"Weiterschreiben – (W)Ortwechseln."

Stand: 30.06.2022, 07:00 Uhr

Die menschlichen Stimmen in "Weiterschreiben - (W)Ortwechseln" gehen sofort unter die Haut. Eine literarische Begegnung mit dem Erlebnis, seine Heimat zu verlieren – und doch an sie gebunden zu bleiben. Eine Rezension von Oliver Cech.

Weiterschreiben – (W)Ortwechseln.
Herausgegeben von Dima Al-Bitar Kalaji, Christiane Collorio und Annika Reich.
Lesung mit Melika Foroutan und Sabin Tambrea.
Der Hörverlag, 2022.
MP3-CD, 27 Euro.

Literarische Begegnungen mit Exil-Autor*innen Lesestoff – neue Bücher 30.06.2022 05:41 Min. Verfügbar bis 30.06.2023 WDR Online Von Oliver Cech

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"An den Fenstern der Lehmhäuser dösten sie träumend. Im Sonnen­unter­gang, wenn das Licht zu schimmern begann, zündeten sie für einen Augen­blick ihre Klipperfeuerzeuge an… und schnappten sie dann schnell wieder zu. Als Gruß und Zeichen, wie Briefe aus Licht und Schatten. Der Abend im Dorf verwandelte sich in ein Festspiel von Lichtertänzen unter einem klaren Mond."

Klipperfeuerzeuge heißt dieses Gedicht von Yamen Hussein. Er nimmt uns mit in das verlorene Land seiner Kindheit und Jugend, zu den Dresch­plätzen und Weinbergen von Homs und Hamar, im Westen Syriens. Eine Landschaft voll wilder Feigenbäume. Ein Land, in dem es noch keine Zäune gibt, damals. Die Jugendlichen in den Dörfern spielen mit dem Feuer; sie werfen sich Lichtsignale zu, in der Dämmerung. Und einige gehen weiter.

"Nur die Mutigsten ließen einen Platz unter der Decke frei für einen Gast, der vorsichtig über die Dächer lief, damit er die Tauben nicht aufschreckte und die Eltern weckte. Heimlich krabbelten die beiden Körper unter die Decke und verwandelten sich in ein leises Stöhnen der Lust."

… und so klingt dieses Gedicht über heimliche Freiheiten im Original, auf Arabisch, rezitiert von Yamen Hussein selbst. Drei Gedichte hat er aus­gesucht für das Projekt Weiter­schreiben.

Ein Literatur-Portal, das jetzt sein fünfjähriges Bestehen feiert. Mittlerweile über 60 Exil-Autor­innen und Autoren bekommen hier die Möglichkeit, eigene Texte vorzustellen. Und sich zu treffen und auszu­tauschen mit namhaften deutschsprachigen Kollegen – im literarischen Dialog. Um anzukommen in der deutschen Literaturwelt.

Das neue Hörbuch ist dazu ein weiterer wichtiger Schritt. Fast zehn Stunden Material, ein Kosmos aus literarischen Stimmen, sorg­fältig ediert von den Herausgeberinnen Dima Al-Bitar Kalaji, Christiane Collorio und Annika Reich.

Die Kulturen und Sprachen, das Fremde und das Eigene, kommen sich hier oft aufregend nah. Und an einigen Stellen überlagern sie sich sogar!

"Riborasch… Reportasch… (deutsche Übersetzung, ähnlich rhythmisiert)
Wir machen eine Reportage, sagten die Soldaten. REPORTAGE, sagte auch der Kameramann. Und die Großen unter uns wiederholten das Wort: RI-POR-TAHSCH."

Zwei Sprachen tauschen einen Begriff aus, eine Idee. Ganz nebenbei, ganz selbst­verständlich, durch die Begegnung von Kindern und Soldaten.

Die deutschsprachigen Autorinnen und Autoren des Projekts haben oft selbst früher die Erfahrung der Migration gemacht, sind selbst in mehreren Sprachen und Kulturen unterwegs. Das erleichtert die Annäherung, daraus entsteht in vielen Fällen ein Dialog über das Weiterziehen und Neuankommen. Und doch gibt es Sprünge. Der tiefe Schmerz – das Trauma von Gewalt, vertrieben zu sein aus der eigenen Kultur – ja, darüber kann man schreiben. Aber wie kann man darüber reden? Fragt der Schriftsteller Saša Stanišić.

"Salma Salem lacht in Damaskus. Es gibt also noch etwas, das zum Lachen ist, in Damaskus. In Salmas Überleben. Salma Salem lacht in Damaskus, unser Gespräch dauert eine Stunde dreißig. Sie lacht in dieser Zeit zweimal. Und ich, ich bin zweimal erleichtert, und schäme mich für meine Erleichterung. Ich schäme mich, weil ich denke: Es gibt also noch etwas, das zum Lachen ist, in Damaskus."

Die Berichte in Weiterschreiben, die Erfahrungen von Unter­drückung und Flucht, gehen unter die Haut. Denn diese Berichte wirken hier nicht wie ferne Nachrichten. Hier kommen sie selbst zu Wort, in ihrer eigenen Sprache und Stimme und auf Deutsch: Menschen, die ihr Leben neu beginnen, sich selbst neu finden müssen.

Eine Begegnung mit dem Erlebnis, seine Heimat zu verlieren – und doch an sie gebunden zu bleiben.

"Vergeblich versuchst du, ihnen zu entkommen. Das Land und das Gedächtnis haften an dir. Wie der Kern – an der Pflaume."