Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann - Der werfe den ersten Stein

Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann - Der werfe den ersten Stein

Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann - Der werfe den ersten Stein

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Zeitlose Konflikte bleiben zeitlos unlösbar: Der Schriftsteller erzählt alte Geschichten neu und der Philosoph klopft sie ab auf ihre moderne Brauchbarkeit.

Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann
Der werfe den ersten Stein

Mythologisch-philosophische Verdammungen
Gelesen von den Autoren
Der Hörverlag
5 CDs
20.00 Euro
ISBN: 978-3-8445-3576-1

Ein wirklich spannendes Gespann: der Schriftsteller Michael Köhlmeier, 1949 in Vorarlberg geboren, und der Philosoph Konrad Paul Liessmann, Jahrgang 1950, geboren in Villach. Gemeinsam haben sie jetzt ein Buch veröffentlicht mit dem nicht gerade unkompliziert klingenden Titel „Der werfe den ersten Stein.

Mythologisch-philosophische Verdammungen“. Michael Köhlmeier erzählt darin kleine Geschichten, die Liessmann auf ihre philosophische Aussage hin abklopft. Und gemeinsam haben sie daraus auch ein Hörbuch gemacht, jeder Autor liest seine eigenen Texte.

Es war einmal eine Familie

Die erste Geschichte heißt "Betrug", trägt den Untertitel "Der falsche Mann" und fängt an wie ein Märchen:

"Es war einmal eine Familie – wer würde nicht gern so beginnen! Es war aber eine Familie, die nicht lange zusammenblieb, denn der Vater musste in die Welt hinaus, weil zuhause keine Arbeit für ihn war."

Aber er schrieb, zärtliche, sehnsuchtsvolle Briefe an die Frau, nur – sie stammten gar nicht von ihm. Erstens weil er nicht schreiben konnte und zweitens, weil er keine Sehnsucht hatte, sein neues Leben gefiel ihm viel besser. Aber sein Ghostwriter, der all die schönen Sätze wunschgemäß verfasste, wurde neugierig und fuhr in die Heimat seines Auftraggebers. Dort nahm er dessen Stelle ein, und weil er so viel liebenswerter war als der grobe, prügelnde Ehemann, spielte die Frau mit bei diesem Betrug. Aber als der echte Mann eines Tages wiederkam, setzte sie den anderen, mit dem sie doch so glücklich war, vor die Tür.

"Betrug ist Betrug. Du musst gehen.’ Und der Mann packte seine Sachen. Und die Frau ging zu ihrem Sohn und sagte: ‚Betrug ist Betrug. Der Mann, der dich geschlagen hat, als du ein Kind warst, ist zurückgekommen. Umarme ihn, er ist dein Vater.’ Da umarmte der Sohn seinen Vater."

Diese Geschichte stellt uns auf die Probe

Eine knifflige Geschichte, die auf viel mehr Ebenen, als hier erzählt werden kann, mit dem Thema Betrug spielt. Hat nur der falsche Ehemann betrogen? Nicht der echte auch? Und hat die Frau den Betrug nicht mitgetragen? Der Philosoph, der sich die Geschichte jetzt vornimmt, stellt noch ganz andere Fragen:

"Ist ein Leben ohne Betrug, ohne Täuschung und Selbsttäuschung, ohne gelebte Fiktionen überhaupt denkbar? Und was bedeutet es, wenn diese großen und kleinen Betrügereien, diese großen und kleinen Täuschungen auffliegen, enttarnt werden, der Wirklichkeit nicht standhalten?"

Man fängt an nach- bzw. mitzudenken: Steht nicht ein Ghostwriter hinter fast jeder Starbiographie? Schreiben nicht meistens andere die Reden, die ein Politiker hält? Ist das auch Betrug? Oder ist es keiner, weil alle das Spiel mit der Wahrheit kennen und akzeptieren? Wie verwerflich ist es, durch einen Betrug das eigene Leben glücklicher zu machen? Der Philosoph meint:

"Diese Geschichte stellt uns auf die Probe. Sie zwingt uns, ein moralisches Prinzip gegen eine Lebenswirklichkeit abzuwägen, die den Betrug zu ihren Bedingungen zählen kann. Ob die Rückkehr des Mannes Resultat einer Läuterung war, kann bezweifelt werden. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihm die Tür zu weisen. Es stimmt schon: einer der beiden Männer war der falsche Mann gewesen. Aber welcher?"

Wahrheit, Lüge und die Moral

Konrad Paul Liessmann, oesterreichischer Philosoph, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist

Konrad Paul Liessmann

Die beiden Autoren nehmen sich noch andere moralisch besetzte Begriffe vor, "Eifersucht" zum Beispiel. "Unterwerfung", "Misstrauen", "Verrat" oder "Vergewaltigung". Jedes Mal in der gleichen Form: der Schriftsteller erzählt eine Geschichte, die den Begriff umspielt, und der Philosoph fasziniert mit unerwarteten Interpretationen. Wie ist es mit der "Lüge", Untertitel "Ein Menschenrecht"? Berichtet wird von zwei Brüdern, die sich, obwohl sie Zwillinge waren, in den Charakteren völlig unterschieden. Im Gegensatz zu seinem weichen träumerischen Bruder war der Jüngere der beiden realistisch und vernünftig, weshalb man ihn einfach den Älteren nannte.

"Das erste, zweite und dritte Mal wehrte er sich und sagte: ‚Ich bin nicht der Ältere, das ist doch gelogen. Er ist der Ältere, ich bin nur der Vernünftigere!’ Mit der Zeit aber gab er nach, und irgendwann glaubte er auch selbst, er sei nicht nur vernünftiger, sondern auch älter als sein Bruder."

Die ganze Geschichte ist natürlich komplizierter, so kompliziert wie die Fragen, die der Philosoph stellt und, von ihm geführt, und auch die Leser: Ist jede Lüge verwerflich? Was ist mit der Lüge, die Leben retten will? Und was, wenn das gründlich schief geht und gerade die gut gemeinte Lüge das Desaster provoziert?

"Eine saubere Lösung ist dabei wohl nicht zu finden, und manchmal werden auch im Leben Wahrheit und Lüge so vertauscht sein wie die Alterszuschreibungen und Eigenschaften der Zwillinge"

Ungewöhnlich wie vergnüglich fordernd

Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier

Ein tolles Team, der Schriftsteller Michael Köhlmeier, der neben seinen Romanen auch Mythen und Märchen nacherzählt hat, und der Philosoph Konrad Paul Liessmann, bekannt für seine unnachahmliche Art, selbst die ältesten Denker und ihre Thesen frisch und zeitgemäß zu hinterfragen. Philosophie als ein kluges Spiel mit Problemen, die Menschen auch im realen Leben umtreiben. Die beiden Autoren lesen jeweils die Passagen, die sie geschrieben haben. Der Schriftsteller seine poetischen Geschichten, die oft bewusst altmodisch im Ton gehalten sind, der Philosoph seine Sicht auf die Konflikte, die sie aufzeigen, zeitlos modern. Beide lesen geübt und eindrucksvoll souverän, doch nie mit der Glätte des geübten Sprechers:

Ein Hörbuch ebenso ungewöhnlich wie vergnüglich fordernd. Denn mit den im Untertitel angesprochenen „mythologisch-philosophischen Verdammungen“ gehen die beiden durchaus auch ironisch um:

"Wer noch nie versucht hat, sein Gewissen durch exzentrische Deutungen zu beruhigen, der setze als erster bei dieser Frage den Rotstift an."

M. Köhlmeier und K. P. Liessmann - Der werfe den ersten Stein...

WDR 3 Buchrezension 22.08.2019 06:00 Min. Verfügbar bis 21.08.2020 WDR 3

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Stand: 21.08.2019, 16:33