Stefan Weiller - Letzte Lieder

Hörbuchcover: "Letzte Lieder" von Stefan Weillers

Stefan Weiller - Letzte Lieder

Von Oliver Czech

Über Jahre hat Stefan Weiller Menschen im Hospiz besucht. Für sein Projekt "Letzte Lieder" hat er die Sterbenden gefragt, welche Musik ihnen jetzt wichtig ist.

Stefan Weiller: Letzte Lieder
2 CDs mit Booklet, 160 Minuten, 20 Euro

Stefan Weiller: Letzte Lieder

WDR 3 Buchkritik 16.09.2021 06:00 Min. Verfügbar bis 16.09.2022 WDR 3 Von Oliver Cech


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Im Sterben geht das Leben weiter

"Einfach das Beste daraus machen! Bestimmt einer der eher seltenen Sätze auf der Titanic. 'Alle Rettungsboote abgefahren – bedaure, der Herr, da müssen Sie jetzt wohl das Beste draus machen!' Solche Dialoge sind von sinkenden Schiffen nicht übereifert. Ich kenn sie aber aus dem Hospiz. 'Sie müssen bald sterben, Herr Dingens. Das ist die schlechte Nachricht. Aber es gibt auch eine gute: Wir haben frischen Kuchen gebacken!'"

Alle Menschen leben ihr eigenes Leben. Und dahinter fällt keine Klappe, bloß weil man sich nun im Sterbeprozess befindet! Im Sterben geht das Leben weiter, mit seiner ganz eigenen Resonanz.

Zwei Stimmen, die erzählen

Wie bei Werner, Mitte 60, nun im Hospiz. Schiffsingenieur ist er gewesen, und die Bilder, in denen er fühlt und denkt, haben auch weiter oft mit Schiffen zu tun. Ein Rettungsboot hätte er gern. Ist aber keins mehr frei! Die beschönigenden Kommentare seiner Besucher im Hospiz – die gehen dem geradlinigen Werner auf den Zwirn, auch jetzt noch. 

"Er will festhalten: Sieht aus wie ein todschickes Hotel – ist aber ein Hospiz. Nachtisch schmeckt wie im Restaurant – ist aber ein Hospiz. Der Leute sind hypernett und motiviert wie die Angestellten im Applestore – ist aber ein Hospiz!"

Oft sind es zwei Stimmen, die im Hörbuch die Geschichte eines Menschen erzählen. Eine etwas distanzierte Stimme, in der Rolle des Autors Stefan Weiller, der beobachtet und notiert – und eine persönliche Stimme, als Ich-Erzähler des Sterbenden.

Sterben im eigenen Zuhause

Die meisten Aufzeichnungen stammen aus der Hospiz-Situation. Aber manche auch aus einem privaten Zuhause. Wie bei Krista; sie will ihre letzten Tage umgeben sein von den Dingen, die sie ein Leben lang angesammelt hat.

"Auf einige Dinge hab ich meinen Namen geschrieben. Etwa auf die Rückseite des alten Bauernschranks. Oder auf die Innenseite von Schallplattenhüllen. Wenn mit den Jahren meine Sachen den Besitzer wechseln, wird man meinen Namen lesen, und sich vielleicht fragen – wer ich wohl war."

Über viele Dinge aus ihrem Leben muss Krista nun selber lachen – ReiseMitbringsel wie das kleine Dromedar aus Ägypten, mit dem unsäglichen Kunstfell. Andere Dinge sind ganz wichtig, bis zuletzt.  

"Und hier, vielleicht das Schönste: In einem Buch eine getrocknete Blume von meinem ersten Liebhaber. Er hatte einen schrecklichen Buchgeschmack… aber KÜSSEN konnte der! Er war der erste Mann, der die drei Worte sprach."

Einen geliebten Menschen gehen lassen

Das "Ich liebe dich" anzunehmen oder auszusprechen – einigen Sterbenden fällt es schwer. Bei anderen steht es dagegen gerade im Mittelpunkt der Sterbeerfahrung.

"Sie war seine Rettung, seine Insel, sein Fels, seine Burg. Sein Alltag, sein Fest. Sein Leben. Seit heute früh bricht sie ein. Er sieht, wie sie sich gegen den Tod stemmt, solange er im Zimmer bleibt. Er spürt, dass sie nun gehen muss; und damit sie das kann, muss er nun gehen. Sie soll merken, dass er sie nicht bindet. Sondern ihre Seele entlässt."

Thomas wird nach Hause fahren, in ihr gemeinsames Zuhause. Er wird sich an den gemeinsamen Tisch setzen. Und auf den Anruf warten. Mit dem Klingelton, den er selbst für sie eingerichtet hat, nur für sie: "Suzanne", von Leonard Cohen. Das Lied heißt wie sie, wie Susanne.

"Er bat eine Pflegerin, sie möge vom Handy seiner Frau aus anrufen, sobald seine Frau gegangen sei. Sie war irritiert, versprach aber, seinen Wunsch zu erfüllen. Das Lied wird also noch einmal klingen. Erst nach einer Weile wird er abheben; und egal, wer dran ist, und was die Stimme sagt: Hören wird seine Frau. Sie ruft ihm zu."

30 Menschen - von vier Jahren bis Anfang 90

"Letzte Lieder" heißt das Hörbuch von Stefan Weiller; es sammelt Lebensgeschichten von Menschen, die im Sterben liegen – 30 Menschen, im Alter zwischen vier Jahren und Anfang 90. Weiller hat sie gefragt, welches Lied ihnen gerade jetzt wichtig ist und sie begleitet in den letzten Tagen.

Diese Lieder – von dem Choral "Herr unser Herrscher" aus Bachs Johannespassion bis zu "Smells like teen spirit" der Band Nirvana – sind auf dem Hörbuch selbst nun nicht zu hören; statt dessen hat Stefan Weiler seine Geschichten einfühlsam verwoben mit Musik aus dem italienischen Barock.

Die Angst nicht kaschieren

Ein vielstimmiges Ensemble, darunter Eva Mattes, Bjarne Mädel und Christoph Maria Herbst, führt durch die Geschichten. Ihre vertrauten Stimmen schaffen eine gewisse Distanz zu den Erfahrungen der Sterbenden, die nicht selbst zu hören sind. Und es ist offenkundig, dass Stefan Weiller ihren Aussagen eine erzählerische Dramaturgie unterlegt.  

Herbe Angst und die seelischen Schrecken der Sterbeerfahrung werden dabei nicht kaschiert. Aber auch in den letzten Tagen eines Lebens, das macht dieses Hörbuch deutlich, gibt es menschliche Nähe, gibt es Musik – und manchmal sogar befreienden Humor.   

"In diesem Sinne: Ist das nicht ein wunderschöner Tag? Und es ist sogar noch Kuchen da!"

Stand: 15.09.2021, 16:53