Hörspielcover:  Wagners "Ring des Nibelungen"

"Das Rheingold" und "Die Walküre" von Richard Wagner

Stand: 19.05.2022, 07:00 Uhr

Das Textbuch zu seinem berühmten Opern-Vierteiler "Der Ring des Nibelungen" hat Richard Wagner selbst verfasst. Jetzt ist eine spannende Hörbuch-Fassung erschienen, die Wagners kunstvolle Sprache in ein Deutsch von heute verwandelt. Eine Rezension von Christoph Vratz.

Richard Wagner: Das Rheingold. Der Ring des Nibelungen
Hörspiel mit Regina Lemnitz, Bernhard Schütz, Martina Gedeck.
DAV, 2022.
Teil 1: Das Rheingold.
Teil 2: Die Walküre
Je 1 CD, je 16 Euro.

Wagners "Ring des Nibelungen" als Hörspiel

Lesestoff – neue Bücher 19.05.2022 05:34 Min. Verfügbar bis 19.05.2023 WDR Online Von Christoph Vratz


Download

Der Beginn führt auf den Grund von Deutschlands berühmtestem Fluss, in die Tiefen des Rheins:

"Unberührt von dem, was auf der Erde geschah, lebten im Rhein die Rheintöchter. Fischartige Wasserwesen von großer Schönheit, und noch tiefer unter der Erde, noch unter dem Flussbett des Rheins, lebten die Nibelungen. Sie waren ein zwergenhaftes Volk, das nur selten die Erdoberfläche betrat."

Einer dieser Nibelungen heißt Alberich. Seine größte Schwäche heißt: Besitz-Geilheit. Er hat es auf einen geheimnisvollen Ring abgesehen. Wer diesen in seinem Besitz hat, so heißt es, darf hoffen, Herrschaft über die Welt zu erlangen. Der Zufall aber will es, dass auch mehrere Riesen und Götter ähnliche Ziele verfolgen.

"'Fafner und Fasolt, da seid ihr ja.'
'Während du geschlafen hast, Wotan, haben wir unermüdlich an deiner Burg gebaut. Wir scheuten Gold und Mühe nicht, um das Wunderwerk zu errichten.'"

           

Nun beginnt ein gnadenloses Ringen: um Einfluss, Macht und Besitz. Alle Beteiligten wollen "mehr besitzen […], als sie sich leisten können, mehr Macht als ihnen zusteht." So hat es Humorist Loriot einmal ausgedrückt.

Richard Wagner hat die Texte zu allen seinen Opern selbst verfasst, auch zum „Ring des Nibelungen“. Das Libretto besteht vor allem aus Stabreimen. Die wirken oft kunstvoll – oder unfreiwillig komisch. Auf jeden Fall sind sie aus heutiger Sicht schwer verständlich. Die neue Hörspiel-Fassung macht aus den Vorlagen eine Art Fantasy-Album des 21. Jahrhunderts. Regisseurin Regine Ahrem hat Wagners Texte deutlich gekürzt und ihre sperrige Sprache in ein verständlicheres, heutiges Umgangs-Deutsch übersetzt.

"Wen würden Deine Taten, Alberich, nicht in Staunen versetzen? Du bist, weiß Gott, der Mächtigste von allen."

           

Eine Modernisierung liefert das Hörspiel aber nicht nur auf sprachlicher Ebene. Schon im Prolog philosophiert Erdenmutter Erda über die Folgen für Mutter Natur, wenn sich der Mensch zu sehr als Dominator aufspielt – Anspielung auf den Klimawandel und Kritik an einer bestimmten Gesellschaftsordnung zugleich.

"Wotan erklärte sich zum Gott und die, die ihm nahestanden, zu Göttinnen und Göttern. Damit war die Menschheit gespalten in Herrschende und Untertanen."

           

Trotz versteckter Anspielungen auf die heutige Zeit: die Geschichte selbst bleibt unangetastet. Männer sind die Mächtigen, und deren Gesetze sind in der alten Götterwelt nun mal andere als heute. Das zu modernisieren, würde bedeuten, die Handlung in ihren Grundfesten zu erschüttern. Muss auch nicht sein, denn die neue Hörspiel-Fassung zeigt zur Genüge, dass Machtstreben und Besitz-Sehnsucht letztlich zeitlose Phänomene sind. Dass diese Welt am Ende untergeht, ja untergehen muss, versteht sich daher von selbst.

"Zieh einen lodernden Feuerkreis um Brünhilde.
Niemand wird dieses Feuer je durchschreiten…"

           

Für die akustische Umsetzung werden alle Möglichkeiten moderner Technik ausgeschöpft, 3D-Kino für die Ohren sozusagen. Glücklicherweise hat man auf Wagners Musik nicht komplett verzichtet. Der Komponist Felix Raffel hat sich die markantesten Leitmotive aus den Opern herausgepickt, sie behutsam den Dialogen unterlegt oder – wie beim berühmten Walkürenritt – als kurze eigenständige Elemente eingebaut.

Das Stimmen-Ensemble ist mit Regina Lemnitz, Bernhard Schütz und Martina Gedeck in den Hauptrollen namhaft und ausnahmslos gut besetzt Die ersten beiden (ebenso spannenden wie aufwendigen) Hörspiel-Teile von Wagners „Ring des Nibelungen“ zeigen, dass auch rund 150 Jahre nach der Entstehung des Opern-Thrillers immer noch neue Sichtweisen möglich sind.