwarz sind. Sie alle gehören der kleinen Schicht der begüterteren afroamerikanischen Mittel- und Oberklasse an.

Zweitens ist wichtig, dass die Mitglieder der Familie Coles zwar als "schwarz" gelten, aber durch die sich über Generationen ziehende Vermischung mit Weißen sehr hellhäutig sind und den "echten" Weißen zum Verwechseln ähnlich sehen. Und drittens ist von Belang, dass den Ovaliten sehr bewusst ist, was ihr Reichtum bedeutet. – Liz, die ältere, ebenfalls hellhäutige Schwester, belehrt am Vorabend der Hochzeit Shelby darüber.

"Du irrst dich, wenn du denkst, ich sei nicht dankbar für alles, was wir bekommen haben. Wir waren weiß Gott besser dran als die meisten anderen. Aber bloß weil wir nicht mehr das Jahr 1853 schreiben, sondern 1953, ist es heute nicht viel ungefährlicher, schwarz zu sein, und wenn wir zu Hause den neuen Wagen rausholen, dann ernte ich mehr schief Blicke von unseresgleichen als von den Weißen."

Familienaufstellungn mit Konfliktpotenzial

Damit sind die Themen gesetzt, um die Dorothy Wests Roman kreist: "Rasse" und Klasse werden hier in einem turbulenten Reigen mal auseinanderdividiert, mal zusammengeführt, so dass es oft scheint, als wüssten die Protagonisten nicht, wohin sie gehören.

Clark Coles, der Vater, ist ebenso hellhäutig wie seine Frau Corinne. Beide bevorzugen außerhalb ihrer erkalteten Ehe aber schwarze Partner. Ebenso wie Liz, Shelbys Schwester, die mit einem Schwarzen verheiratet ist. Gram dagegen, die Urgroßmutter, die auch noch ihm Haus wohnt, ist eine tief rassistische weiße Südstaatlerin, die sich weigert, ihre braunen Ur-Ur-Enkel auch nur beim Namen zu nennen. – Allein schon diese Familienaufstellung bietet für die beiden Tage, an denen der Roman spielt, genügend Konfliktstoff für mehrere Fernsehserien.

Packend und immer noch aktuell

Dorothy West komponiert daraus mit kühnen Schnitten, klug ausgewählten Szenen und großartigen, bis ins 19. Jahrhundert reichenden Rückblenden auf die Ahnen der Coles einen packenden Roman. – Einen zwar in den 1950er Jahren geschriebenen, doch äußerst aktuellen Roman. Immer wieder streiten Shelby und ihre Schwester Liz über das eine, alles entscheidende Thema.

"'Dad behauptet, ich würde Meade heiraten, weil ich mich vor schwarzen Männern fürchte.' Liz warf den Kopf zurück und lachte vergnügt. 'Wenn’s weiter nichts ist! Das hätte ich dir schon längst sagen können. – Der alte Spinner ist wahrscheinlich bloß neidisch, weil du das tust, was insgeheim auch sein Traum wäre. Mom könnte zwar fast für ’ne Weiße durchgehen, aber echt ist sie eben doch nicht.'"

Die obsessive Suche nach den "feinen Unterschieden"

Gegen Ende des Romans heißt es, Shelbys und Liz' Generation sei die erste, die ein ungebrochenes Verhältnis zur eigenen Hautfarbe habe. So ganz stimmt das aber nicht, zumindest nicht für Shelby, die Braut, die zwar einen Weißen heiratet, sich im dramatischen Finale aber magisch von einem Schwarzen angezogen fühlt.

"Die Hochzeit" ist, wie man heute sagen würde, ein Roman über Diversity, über die Folgen jahrzehntelanger Rassismus-Erfahrungen. Das ganz Besondere an diesem Roman aber ist, dass er genau beschreibt, wie tief die Muster des Rassismus als die obsessive Suche nach den "feinen Unterschieden" in den vom weißen Rassismus selbst Betroffenen bis heute verinnerlicht sind.  

Stand: 02.08.2021, 12:44