Samuel Beckett - Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Samuel Beckett - Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Samuel Beckett - Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Von Roswitha Haring

Der vierte Band der Briefe des irischen Schriftstellers Samuel Beckett ist im Suhrkamp Verlag erschienen – mit dieser Ausgabe der Jahre 1966 bis 1989 ist die Edition abgeschlossen.

Samuel Beckett
Was bleibt, wenn die Schreie enden? Briefe 1966-1989

Herausgegeben von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld, Dan Gunn, Lois More Overbeck
Aus dem Englischen und Französischen von Chris Hirte
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
1008 Seiten
68 Euro

Samuel Beckett: "Was bleibt, wenn die Schreie enden?"

WDR 3 Mosaik 07.01.2019 05:59 Min. WDR 3

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Ein eindrucksvoller Mann

Das Titelbild dieses Buches zeigt einen eindrucksvollen Mann – die Nahaufnahme eines Gesichtes, schwarzweiß, markante Nase, fester unbeirrter Blick, faltige wettergegerbte Haut, als hätte dieser Mensch sein Leben auf See verbracht. Aber es ist ein Porträt von Samuel Beckett, das der Suhrkamp Verlag für den Umschlag des vierten Brief-Bandes des irischen Schriftstellers auswählte. Als das Foto entstand, war Beckett 70 Jahre alt, hatte im Jahr zuvor den Nobelpreis für Literatur erhalten und war nicht nur der Preisverleihung in Stockholm ferngeblieben, sondern hatte sich wie seit Erscheinen von „Warten auf Godot“ Anfang der 50er Jahre, das global und dauerhaft Interesse an seiner Person hervorrief, Interviews, Filmaufnahmen, öffentlichen Begegnungen konsequent widersetzt. Beckett wollte damit nicht nur sein Privatleben schützen, er eignete sich schlichtweg nicht für öffentliche Auftritte. Karlheinz Stroux, Regisseur einer Godot-Aufführung von 1953, gelang es einmal, den großen Mann zum Verbeugen auf die Bühne zu bringen und erinnerte sich:

"Die verschämten, todunglücklichen Bewegungen, die er dabei machte, offenbarten dem Publikum, auf eigenartige Weise, den weltabgewandten Charakter dieses Dichters."

Weltabgewandt war Beckett sicherlich nicht, eher war die öffentliche Scheu physischer Ausdruck seiner Weigerung, Auskunft über sich und sein Werk geben zu können. Aber die vierbändige Edition seiner Briefe, die mit diesem Band der Jahre 1966 bis zu Becketts Tod 1989 abschließt, zeigt nicht nur das wissenschaftliche Interesse der Herausgeber, Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Nachlassverwalter, einer Vielzahl Unterstützer. Sie zeigt ebenso, dass sie die Ergebnisse ihrer umfangreichen Recherchen weltweit Lesern zur Verfügung stellen wollen und beide Parteien dabei Becketts Wunsch nach Privatheit respektieren, aber zugleich die Spurensuche nach seinem Intellekt, Humor, seiner Gedankentiefe und Bescheidenheit um einiges größer ist.

Was bleibt, wenn die Schreie enden

Samuel Beckett; Rechte: pa

Samuel Beckett

So der Titel der eintausend Seiten starken deutschen Ausgabe. Eine typische Beckett-Formulierung, die einem Brief an die amerikanische Theaterregisseurin Ruby Cohn, mit der er seit Anfang der 60er Jahre in Kontakt stand, entnommen ist. Er schreibt ihr das am 3. September 1985, Beckett ist 79 Jahre alt und äußert damit eine seiner stärksten Überzeugungen, die in dem Theaterstück „Endspiel“ tragikomischen Höhepunkt fand, nämlich jedes Leben als einen recht kurzen Spannungsbogen zwischen Geburt und Tod zu begreifen. Im nächsten Satz schreibt er:

"Hoffe, bald nach Ussy,
seinem Haus sechzig Kilometer östlich von Paris,
zu kommen und mich ernstlich zu den toten Blättern zu legen."

23 Brief-Jahre

Über nachlassende Kräfte, geistige und physische, berichtet er einigen seiner Briefpartner, aber ungebrochen wie in allen Jahren zuvor behält er seine präzisen Vorstellungen für Theater-Inszenierungen bei, schützt sein Werk vor Adaptionen, die er für künstlerisch sinnlos hält. Roman Polanskis Idee lehnt er ab,

"ich will keine Verfilmung von Godot. So wie er beschaffen ist, ist es einfach kein Filmstoff."

Spürbar in den letzten 23 Brief-Jahren lassen Becketts Freude und Praxis an Wortneuschöpfungen, Wortfindungen nach. Rar sind solche Momente wie in dem Brief an die englische Bühnen- und Kostümbildnerin Jocelyn Herbert, einer seiner engsten Theater-Freundinnen, der er 1966 schreibt.

"Im April spielen wir wieder Billard. Und Haydn 4-händlich im Wonnemonat."

4-händlich auf Deutsch, passend zur Muttersprache des Komponisten. Zu einer letzten beruflichen Reise macht sich der Autor drei Jahre später nach Stuttgart auf, um eine Fernsehinszenierung seines letzten Stückes „Was wo“ zu begleiten. In dieser Zeit schreibt er an Jocelyn Herbert,

"Ich bin einfach alt & müde. Siehe Totengräberlied."

Und zitiert damit Hamlet,

"In jungen Tagen ich lieben tät, das dünkte mir so süß. Die Zeit - oh - zu verbringen - ah - früh und spät, Behagte mir - ah - nichts wie dies."

Als menschliches Wesen und in gewisser Weise auch als Schriftsteller…

Das Älter- und Altwerden Becketts lesend zu begleiten ist traurig, aber wie in seinen Texten ist die Traurigkeit von Klarheit, Knappheit und einem ebenso kurzgefassten Humor begleitet. Dem dreißig Jahre jüngeren, amerikanischen Schriftsteller Lawrence Shainberg schreibt er zwei Jahre vor seinem Tod:

"Und daß Du Dich eines Tages wie ich mit Deinen Trümmern befreundest. Und wie ich traurig ihrem Schweigen lauschst. Enttäuscht."

Sosehr Beckett Distanz ausdrücken konnte, sosehr nahm er die Not von Kollegen wahr. Der verarmten Djuna Barnes schickt er sein Honorar von 3375 Dollar aus einem amerikanischen Lizenzverkauf. Dem inhaftierten Václav Havel widmet das Stück „Katastrophe“, aufgeführt beim Festival von Avignon 1982, der sich nach seiner Freilassung brieflich bedankt.

"Als menschliches Wesen haben Sie mich immens beeinflußt, und in gewisser Weise auch als Schriftsteller… Selbst heute noch, etliche Jahrzehnte später, und vielleicht älter als Sie zur Zeit des „Godot“, spüre ich die unmittelbaren Folgen dessen, daß ich damals Ihrem Werk begegnet bin."

Dreitausend Seiten Briefein vier Bänden

Ein Jahr vor seinem Tod zieht der 82-Jährige Beckett in ein Altersheim in der Nähe seiner Wohnung. Am 22. Dezember 1989 stirbt Beckett. Seine Beerdigung findet auf dem Friedhof Montparnasse am zweiten Weihnachtsfeiertag in kleinem Familienkreis statt.

"Seine Angehörigen beschlossen,
schreibt James Knowlson in seiner Biographie,
das Begräbnis in aller Stille zu begehen und das Datum geheimzuhalten."

Eine öffentliche Trauerfeier, zu der französische und irische Regierungsvertreter erschienen wären, wäre nie in Becketts Sinn gewesen.
Fast dreitausend Seiten Briefe von Samuel Beckett haben die Herausgeber in vier Bänden veröffentlicht und der Übersetzer Christ Hirte ins Deutsche übertragen. Beständig begegnet man darin einem besonderen Menschen, und die Frage, „Was bleibt, wenn die Schreie enden“, könnte man nach dieser Lektüre, mit großem Glück, beantworten.

Stand: 06.01.2019, 16:11