Florian Illies - 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte.

Florian Illies - 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte.

Florian Illies - 1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte.

Von Oliver Pfohlmann

Epochencollage zweiter Teil: Florian Illies fügt seinem erfolgreichen Zeitmosaik "1913" neue Puzzlesteine hinzu.

Florian Illies
1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte

S. Fischer, Frankfurt am Main 2018
304 Seiten
20 Euro

Das aufregende Zeitmosaik eines Wunderjahres

Sind sich Hitler und Stalin einst als junge Männer beim Spaziergehen im Schloss Schönbrunn über den Weg gelaufen? Wir wissen es leider immer noch nicht. Dass es zumindest möglich gewesen wäre, dass sich ihre Lebenswege damals in Wien für kurze Zeit gekreuzt haben, hat bekanntlich Florian Illies entdeckt. Vor sechs Jahren erschien sein Buch "1913 – Der Sommer des Jahrhunderts", das aufregende Zeitmosaik eines Wunderjahres, das zu einem Überraschungsbestseller avancierte. Und weil es noch so viel mehr über dieses "völlig überdrehte Jahr" vor dem Ersten Weltkrieg zu erzählen gibt, so viele weitere Entdeckungen, Zufälle und Begebenheiten, hat der Buchautor und künftige Rowohlt-Verleger nun einen zweiten Teil nachgelegt.

Worüber man sich als Leser einfach nur freuen kann. Denn wenn es ein Jahr in der Geschichte gibt, von dem man sich wünschte, es wäre nie zu Ende gegangen, dann ist es dieses letzte Friedensjahr. 1913, das ist das Jahr, in dem Marcel Proust den ersten Teil seines Jahrhundertromans veröffentlichte und Franz Kafka die bizarrsten Liebesbriefe aller Zeiten schrieb. In dem Arnold Schönberg oder Igor Strawinsky die Musik revolutionierten und Maler wie Mondrian oder Malewitsch die Abstraktion entdeckten.

"Paul Klee schreibt im November das wunderbare Fazit in sein Tagebuch: Eine einzige Liebeserklärung an die Kunst ist das Jahr 1913. Meine Rede."

Souverän und voller Spielfreude

Was ist nicht alles in diesem Jahr entstanden:

Florian Illies

Florian Illies

das erste Readymade von Marcel Duchamp zum Beispiel. Franz Marcs "Turm der blauen Pferde". Picassos Collagen voll aufgeklebter Wirklichkeit. Von Letzteren ist Florian Illiesʼ Jahresquerschnitt übrigens inspiriert. Und wie im ersten Teil montiert und arrangiert der Autor sein Material wieder souverän und voller Spielfreude. Stichwort Picasso: Wer hat vor Florian Illiesʼ je so humorvoll an die Leiden eines Picasso-Modells erinnert? Denn zwar nannte der spanische Maler seiner geliebten „Eva“ zu Ehren seine Werke in dieser Zeit alle "J’aime Eva" oder "Ma jolie Eva". Nur hatte die gute Eva das Pech, just in Picassos kubistischer Phase seine Geliebte zu sein. Weshalb man von ihr nur noch verrückt-zersprengte Formen sehen kann, nebst ein paar Zeitungsfetzen und Holzsplittern.

Von den Effekten, die seinen Fundstücken innewohnen, lässt sich auch Florian Illies gern überraschen. Und natürlich gibt es auch im zweiten Band wieder viele schillernde Gestalten zu entdecken, große Hallodris wie den Italiener Gabriele d’Annunzio etwa. Oder berückende Femme fatales wie Mata Hari. Die Synchronisierung von Lebensläufen fördert dabei immer wieder verblüffende Koinzidenzen zutage. Da verliert sich zum Beispiel Marcel Proust gerade in einem Berg aus Korrekturen und Druckfahnen, während sein deutscher Kollege Eduard von Keyserling quasi gleichzeitig von einem „Korrekturbogen des Lebens“ träumt. Aber auch klug eingewebte Spannungsfäden steigern das Lesevergnügen: ob es um Alfred Wegeners Überlebenskampf auf Grönland geht oder das Liebesleid des großen Ballettimpressarios Djagilew, der seinen Geliebten, das Tanzgenie Nijinsky, aus heiterem Himmel an eine mittelmäßige ungarische Tänzerin verliert. Und zwischendurch erfährt man noch, was so alles in diesem Jahr entdeckt oder erfunden wurde, von der Leica-Kleinbildkamera bis zum Geigerzähler.

"1913 ist das Jahr, das das 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert unauflöslich miteinander verbindet. Kein Wunder, dass deshalb am 29. April 1913 Gideon Sundback das Patent für den Reißverschluss erhält. Zwei biegsame Stoffstreifen mit kleinen Zähnen an der Seite und einem Schieber, der die Zähne ineinander verhakt. Kurt Tucholsky stellt fest: Kein Mensch kann verstehen, warum ein Reißverschluss funktioniert, aber er funktioniert."

Ein Jahr des Übergangs und Umbruchs

Tatsächlich war 1913 nicht nur ein Jahr der allgegenwärtigen Innovation, sondern auch des Übergangs und Umbruchs. Überall kollidieren gerade in diesen Monaten Vergangenheit und Zukunft. Es werden U-Bahnen eingeweiht und in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal. Man duelliert sich wegen einer Frau oder lässt sich lieber einfach scheiden. Und als ein Berliner Vermieter eine junge Schauspielerin wegen ihrer häufigen Herrenbesuche verklagt, fällt das Reichsgericht am 9. September 1913 ein überraschend revolutionäres Urteil:

"Es muss der einzelnen Person überlassen bleiben, inwiefern sie sich den Gesetzen der Sitte unterwerfen will. Es geht niemanden etwas an, was hinter verschlossenen Türen vorgeht. Will sagen: Das Gesetz gilt für alle, die Moral aber für jeden allein. So weit ist die Gesellschaft also schon Anno 1913."

Vergnüglich mit kleinen Fehlern

Ein großes Lesevergnügen bietet also auch der zweite Teil, auch wenn er insgesamt anekdotenlastiger ausfällt als der erste. Einige Fehler finden sich leider hier wie dort. So lässt Illies im neuen Buch Hugo von Hofmannsthal Sätze notieren, die der Wiener Dichter in Wahrheit schon zwanzig Jahre vorher veröffentlicht hat. Und den Hochstapler Otto Witte erklärt Illies sogar zum König von Albanien, obwohl diese Geschichte doch selbst in diesem Jahr der Unglaublichkeiten einfach nur blühender Blödsinn ist.

Florian Illies: "1913. Was ich noch unbedingt erzählen wollte."

WDR 3 Buchrezension 14.12.2018 05:36 Min. WDR 3

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Stand: 10.12.2018, 19:18