Lucas Vogelsang, Joachim Król - Was wollen die denn hier?

Lucas Vogelsang, Joachim Król - Was wollen die denn hier?

Lucas Vogelsang, Joachim Król - Was wollen die denn hier?

Von Christian Kosfeld

"Was wollen die denn hier?" ist ein Road-Trip durch Deutschland und in die deutsch-deutsche Geschichte mit spannenden Begegnungen und Reportagen. Ein sehr persönliches, ungewöhnliches Hörbuch.

Lucas Vogelsang, Joachim Król
Was wollen die denn hier?

Deutsche Grenzerfahrungen, Autorenlesung
Goya Lit
6 CDs
ISBN 978-3-8337-4097-8

Dreißig Jahre ist es her, dass die deutsch-deutsche Grenze sich auflöste, die Mauer bröckelte und fiel, und sich Ost- und West-Deutsche unter neuen Bedingungen begegneten. Der Rest ist Geschichte, und die besteht aus einzelnen Biographien von Millionen Menschen. Einige davon haben der Schauspieler Joachim Król und der Journalist Lucas Vogelsang aufgespürt und aufgezeichnet. „Was wollen die denn hier?“ heißt ihr gemeinsames Reportage-Buch. Schon 2009 hatten sie die Idee, gemeinsam eine West-Ost-Deutsche Reise zu unternehmen. Inspiriert waren sie von dem Film aus dem Jahr 1991, mit dem Król bekannt wurde. In „Wir können auch anders“ reist ein ungleiches Brüderpaar auf der Suche nach dem Glück durch Ostdeutschland. 27 Jahre nach den Dreharbeiten machten sich Vogelsang und Król auf den Weg. Sie starteten im Ruhrgebiet und folgten der damaligen Transit-Strecke nach Berlin und bis an die Ostsee. Jetzt ist bei Goya Lit das Hörbuch erschienen, das Król und Vogelsang gemeinsam eingelesen haben.

Mit vielen Fragen

Vogelsang
"Die neuen Bundesländer, das erzählte er mir gleich, sind ihm seltsam fremdgeblieben, schwarze Flecken in seinem persönlichen Atlas. Ich überlegte, bereits Szenen im Kopf und eine Route wohl auch. Eigentlich, sagte ich schließlich, müssten wir einfach hinein fahren, in diesen Film, in den Osten, in die Erinnerung. Das wäre doch was. Im Gepäck all die Fragen, die naiven und die unbedingten."

Mit ihren vielen Fragen treffen Lucas Vogelsang und Joachim Król auf viele Menschen. Sie beginnen tief im Westen, Król ist als Bergmanns-Sohn aus Herne oft zu Freunden nach Berlin gefahren. Im Ruhrgebiet, das heute vielerorts so kaputt aussieht wie die DDR nach der Wende, treffen sie Ursula Thom, eine ehemalige Polizistin, die zwei Tage vor dem Mauerfall aus der DDR floh.

Lucas Vogelsang, Joachim Król "Was wollen die denn hier?"

WDR 3 Mosaik 15.08.2019 05:46 Min. Verfügbar bis 14.08.2020 WDR 3

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Hast du nicht Lust?

Król
"Ich kannte die Bilder, sagt Ursula Thom, natürlich, aber ich habe ihnen nicht getraut. Sie saß damals vor dem Fernseher und wartete auf den ersten Schuss. Ursula Thom wurde 1949 geboren im Jahr der Republiksgründung, eines der ersten Kinder der DDR. In Solpke, einem Dorf in Sachsen Anhalt, ist sie mit den Entbehrungen der Nachkriegsjahre aufgewachsen… Mit 19 Jahren ist sie Mutter geworden. So, sagt sie, war das in der DDR. Alleinerziehend, 80 Ostmark Miete, suchte sie eine Anstellung. Im Haus der Jungen Talente wurde sie angesprochen: Hast du nicht Lust? Und landete so bei der Polizei in Magdeburg."

Ursula Thom wurde Verkehrspolizistin, glaubte an die DDR, und wandte sich enttäuscht vom Polizei- und Spitzel-System ab. Andreas Maluga wollte, doch durfte nie in die DDR übersiedeln. In Wattenscheid besuchen die Reporter den überzeugten Kommunisten in seinem DDR-Kabinett. Er trauerte beim Mauerfall, danach verkaufte er im Osten Grillwürste, und trug eine gigantische Devotionaliensammlung zusammen. Weiter geht es von Wattenscheid über die alte Transit-Strecke, über Hannover und Brauschweig an die ehemalige Grenze. Dort hören die beiden Autoren abenteuerliche Flucht- und Grenz-Geschichten.

Der Todesstreifen und ein großes Loch

Król
"Das angeblich antifaschistische Geröll der DDR. Heute blühen dort Sonnenblumen, und an den besonders warmen Tagen fährt Rosemarie Aschasch dorthin und pflückt ein paar. Wer aber genau hinschaut, findet sie im teilweise hüfthohen Gras, hinter den Birken, auch im Frühjahr im Raps: die Überbleibsel der Grenze. Sie verraten den Todesstreifen. Dort wurde geschossen. Wir können uns das, sagt der Neffe, gerne mal anschauen. Dahinter, erklärt er, lag der einzige geteilte Tagebau Deutschlands, ein großes Loch, in dem Ost und West gemeinsam gebuddelt haben."

Król und Vogelsang treffen Bergleute aus dem deutsch-deutschen Braunkohle-Tagebau Helmstedt-Harbke, sie sprechen mit Bauern und Grenz-Polizisten, hören von gescheiterten oder geglückten Lebensläufen. Freifrau und Freiherr von Bodenhausen fanden 1990 in einem herunter gekommenen Hof bei Marienborn eine neue Heimat:

Król
"Sie, junge Eltern und ungeduldig, waren bereit. Sie wollten, so sagt man nun mal, ihr Glück nochmal woanders versuchen, und wussten schon wo: Denn während ihnen die Heimat zu eng geworden war, standen drüben, da hatten sie gehört, die Dörfer oft genug leer, erodierten die Verhältnisse, wurde der Besitz neu verteilt. Eine Chance. Die blühenden Landschafen mal anders herum gedacht. Und so war die Grenzöffnung hier der große Durchbruch."

Eine abwechslungsreiche Reise und ein sehr persönliches Hörbuch

Joachim Król beim Literaturfestival Litcologne in Köln 2017

Joachim Król

Das Hörbuch "Was wollen die denn hier?" ist eine überraschende, abwechslungsreiche Reise in die deutsch-deutsche Gegenwart und Vergangenheit, und so kann man beiden Sprechern über sieben Stunden lang ausgezeichnet folgen. Der 60jährige Król liest bedacht, mit seiner etwas schleppenden, heiseren Stimme. Man merkt ihm an, wie sehr ihn die vielen Begegnungen beschäftigen. Vogelsang, Jahrgang 1985, steuert seine eigene Perspektive bei, beobachtet und hört aufmerksam den vielen unterschiedlichen Lebensläufen zu. Die Reise führt nach Berlin, später bis an die Ostsee. In Berlin treffen sie nicht nur den Schauspieler Horst Krause und den Fußballer Andi Thom, sondern auch Cornelia Grüchow. Die kellnerte 30 Jahre lang in der Transit-Gaststätte Michendorf Süd. Dort saßen Ost- und Westdeutsche zusammen an den Tischen, unter Beobachtung der Stasi.

Lucas Vogelsang

Lucas Vogelsang

Vogelsang
"Hast du fragt Joachim nun mal mit Wessis gesprochen oder die Treffen mitbekommen, wenn sich da Verwandte gegenüber saßen, vielleicht sogar Tränen flossen? Sie schüttelt den Kopf. Für solche Gespräche, sagt sie dann hatte ich keine Zeit, das musste alles immer sehr schnell gehen: Essen auf den Tisch, abkassiert, Guten Tag, Wiedersehn. Sonst hätte ich das gar nicht geschafft. Aber sagt sie natürlich hat man das sofort gesehen, ob die Leute sich schon kannten, das gab es ja auch, die Familientreffen, die gar nicht so heimlichen Verabredungen. Menschen, die meist länger zusammen saßen, ein bis zwei Stunden bestimmt. "Die", sagt Cornelia Wirt, haben wenig gegessen, aber hatten sich umso mehr zu erzählen."

"Was wollen die denn hier?" von Joachim Król und Lucas Vogelsang ist ein sehr persönliches, ungewöhnliches Hörbuch, mit bisher unbekannten Geschichten und Lebensläufen. Und vielleicht hilft es sogar, dass sich 30 Jahre nach dem Mauerfall die Menschen aus Ost und West besser verstehen.

Stand: 14.08.2019, 16:21