Samuel Beckett - Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Samuel Beckett - Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Samuel Beckett - Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Von Brigitta Lindemann

Hier schließlich kommt auch Monsieur Godot zu Wort: mit dem vierten Band ist die Edition der Briefe von Samuel Beckett abgeschlossen.

Samuel Beckett
Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Herausgegeben von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld,
Dann Gunn & Lois More Overbeck
Aus dem Englischen von Chris Hirte
Suhrkamp, Berlin 2018
1008 Seiten
68 Euro

Keine Eigenliebe verstellt ihm den Blick

Die Gegenwart ist eine leere Wüstenei, das Ich ein schlechter Witz im Werk des irischen Autors Samuel Beckett. Selbst um die reine physiologische Selbsterhaltung von Becketts müden Helden ist es schlecht bestellt. "Man muss essen", sagt etwa Mercier, eine der beiden titelgebenden Figuren in einem frühen Roman. "Ich wüßte nicht wozu", sagt Camier, die andere.

Samuel Beckett, geboren 1906 in Dublin, seit dem 22 Lebensjahr in Paris lebend, gestorben 1989, hat das Alter nicht milde werden lassen - nicht der Welt gegenüber, nicht sich selbst. Keine Eigenliebe verstellt ihm den Blick. Beckett nimmt sich nicht aus aus dem Bestand des Unsinns. Mehr und mehr aber zeigt er sich erschöpft in seinen Briefen aus den Jahren 1966 bis 1989, deren Veröffentlichung ein 30 Jahre dauerndes Editionsprojekt abschließt. In seltener und rührender Offenheit gesteht einer der vier Herausgeber in der Einführung des knapp tausendseitigen vierten und letzten Bandes der Beckettschen Briefe, dass für ein älteres Mitglied des Teams jeder Tag der Relektüre des Gesamtkorpus in Tränen endete:

"Becketts unbarmherzige Beobachtung des eigenen Verfalls, seine Art ihn mit Worten voran zu treiben oder aufzuhalten, ist atemberaubend, und, aufs Ganze gesehen, fast niederschmetternd. Wenn doch nur fast, dann deshalb, weil selbst in der deprimierendsten Bankrotterklärung ein Goldkörnchen konzentrierter Reflexion aufleuchtert, ein Gedankenblitz, der sprachliche und zwischensprachliche Räume öffnet."

Und so schrieb er

Samuel Beckett; Rechte: pa

Samuel Beckett

Am Telefon sei er nicht zu gebrauchen, das sei schlimmer noch als Auge in Auge, hatte Beckett erklärt. Folglich schrieb er: Briefe, Kunstpostkarten, Ansichtskarten. Hiervon sind gerade einmal 12% der vorhandenen Briefe aus dem angegebenen Zeitraum ediert, seinem Wunsch entsprechend, es möge nur veröffentlicht werden, was für sein Werk von Belang ist. Die Erwiderungen auf für den Autor Unerhebliches, insbesondere die Glückwünsche zum Erhalt des Nobelpreises 1969, sprengten wohl jeden Rahmen. "Müßte mit Übersetzung weitermachen", schreibt Beckett an eine langjährige Freundin, „aber zu überlastet von Post.

Und von der Anstrengung, immer mal wieder erfreut zu wirken“. Ausnahmen im seriellen Geschehen werden gesondert notiert. Etwa eine Karte von einem gewissen Georges Godot, wohnhaft 17. Pariser Bezirk, der in Anspielung auf Becketts Stück „Warten auf Godot“ seinem Glückwunsch zum Nobelpreis hinzufügt, er verabscheue es, Leute warten zu lassen.

Selbstverständlich dankt ihm Beckett umgehend. Überhaupt ist er, der Virtuose der Negation und des Überdrusses, fürsorglich, mitunter herzlich. Er ist freigiebig - was das Geld betrifft, habe ich genug für meine schwindenden Bedürfnisse, schreibt er - und unterstützt verarmte Kollegen, Familienmitglieder, Strafgefangene und Hilfsorganisationen. „Im Traum hab ich dich pleite gesehen“, wendet er sich an einen Freund und schickt ihm einen Scheck mit der Bitte: „Mach mir kein Theater deswegen“. Obwohl er sich nicht zum Tagesgeschehen äußert reagiert er. Er verbietet Aufführungen seiner Stücke vor segregiertem Publikum im südafrikanischen Apartheitssystem; er tritt ein für den demokratischen Widerstand in Chile nach dem Militärputsch 1973 und er müht sich um den in der Tschechoslowakei inhaftierten Václav Havel. Becketts Anstand rührt aus Arbeitsethos. Das reicht, um gerecht und freundlich zu sein und Widersprüche auszuhalten.

"Ich arbeite weiter, mit schrumpfenden Verstand, anders gesagt, mit wachsenden Möglichkeiten."

Die Präzision seiner Arbeitsanweisungen

Becketts Konzentration auf die Sache, seine imaginative Kraft, sein reflexives Vermögen, nicht zuletzt die Präzision seiner Arbeitsanweisungen an Regisseure, Schauspieler, Sprecher in aller Welt, die seine Stücke auf die Bühne, ins Fernsehen, ins Tonstudio bringen, widerlegen die 24 Jahre lang beständig vorgetragene Selbstbezichtigung der zunehmenden Blödigkeit. Mal findet Beckett, der Fall einer Bananenschale erzeuge ein falsches Geräusch, mal ist ihm ein Licht zu grell, eine Stimme zu robust, ein Hut zu unpassend - und im Zweifelsfall inszeniert er seine Stücke und Hörspiele selbst - in Berlin, Paris, London, wo immer.

Müde ist er wohl, vor allem müde der dummen Fragen - nach Vorsätzen und Hoffnungen, nach literarischen Vorbildern und Einflüssen zum Beispiel. Statt einen Beitrag für ein geplantes Sonderheft seines Verlegers zum Thema „Warum schreiben Schriftsteller?“ abzuliefern, schickt Samuel Beckett eine knappe handschriftliche Korrespondenzkarte:

Lieber Mathieu... Kann nichts anderes. Herzlich Sam

S. Beckett: "Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-89"

WDR 3 Buchrezension 26.04.2019 05:17 Min. Verfügbar bis 25.04.2020 WDR 3

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Stand: 18.04.2019, 15:33