Najem Wali - Soad und das Militär

Buchcover: Najem Wali - Soad und das Militär

Najem Wali - Soad und das Militär

Von Stefan Berkholz

Najem Wali, der im Irak unter dem Diktator Saddam Hussein geborene Schriftsteller, hat in seinem neuen Roman mit dem Militärregime in Ägypten abgerechnet, der Titel: "Soad und das Militär". Ein Roman voller Abgründe.

Najem Wali: Soad und das Militär
Aus dem Arabischen von Christine Battermann.
Secession Verlag, Berlin 2021.
346 Seiten, 28 Euro.

Eine verhängnisvolle Begegnung

Der Ich-Erzähler kommt auf Einladung des Goethe-Instituts zu einer Lesung nach Kairo, ein paar Tage will er bleiben. Später läuft ihm in den Gassen der Altstadt ein alter Freund nach, unter konspirativen Umständen kommen sie zusammen, eine Kladde mit Aufzeichnungen wird übergeben. Drei Jahre sind seit den Protesten auf dem Tahrir-Platz vergangen und dreizehn seit ihrer letzten Begegnung. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

"Das Militär verstand, sobald es selbst betroffen war, keinen Spaß! (…) Hätten die Hefte nur den Titel Soad getragen, hätte es gar kein Problem gegeben, ganz egal, was ihr Inhalt besagte, ganz egal, was für Geheimnisse enthüllt wurden. All dies wäre kein Vergehen oder Verbrechen gewesen. Doch ihr Titel lautete Soad und das Militär, und das, das war ein Verbrechen!"

Von Anfang an mitreißend

Schon der Besitzer eines solchen Manuskripts kann sich in Lebensgefahr bringen, so ist das unter einem Militärregime, das in Ägypten seit 1952 mehr oder weniger an der Macht ist. Wie ein Thriller kommt dieser Roman daher, von Beginn an fesselnd, reißend, drängend, unheilschwanger.

"Meine persönlichen Erinnerungen an Kairo erschienen mir nun wie ein Fotoalbum aus längst vergangenen Zeiten, in denen junge Paare Hand in Hand über die Nil-Promenade flanierten, die Mädchen in kurzen Röcken, die jungen Männer mit langem Haar und in engen Jeans. Man saß damals auf den Terrassen der offenen Cafés, lachte und genoss seine Freizeit. Heute war alles anders. Der religiöse Fanatismus hatte inzwischen das Land wie eine Epidemie überfallen…"

Auf den Strudel der Geschichte einlassen

Als Harun, der Ich-Erzähler, das erste Heft gelesen hat, ist er noch beunruhigter. Verwirrt, kopflos, auch ängstlich, ja beinahe panisch, lässt er sich dennoch auf die Geschichte ein. Er verzichtet auf seinen planmäßigen Rückflug und verlängert seinen Aufenthalt, weil er fasziniert und gefangen genommen ist von der Geschichte. Schließlich ist er ein Erzähler, der ein Gespür hat für einen aufregenden Stoff.

"Als ich Simon am Ende des langen Flurs vor seiner Tür umarmte, hatte ich den merkwürdigen Eindruck, dass er nicht mehr die Züge eines leichtsinnigen Kindes besaß, die ich früher an ihm gekannt hatte. Das Leuchten in seinen grünen Augen war erloschen. Er war gealtert, Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben. Seine Art, mich zu umarmen, das Zittern seiner Hände, als er nach der Pistole gegriffen hatte, um sie wieder unter seine Achsel zu schieben, bevor wir uns schließlich verabschiedeten, weckten in mir die Gewissheit, von ihm tatsächlich eine Geschichte zu erfahren, und mir war plötzlich klar, dass ich nichts anderes zu tun hatte, als ihm zuzuhören. Kairo hatte sich verändert, und Simon Syros auch."

Karriere oder Widerstand

Nach und nach erfährt der Leser den Inhalt der elf Hefte. Darin finden sich die Erinnerungen einer ausgelieferten Künstlerin unter dem Militärregime, in den Klauen des Geheimdienstes. Karriere oder Widerstand ist die Frage und die Künstlerin gibt nach, später wird sie aufgeben. Dazwischen montiert Najem Wali die verschiedenen Zusammenkünfte mit seinem alten Freund an anfangs geheimen Orten und die Erzählungen, die verwickelte, mörderische Geschichte, die dieser ihm anvertraut.

"'Weißt du', sagte Simon zu mir, 'bis zu jenem Feiertag' – oder dem Tag des Unheils, wie er ihn später einmal nennen sollte – 'war mir tatsächlich nicht klar, dass der Schakal, den ich bis zu diesem Tag als meinen Freund betrachtete, zwei Gesichter besaß.' Das erste, öffentliche Gesicht war das böse, das er anderen Menschen gegenüber aufsetzte. Das zweite, verborgene, aber war – noch böser."

Erinnerung ist Verantwortung

Simon, der Amerikaner, erzählt seine tragische Liebesgeschichte mit der Künstlerin, die erpresst und missbraucht wird als Lockvogel für Tyrannen; er berichtet von seinen eigenen Verstrickungen in Geheimdienste, seiner eigenen Gefährdung, und den Abgründen des Schakals, eines perversen und psychisch gestörten Geheimdienstchefs Ägyptens, der beide, Soad und Simon, abhängig macht und ins Unglück stürzt. Im Gespräch umreißt Najem Wali sein Credo als Schriftsteller:

"Wenn man in einer Diktatur lebt, versucht man zu vergessen, will man sich nicht erinnern. Erinnerung ist Verantwortung. (…) Und deshalb haben die Prosa und das Erzählen den Diktatoren immer Angst gemacht. Weil Erzählen erzählt, was ein Diktator unter den Teppich kehren wollte. Und deshalb ist Erzählen Freiheit, und Schweigen ist, wie wir wissen, keine Freiheit."

Von der Realität inspiriert

Im Roman erzählt Najem Wali nach der Realität. Es hat eine Schauspielerin und Sängerin wie jene Soad im Roman gegeben; am Ende ihres Lebens stürzte jene reale Person aus einem Fenster in London und es blieb ungewiss, ob daran nicht auch noch Agenten des Militärs aktiv beteiligt waren; damals fand man nicht die vermuteten Memoiren, die für Sprengstoff hätten sorgen können. Diese schriftlichen Lebenserinnerungen hat nun Najem Wali, neben vielem anderen, erfunden.

Traumwandlerisch sicher führt der Schriftsteller durch das Gewirr von Verstrickungen. Machtspiele, Intrigen, Verschwörungen – und über allem: die abgrundtiefe Frauenverachtung in einer mörderischen Männergesellschaft. Najem Wali ist ein großartiger Erzähler, der den Leser im Nu packt und mitfiebern lässt.

Und Christine Battermann hat sprachlich äußerst feine, sensible, auch lyrische und verträumte Formulierungen gefunden, die zwischen den Abgründen für etwas Helligkeit in der düsteren Atmosphäre sorgen. Ein packender Roman, flüssig und anschaulich aus dem Arabischen übersetzt. 

Stand: 27.06.2021, 17:05