Friedrich Christian Delius - Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Friedrich Christian Delius - Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Friedrich Christian Delius - Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Von Werner Köhne

Die Jetztzeit als Sackgasse des Chronisten: F.C. Delius verliert sich in seinem neuen Roman in den flachen Erregungszonen unserer Tage.

Friedrich Christian Delius
Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Rowohlt Berlin, Berlin 2019
253 Seiten
20 Euro.

Genau an dieser Stelle

Ein Mann steht 118 Meter über dem Meer am Abhang der Kreidefelsen auf der Insel Rügen. Er erinnert sich daran, wie einst seine Schwester, eine leidenschaftliche Fotografin, aus Unachtsamkeit genau an dieser Stelle in den Abgrund gestürzt war. Der Mann ist Anfang 60, ein Zeitungsredakteur für den Bereich Wirtschaft. Kurz zuvor ist ihm seine baldige Entlassung mitgeteilt worden. Offensichtlich passt er mit seinen Überzeugungen und bohrenden Hintergrundrecherchen nicht mehr in das Profil einer Zeit, die auf flotte Geschichten und skandalträchtige Fakten setzt.

Eine Romandisposition, die Leseerwartungen weckt, zumal wenn auf dem Buchcover Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde von den Kreidefelsen zu sehen ist, eine Allegorie romantischer Entgrenzung und Verlorenheit. Lässt sich innerhalb dieses Erwartungshorizonts auch die Geschichte des Protagonisten einfügen ? Es handelt sich hier weder um einen Roman, noch um ein klassisches Tagebuch, selbst wenn laufende Datierungen aus den Jahren 2017 und 2018 dies nahelegen. Der Chronist ist dabei gegenüber dem realen Autor F. C. Delius um 15 Jahre verjüngt worden - wohl eine dramaturgische Notwendigkeit – aber stimmig wirkt diese Konstruktion nicht.

Dampf ablassen und den Dingen auf den Grund gehen

Delius liefert einen Text, der uns vornehmlich als eine fortlaufende Deklamation in Erinnerung bleibt, ein nach außen gewendeter Monolog, der sich einschränkt auf Meinungen zu Ereignissen der Zeitgeschichte. Und so erleben wir einen Journalisten, der nach seinem Rauswurf seiner Profession, dem Schreiben, weiter nachkommen will - nun aber auf eigene Faust. Die vorgelegte Prosa soll dem Autor die Möglichkeit bieten, Dampf abzulassen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Die Zeitläufte und Ereignisse bieten ihm dazu Material zu Genüge.

"Die Zeiten sind zu aufregend, um nicht über sie zu schreiben. Man will reagieren und sei es mit kleinen Randbemerkungen. Die laufenden Ereignisse zu beschweigen ist, Seneca hin oder her, jedenfalls auch keine Lösung."

Die Falle einer Like- und Dislike-Kultur

Und so schreibt der empörte Zeitgenosse für sich und vor allem an seine Nichte, einen Teenager, der ansonsten im Buch ein Phantom bleibt: über die Griechenland- und Bankenkrise, die deutsche Flüchtlingspolitik und eine überschätzte Angela Merkel.

Portrait von Schriftsteller Friedrich Christian Delius

Friedrich Christian Delius

Vor allem aber führt er ein Album über die Welteroberungszüge der Chinesen, die es in einer perfiden Mixtur aus Sozialismus und Kapitalismus weit bringen werden: der Duisburger Hafen wird von ihnen ebenso aufgekauft werden, mutmaßt der Chronist, wie wohl bald auch die Seelenlandschaft der Deutschen, die Insel Rügen. Den Spekulationen und Befürchtungen kann man eine gewisse Originalität nicht absprechen – aber es überwiegt insgesamt doch der Eindruck, hier verliere sich ein Intellektueller in moralisierendem Ton genau in der Welt der Meinungen und Gegenmeinungen, die er doch zu bekämpfen vorgibt.
Irgendwann merkt der Chronist selbst, dass er so in die Falle einer Like- und Dislike-Kultur getappt ist.

"Ich möchte schon lange kein Redner, kein Meinungsverkünder mehr sein. Millionen Menschen wollen zu jeder Stunde ihre Meinungen loswerden auf allen Bühnen, Bildschirmen, in Schlagzeilen, im Gezwitscher und Geplapper, jeder will für seine Vereinfachungen millionenfach geliebt und gelikt werden an den Stammtischen des Internets oder im Quotenzoo, besten Dank!"

Ein Archäologe der deutschen Mentalitätsgeschichte

Was bei aller Heftigkeit im Ton an dieser Prosa fehlt, ist neben einer erzählerischen Ausgestaltung des Stoffs das Pathos der Distanz, was eben auch einschließt, dass der Autor sich kraft seiner eigenen Geschichte vielschichtiger mit einbringt. F.C. Delius ist uns bekannt als ein politisch links stehender Autor, der zunächst mit Lyrik hervortrat; er arbeitete dann als Lektor bei Wagenbach und Rotbuch, um schließlich als Romancier zu reüssieren:

Der Autor wurde so etwas wie ein Archäologe der deutschen Mentalitätsgeschichte, pflegte dabei einen Erzählstil, aus Lakonie, Witz und reflektierter Melancholie. Von all dem ist in diesem Buch wenig übrig geblieben. Delius ist zu sehr verkrallt in die Absicht, in der aufgeregten Gesellschaft an der Meinungsfront mit anderen mitzuhalten und sich dabei einer jüngeren Generation geradezu anzudienen. Das hätte er als Schriftsteller, der über 50 Jahre hinweg seinen politischen Überzeugungen treu geblieben ist, gar nicht nötig. Das letzte Kapitel bietet indes eine Wendung zum Besseren. Mit seiner Lebensgefährtin und einem ehemaligen Schulfreund ist der Protagonist auf den Weg zu den Klippen – und erfährt dort eine urwüchsige Welt, die nicht limitiert bleibt auf Talk Shows, Youtube-Likes und Redaktionsgeflüster. Eine Welt, die wieder erzählbar wird.

"Ich spürte den Wind auf der Hut und die Sonne, die nicht schien und den Regen, der nicht fiel, spürte mehr Kraft als sonst in meinen Beinen und Armen und als wäre ich kurz davor abzuheben...118 Meter steil über dem Meer, leicht erschöpft und stolz auf meinen gemeisterten Weg, noch dazu der Stolz, auf einer Bühne zu stehen, die entspannte Seele näher der saftigen Natur und den helleren Welten des Himmels und näher vielleicht sogar sich selbst."

F.C. Delius: Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

WDR 3 Buchkritik 31.12.2019 05:58 Min. Verfügbar bis 30.12.2020 WDR 3

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Stand: 19.12.2019, 15:44