Wolfgang Welt - Ich schrieb mich verrückt

Wolfgang Welt - Ich schrieb mich verrückt

Wolfgang Welt - Ich schrieb mich verrückt

Von Monika Buschey

Wolfgang Welt, ein Kind des Ruhrgebiets, schrieb journalistische und autobiografische Texte. Eine Auswahl davon ist im Suhrkamp-Verlag erschienen. Frank Goosen liest vor.

Wolfgang Welt
Ich schrieb mich verrückt

Gelesen von Frank Goosen
tacheles
ISBN 978-3-86484-603-8
1 Audio CD

Verrückte Sachen hat der Bochumer Autor Wolfgang Welt verfasst. Und so heißt denn auch sein Selbstbekenntnis "Ich schrieb mich verrückt". Ein Hörbuch, das bei tacheles erschienen ist, hat eben diesen Titel. Welt legte insgesamt vier autobiografische Romane vor, sein Idol war Peter Handke. Der andere Bochumer, Frank Goosen, der ebenso wie Wolfgang Welt nicht müde wird, dem Sound des Ruhrgebiets zu lauschen und ihn in Worte zu fassen, liest Kostproben aus dem Werk des Kollegen.

Wolfgang Welt: "Ich schrieb mich verrückt"

WDR 3 Mosaik 28.11.2019 05:04 Min. Verfügbar bis 27.11.2020 WDR 3

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Ich sollte eigentlich ein Mädchen werden

"Ich kam als zweiter Sohn auf die Welt und sollte eigentlich ein Mädchen werden, eine Annegret. Doch ich hatte nie das Gefühl, unerwünscht zu sein, ganz im Gegenteil, meine Mutter schickte mich nicht in den Kindergarten, weil sie mich immer um sich haben wollte."

Am letzten Tag des Jahres 1952 wurde Wolfgang Welt in Bochum geboren, er starb 2016 in seiner Heimatstadt. Für ein Buch, das Mutter und Sohn-Geschichten versammelte, zeichnete er 1995 ein genaues, dennoch liebevolles Portrait seiner Mutter, die mit einer Mischung aus Stolz und Besorgnis die Aktivitäten ihres Sohnes beobachtete. Lehrer wollte er jedenfalls nicht werden, Ausbildungen für solide Berufe brach er regelmäßig ab.

"Ich glaube, das Studium, das für mich geeignet ist, gibt es nicht, wie spätere Fehlversuche zeigten. Stattdessen träumte ich davon, Schriftsteller zu werden, nachdem ich Hesse und Handke gelesen hatte. Ich wusste aber nicht, worüber ich schreiben sollte. Natürlich traf mein Abrücken vom Weg meine Mutter wie ein Schlag, sie hat mir aber nie Vorwürfe gemacht und ertragen, dass ich erstmal Schallplattenverkäufer wurde."

Die Perspektive des Kritikers

Von da aus war es nicht mehr weit zur theoretischen Beschäftigung mit Musik. Er wählte die Perspektive des Kritikers. Wolfgang Welt schrieb radikal subjektiv für diverse Szene-Magazine.

"Ich wäre froh, wenn diese Scheibe, man könnte das B auch durch ein scharfes S ersetzen, nicht Zwo, sondern ‚die Letzte‘ hieße. Was sich der vielbeschäftige Grönemeyer, der demnächst in dem Monumentalstreifen ‚Das Boot‘ zu begutachten sein wird, hier geleistet hat, ist unter aller Sau.."

Wolfgang Welt

Wolfgang Welt

Wolfgang Welt soll sein Urteil später angesichts reiferer Leistungen des Vielbeschäftigen revidiert haben. Die größte Verehrung des Kritikers auf dem Feld der Pop-Musik galt ohnehin einem internationalen Star, Buddy Holly.

Seine größten Stärken entfaltete Wolfgang Welt, wenn er den Blick gleichmütig und doch melancholisch auf die Lebenswirklichkeit im Pott richtete. Keine literarischen Höhenflüge insgesamt, aber doch ein sicheres Gefühl für Atmosphärisches. Ein Blues in zwölf Takten lautet der Titel.

"Ich bin nach langer Zeit mal wieder im Haus Schulte, hundert Meter von meiner Wohnung auf der Wilhelmshöhe entfernt, einer ehemaligen Bergmanns-Siedlung an der Bochumer Grenze zu Dortmund. Früher war hier der Bär los, so vor 20 Jahren, als ich in der ersten Mannschaft Fußball spielte und beim SuS Wilhelmshöhe und dies das Vereinslokal war. Meinen Vater, der damals erster Vorsitzender war, habe ich öfter hier als zu Hause angetroffen. Mittlerweile haben sich die Kriegsteilnehmer weitgehend von der Öffentlichkeit verabschiedet. "

Psychiatrie und Nachtportier

Ein paar Kapriolen, so nennt er es selbst, brachten Wolfgang Welt für kurze Zeit in die Psychiatrie, als Überlebenschance ergab sich ein Job am Schauspielhaus Bochum: als Nachtportier. Für sein Schreiben, das sich mehr oder weniger dicht um die eigene Biografie drehte, suchte er sich starke Vorbilder.

"Es gab eine Zeit in der ich Peter Handke vorbehaltlos anhimmelte. Seine Bücher waren mein Katechismus. In dem Band „Als das Wünschen noch geholfen hat“, zeichnete er vor einigen Jahren ein Portrait des damals 60jährigen Schriftstellers Hermann Lenz, der bis dahin so gut wie unbekannt gewesen war und zu den Stillen im Lande gezählt wurde. Handke forderte uns – mich – auf, die Bücher des Stuttgarter Erzählers zu lesen. "

Kaffeesucht, Appetitlosigkeit und Lungen-Schmacht

Welt und Lenz korrespondierten eine Zeitlang, dann kam der verehrte Dichter für eine Lesung nach Bochum. Welt verabredete ein Gespräch mit ihm.

Hermann Lenz, 1996

Hermann Lenz, 1996

"Vor dem Museum in der Kortum-Straße erwartete ich ihn. Kaffeesucht, Appetitlosigkeit und Lungen-Schmacht waren Anzeichen meiner inneren Unruhe."

Als der Erwartete eintraf, unternahmen die beiden einen Rundgang durch Bochum.

"In einer renommierten Buchhandlung in der Brüderstraße sprachen wir mit dem Inhaber, der sich über den Ladendiebstahl beklagte. Lenz war erstaunt, dass auch Hochschullehrer zu den Tätern zählten, Hochschullehrer!"

Abends die Lesung, am nächsten Tag trafen Lenz und sein Fan erneut zusammen.

"Lange überlegte er, bevor er mir eine Widmung in seinen Gedichtband "Wie die Zeit vergeht" schrieb. Er hofft, mich wieder zu sehen, worüber ich erfreut bin. Ein Interview hatten wir nicht gemacht. Wir waren uns begegnet, näher gekommen. Ich begleitete Hermann Lenz zum Zug-Schalter, wo er einen IC-Zuschlag löste. Er steckte ein Marabo ein. Wir verabschiedeten uns. Als ich anschließend in ein Schallplattengeschäft ging, lief dort grade eine der letzten Beatles-Nummern: "The long and winding road". "

Ein Vortrag in konsequentem Geradeaus

Frank Goosen

Frank Goosen

Frank Gossen darf als der ideale Interpret für Wolfgang Welt gelten. Ein Vortrag in konsequentem Geradeaus, keine Schnörkel, keine Kunstpausen, keine Hintergedanken. Bochumer unter sich. Das Hörbuch hält außerdem noch einen kleinen O-Ton von Wolfgang Welt bereit.

"Wo sind wir? Das ist das Schauspielhaus Bochum.
Und wer sind Sie? Ich bin Wolfgang Welt, der Nachtportier.
Und was tun Sie sonst noch?
Ich schreibe Bücher."

Stand: 26.11.2019, 14:22