Lucia Berlin - Was wirst du tun, wenn du gehst, Stories

Lucia Berlin - Was wirst du tun, wenn du gehst, Stories

Lucia Berlin - Was wirst du tun, wenn du gehst, Stories

Von Manuela Reichart

Bestürzende Beschreibung brüchiger Existenzen – ein neuer Erzählband liefert meisterhafte Geschichten der amerikanischen Schriftstellerin Lucia Berlin.

Lucia Berlin
Was wirst du tun, wenn du gehst
Stories
Aus dem Englischen und mit einem
Nachwort von Antje Rávic Strubel
Arche Verlag, 2017
176 Seiten
19,00 Euro

Aus einem Satz wird ein Ort

Warum sind die Figuren dieser Erzählungen, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entstanden, so zum Greifen nah, als hinterließen sie beim Lesen einen Abdruck in der Luft?

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Antje Rávic Strubel liefert in ihrem kundigen und klugen Nachwort Erklärungen: die realen Orte, die lebenssatten Protagonistinnen, vor allem aber die Sprache sind es, die die Lektüre so außergewöhnlich machen, die Sätze, die Lucia Berlin ein Zuhause boten, das sie im Leben nicht hatte.

"(Ein Satz) ist da, und er ändert sich nicht, und er bewegt sich nicht, und so wird er zu einem Ort für mich."

Lucia Berlin - Was wirst du tun, wenn du gehst

WDR 3 Buchrezension | 07.11.2017 | 05:22 Min.

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Reichlich Stoff für Literatur

Auf der Suche nach einem Ort, einer Heimat war die (1936 geborene, 1974 gestorbene) Autorin immer: Zur Welt gekommen in Alaska, aufgewachsen in Chile, als Kind an Skoliose erkrankt, als Erwachsene schwer alkoholabhängig; drei Ehen, vier Söhne, die sie allein aufzog. Sie hat als Putzfrau, Aushilfslehrerin und Krankenpflegerin gearbeitet. Ihr Leben bot reichlich Stoff für Literatur und so findet man in diesen dreizehn Geschichten viele Spuren ihrer Biographie. Da stehen schreibende, zu viel trinkende Frauen im Mittelpunkt, die mühsam ihr Geld verdienen müssen, die die falschen Männer heiraten, die für eine Weile immerhin die richtigen waren, auch wenn mit ihnen ein richtiges Leben nicht möglich war.

"Ich mag es, Max Hallo sagen zu hören. Ich rief ihn an, als wir frisch verliebt waren, Ehebrecher. Das Telefon klingelte, seine Sekretärin ging ran und ich fragte nach ihm. Oh, hallo, sagte er. Max? Ich wurde schwach, war in der Telefonzelle einer Ohnmacht nahe. Wir sind seit vielen Jahren geschieden. Er ist jetzt Invalide, hängt am Sauerstoff, sitzt im Rollstuhl. Als ich in Oakland lebte, rief er mich normalerweise fünf- oder sechsmal am Tag an, Er leidet an Schlaflosigkeit; einmal rief er um drei Uhr nachts an und fragte, ob schon Morgen sei. Manchmal wurde ich wütend und legte sofort wieder auf oder nahm gar nicht erst ab."

Zehn Seiten, für ein ganzes Leben

"Bis später" heißt diese eindrucksvolle Geschichte, in der eine ältere Frau für eine Weile bei ihrer todkranken Schwester in Mexiko City lebt. Sie erinnert sich an ihre Jugend, ihre Ehe, daran, wie sie ihren Mann im Badezimmer überraschte, als er sich Heroin spritzte.

Lucia Berlin braucht nur zehn Seiten, um ein ganzes Leben zu entwerfen, das Glück und das Drama einer Ehe. Sie fängt die entscheidenden Momente ein, wenn sie etwa in der Erzählung "Blaue Lupinen" von zwei nicht mehr jungen Menschen erzählt, die für eine kurze Weile ein Paar und fast umstandslos miteinander glücklich werden, bis ihre Affäre wieder zu Ende geht, fast ebenso umstandslos. Am Anfang hatte er sie abgeholt und der Anblick der Blumen war ein Glück gewesen, am Ende sind sie bedeutungslos.

"Schweigend fuhren sie zum Flughafen, meilenweit an blauen Lupinen und Schlüsselblumen vorbei. Setz mich einfach ab, sagte sie, so viel Zeit ist nicht."

Missverständnisse, Hoffnungen,Liebe und die Literatur

Lucia Berlin erzählt in bestem Sinn vom Leben, den Höhe- und den Tiefpunkten, den Träumen und dem Alltag. Da wird ein Anwalt magisch angezogen von einer schönen Frau und ihrem minderjährigen Liebhaber; er gerät in das Chaos dieser beiden Trinker, in die Hölle und Unbedingtheit ihrer Liebe. So leidenschaftlich, so entschieden würde er auch gerne leben. Oder die erschöpfte Frau, die in das Leben eines alten Paares hineingezogen wird, die sich um die Beiden kümmert, sich auferlegt, jede Woche zu ihnen zu gehen. Sie glaubt, sie täte ihnen einen Gefallen, aber die beiden Alten meinen, sie müssten sich um s i e kümmern, weil sie so einsam ist. Die Missverständnisse zwischen den Menschen, die Hoffnungen der Liebe. Und der Literatur. Die erste und die letzte Geschichte dieses Bandes drehen sich ums Schreiben. In "Hier ist es Samstag" geht es um eine Gruppe schreibender Häftlinge, die von ihrer Lehrerin eine schwierige Aufgabe bekommen...

"Ich möchte, dass Sie zwei oder drei Seiten schreiben, die zu einer Leiche führen. Zeigen Sie uns die Leiche nicht. Erzählen Sie uns nicht, dass es eine Leiche geben wird. Beenden Sie die die Geschichte damit, dass wir wissen, es wird eine Leiche geben."

Wie es war und hätte sein können

In dieser Aufgabe liegt das literarische Credo dieser Autorin, nicht beschreiben, was ist, vielmehr schreiben, wie es vielleicht gewesen ist, wie es hätte sein können. Nicht Realismus ist das Motto, auch wenn diese Geschichten so klingen, als seien sie direkt dem Leben entrissen.

In der Erzählung, die diesen Band programmatisch eröffnet, wird das besonders deutlich. Da verschmelzen die Erzählerin und ihre Figur untrennbar und kunstvoll ineinander.

"Natürlich geht es in meiner Geschichte viel um Henriettas Gewohnheiten. Gewohnheiten! An sich ist nicht viel gegen sie zu sagen, sie hören bloß nie auf."

Wie das Leben, das nicht aufhört, das weitergeht trotz des schlechten Gewissens den Kindern gegenüber, den Geldsorgen, den scheiternden Ehen und kurzen Affären. Lucia Berlin ist eine unsentimentale, immer wieder auch humorvolle Autorin, deren Blick auf die Welt uns die Augen öffnet. Für die Menschen, das Leben - und die Gewohnheiten.

Stand: 07.11.2017, 09:00