Volker Weidermann - Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko

Hörbuchcover: Volker Weidermann: Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko.

Volker Weidermann - Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko

Von Oliver Cech

1941: Als Anna Seghers die Flucht aus Europa gelingt, ahnt sie nicht, wie sehr die Jahre in Mexiko ihr Leben prägen werden. Mit "Brennendes Licht" ist Volker Weidermann eine ebenso brillante wie bewegende Biographie gelungen – und eine Studie über den Kampf gegen den Faschismus aus dem Exil.

Volker Weidermann: Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko
Ungekürzte Lesung mit Burghart Klaußner
Der Audio Verlag, 2020.
4 CDs, Laufzeit ca. 4 h 36 min.

Seghers Flucht aus Frankreich nach Mexiko

"Ausruhen. Vielleicht für immer. Hier, im Licht. Ist das nicht angenehm? Nicht mehr kämpfen, nicht mehr diese Berge hinauf…. immer wieder diese Berge. Stillsein. Warten. Liegen: Vielleicht kommt die Welt ja zu ihr? Ganz von allein."

Sie ist am Ende ihrer Kräfte, als sie Mexiko erreicht: Anna Seghers, die Unbeugsame. Einige Jahre hat sie in von Paris aus gegen die Nationalsozialisten angeschrieben. Dem Einmarsch der Wehrmacht folgt eine chaotische Flucht durch Südfrankreich mit ihrer Familie, mit Mann und zwei kleinen Kindern. Die Gestapo ist ihnen auf den Fersen. Mit knapper Not entkommen die vier; auf einem Frachter fliehen sie von Marseille aus Richtung New York. Dann der Schock: die Vereinigten Staaten verweigern das Asyl. Denn Anna Seghers ist Kommunistin.

"Vertrauen. Das wäre ein Traum. Der Welt vertrauen. Vielleicht wird einfach alles gut, ganz ohne ihr Zutun, ohne ihren Kampf? Ganz ohne dass sie sich dagegenstemmt, gegen den Lauf der Welt. Vielleicht kann sie alles nicht ändern, so sehr sie auch kämpft. Vielleicht darf sie wirklich einfach jetzt hier liegenbleiben. Und warten. Und schauen."

Anfangs alles andere als ein Traumland

Mexiko ist das Land, das der erschöpften Familie von Anna Seghers schließlich Asyl gewährt – wie so vielen anderen Intellektuellen aus Europa damals. Das Land ihrer Träume? Nicht für Anna Seghers; in ihrem Roman "Transit", verfasst in wenigen Wochen auf dem Schiff Richtung Mexiko, lässt sie den Ich-Erzähler sagen:

"Es gibt ja Länder, mit denen man vertraut ist, ohne sie gesehen zu haben. Sie erregen einen. Gott weiß, warum! (…) An Mexiko ging mich nichts an. Nichts war mir an diesem Land vertraut. Ich hatte nie etwas über das Land gelesen: ich hatte auch nichts über das Land gehört, was mir besonders im Gedächtnis geblieben wäre. Ich wusste, es gab dort Erdöl, Kakteen, riesige Strohhüte…"

Die kulturellen Klischees wird Anna Seghers bald hinter sich lassen; aber wirklich heimisch wird sie nie in Mexiko. Dennoch werden die fünf Jahre, die sie in diesem Land lebt, Seghers formen und prägen. Hier begegnet sie Frida Kahlo und Diego Rivera, geht auf Tuchfühlung mit der künstlerischen Elite des Landes; sie findet viele Freunde unter den politischen Flüchtlingen aus Europa – allen voran Egon Erwin Kisch, der "Rasende Reporter"; und sie kommt, plötzlich und unerwartet, zu Weltruhm. Anna Seghers Roman "Das Siebte Kreuz" über den Ausbruch aus einem Konzentrationslager – in den USA wird das Buch ein Riesenerfolg. Die Regierung macht den Roman für ihre Soldaten in Europa zur Pflichtlektüre.

Volker Weidermann: Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko (Hörbuch)

WDR 3 Buchkritik 01.10.2020 05:36 Min. Verfügbar bis 01.10.2021 WDR 3

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"'Das Siebte Kreuz' war ein Buch darüber, dass Widerstand möglich war, in einem totalitären System. In Deutschland. (…) Ein Buch darüber, dass es auf den einzelnen ankommt. Dort in Europa und hier auf der Flucht. Ihr Buch gegen die Verzweiflung: ihre eigene und die der anderen Kämpfer gegen die scheinbar unbezwingbare Macht des Faschismus. Sätze wie diese, als Mantra in die Welt gesandt: Ein entkommener Flüchtling – das ist immer etwas, das wühlt immer auf, das ist immer ein Zweifel an ihrer Allmacht. Eine Bresche."

Behutsame Einfühlung in lebendige Menschen

Das Private und das Politische, persönliches Erleben und globaler Kampf: In Volker Weidermanns Buch ist beides untrennbar mit einander verwoben. Seine Biographie "Brennendes Licht" schaut von Mexiko aus auf eine Welt, die in Flammen steht. Dabei rückt die Geschichte uns beklemmend nah. Denn Weidermann lässt keine Papierfiguren auftreten, sondern ein weit gespanntes Netzwerk von lebendigen Menschen.

Allen voran natürlich Anna Seghers. Eine Schriftstellerin, die selbst wenig von sich preisgegeben, die keine Biographie geschrieben hat. Weidermann lässt ihr diese Distanziertheit; er nähert sich der zuweilen Unnahbaren mit behutsamer Einfühlung, mit Sympathie, aber ohne naive Bewunderung.

Weit mehr als eine Biographie ist hier gelungen. Ein Geschichtsbuch, das zugleich scharfsichtig ist und literarisch feinsinnig. Versteht sich, dem Hörbuch fehlen Bilder und Quellenangaben; dafür genießt man – und es ist wirklich ein Genuss! – den Vortrag des Schauspielers Burghardt Klaußner. Mit wachem Gespür für Dramaturgie wechselt er Tempo und Tonlagen, von Szene zu Szene, von Satz zu Satz. Und er schafft immer wieder Momente, bei denen einem der Atem stockt. Momente wie diesen. Da trifft Egon Erwin Kisch seine Freundin Anna Seghers auf einer Straße in Mexiko-City, im September 1945.

"Er blickte mir, ohne zu lächeln, entgegen, selbst in seinen Augen funkelte es nicht. Seine ganze Person drückte unendliche Müdigkeit und Trauer aus. 'Egonek!' sagte ich erschrocken, 'der Krieg ist doch zu Ende!' 'Eben', er seufzte, hängte sich schwer in mich ein, wie jemand, der Halt sucht. 'Was werden wir jetzt alles erfahren. Das ganze unfassbare Sterben.'"

Stand: 28.09.2020, 17:52