"Wandernde Sterne" von Isaak Babel

Stand: 18.05.2022, 07:00 Uhr

Isaak Babels "Reiterarmee" und die "Odessaer Erzählungen" kennt und liebt die ganze Welt. Aber Isaak Babel war auch Dramatiker und Drehbuchautor. Und er führte Tagebuch. Mitten im russischen Bürgerkrieg. Eine Rezension von Uli Hufen.

Isaak Babel: Wandernde Sterne
Aus dem Russischen von Bettina Kaibach und Peter Urban.
Hanser Verlag, 2022.
848 Seiten, 38 Euro.

"Wandernde Sterne" von Isaak Babel Lesestoff – neue Bücher 18.05.2022 05:31 Min. Verfügbar bis 18.05.2023 WDR Online

Streit im Schlafzimmer

Odessa am Schwarzen Meer, 1913. Es ist ruhig geworden im Hause Krik, nur im Schlafzimmer der Eltern Nechama und Mendel wird der erbarmungslose Streit um die Verheiratung von Tochter Dvojra, der schon den ganzen Tag tobt, weiter fortgesetzt.

"Bei anderen Leuten ist alles, wie’s sein soll. Bei andern Leuten nimmt man zum Mittag zehn Pfund  Fleisch, macht Suppe, macht Fleischklöpse, macht Kompott. Der Vater kommt von der Arbeit, alle setzen sich an den Tisch, die Leute essen und lachen… Und bei uns? Gott, lieber Gott, wie ist es finster in meinem Haus!"

Mendel Krik bittet seine Frau, Ruhe zu geben und endlich zu schlafen, aber Nechama gibt keine Ruhe und Mendel ist verzweifelt:

"Oh, womit hab ich mir bloß diese Klapperstute eingebrockt?"

Hintergrund zu den "Odessaer Erzählungen"

Und dann steht plötzlich er im Zimmer: Benja Krik, der älteste Sohn der Kriks, in Unterwäsche. Eine ungeheuerliche Übertretung:

"Bei Nacht, bei Nacht kommt du hier rein?"

Die Szene stammt aus Isaak Babels Theaterstück "Sonnenuntergang",  mit dem der Band "Wandernde Sterne" beginnt. Aber dieser Benja Krik, der ist natürlich auch die Hauptfigur der weltberühmten "Odessaer Erzählungen". In einer dieser Erzählungen steht auch, warum Benja seinen Vater aus dem Weg räumen musste, um König der Gangster von Odessa zu werden:

"Woran denkt ein solcher Vater? Er denkt daran, wo er ein Glas Schnaps trinken und wem er eins ins die Fresse hauen könnte; an seine Pferde denkt er und sonst an nichts mehr. Sie wollen leben, er aber zwingt Sie, zwanzigmal am Tag zu sterben. Was hätten Sie anstelle von Benja Krik getan? Nichts hätten Sie getan. Er aber hat etwas getan. Deshalb ist er der König. Sie aber sind eine taube Nuss geblieben."

Einer, der überall dabei war

Zu den vielen Verdiensten des Bandes "Wandernde Sterne" gehört es zu zeigen, dass Babel den Odessaer Stoff auch für Theater und Kino bearbeitete. Beides im Übrigen ohne großen Erfolg. Die Filmdrehbücher und Theaterstücke sind unbedingt lesenswert, Babels sprachliches Genie ist jederzeit spürbar, sogar wenn er offenbar in Geldnot ein Drehbuch verfasst nach dem Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde" - dem größten Klassiker des Sozialistischen Realismus. Und doch verblassen diese Texte im Vergleich mit den berühmten Erzählungen.

Wichtig ist "Wandernde Sterne" aus einem anderen Grund. Der Band zeigt, auch in überaus skrupulös recherchierten Anmerkungen, wie tief Babels Leben und Werk verstrickt sind mit der Epoche. Weltkrieg, Revolutionen, Hungerkatastrophen, Terror - Babel war überall dabei: als Soldat, als Reporter, als Mann mit engen Kontakten in höchste Moskauer Kreise und schließlich: als Opfer. Babel wurde im Januar 1940 erschossen.

Tagebuch, Reportagen und Briefentwürfe

Benja Kriks gewaltsame Machtübernahme in Odessa lässt sich als Parabel auf die Revolutionen lesen. Deutlicher sind die Zusammenhänge zwischen Biografie, Werk und Geschichte bei Babels zweitem Hauptwerk, der Erzählungssammlung "Reiterarmee". 1920 nahm Babel als Reporter teil am russisch-polnischen Krieg. Er sah die Massaker, die Schlachten, die Pogrome und den Hunger. Er spürte auch die rabiate Faszination des Krieges.

Wie aus diesen Erlebnissen eins der drei, vier besten Kriegsbücher der Weltliteratur wurde, das lässt sich dank "Wandernde Sterne" nun sehr viel besser nachvollziehen. Der Band enthält Babels Tagebuch von 1920, das die Zeiten zumindest teilweise überdauert hat, er enthält aber auch die fabelhaften Reportagen, die Babel für "Der Rote Kavallerist" schrieb. Und einen berührenden Briefentwurf:

"Über uns ein bezaubernder Himmel, milde Sonne, ringsum atmet die Kiefer, schnauben Hunderte von Steppenpferden, hier könnte man leben, doch all unsere Gedanken sind aufs Morden ausgerichtet. Meine Worte haben dumm geklungen, aber der Krieg ist, wirklich, manchmal schön, aber auf alle Fälle schädlich."

Erst die Meisterwerke

Bleibt eine Frage: Braucht man das alles? Die Antwort ist einfach. Ja, aber nicht unbedingt sofort. Wer "Die Reiterarmee" und die "Odessaer Erzählungen" noch nicht kennt, der sollte damit anfangen. Wer aber Babels Meisterwerke einmal gelesen hat, wird "Wandernde Sterne" auch wollen. Ohne Frage.