Éric Vuillard - Der Krieg der Armen

Buchcover: Éric Vuillard: Der Krieg der Armen

Éric Vuillard - Der Krieg der Armen

Von Tobias Eisermann

In seiner flüchtige Skizze über den Kirchenreformer und Sozialrebell Thomas Müntzer trifft Éric Vuillard wieder einmal den richtigen Ton.

Éric Vuillard: Der Krieg der Armen
Aus dem Französischen von Nicola Denis.
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2020.
64 Seiten, 16 Euro.

Éric Vuillard: "Der Krieg der Armen"

WDR 3 Buchkritik 08.09.2020 04:10 Min. Verfügbar bis 08.09.2021 WDR 3


Download

Vom kränklichen Kind zum erschütterten Rebell

Éric Vuillard hat einen Kurzroman über Thomas Müntzer geschrieben. Müntzer, protestantischer Reformator, Zeitgenosse Luthers, Theologe und Rebell, der sich an die Spitze des Bauernaufstands stellte und dafür mit dem Tode bezahlte. Vuillard hat einen poetisch-sinnlichen Erlebnisbericht geschrieben, der ein hautnahes Nachempfinden erlaubt. Er berichtet von Müntzers Kampf gegen die Ungerechten und die Verlogenen, vom "protokommunistischen Reformator", als den ihn Ernst Bloch, der Philosoph des "Prinzips Hoffnung" sah. Der Erzähler – man ist geneigt, ihn mit dem Autor gleichzusetzen – zeichnet Müntzers Leben von der Kindheit bis zum bitteren Ende aus nächster Nähe nach.

"Der kleine Thomas Müntzer las die Bibel. Er lebte bei seiner Mutter, bestimmt recht ärmlich. Sein Herz machte ihm zu schaffen. Einmal, während er mit den anderen Kindern den Schweinen nachlief, musste er alleine stehen bleiben, plötzlich ganz benommen, und weinen. Ja, ich sehe ihn vor mir, wie er in einer Mischung aus Bitterkeit und Liebe erstickt."

Müntzer war zunächst Lutheraner, schlug jedoch dann einen wesentlich radikaleren Weg ein. Er versuchte seine Vorstellung einer gerechten Gesellschaft zu verwirklichen und machte sich zum Agitator der Aufständischen.

"Thomas Müntzer hat ein Verlangen. Etwas Fürchterliches beseelt und erschüttert ihn. Er ist zornig. Er will die Haut der Mächtigen. Er will die Kirche rupfen. Er will all diesen Dreckskerlen den Bauch aufschlitzen. Er will ein Ende machen mit all dem Prunk und dem Luxus."

Zu viele Personen für zu wenig Seiten

Vuillard ist eine schillernde, wenn auch sehr flüchtige und in der Diktion oft unglückliche Skizze dieser zerrissenen Figur gelungen. Irritierend ist, dass es auf den knapp siebzig Seiten ständig seitenlang auch noch um anderes geht: um den englischen Reformer John Wyclif und seine Schüler, um Jan Hus, um die schwärmerischen Zwickauer Propheten und dann auf einmal auch noch um den chinesischen Maler und Dichter Shen Zhou – auch ganze zwei Seiten. Man erkennt nicht immer recht die Motivation dieser Abschweifungen.

Böse Zungen behaupten, Vuillard habe ein unfertiges Manuskript dieses Bändchens jahrelang in der Schublade liegen lassen und dann 2019, in der heißen Phase der Gelbwesten-Proteste in Frankreich publizieren lassen, um die herbeigezwungene Assoziation zu den Bauernkriegen zu nutzen. Immer dann, wenn der Autor sich auf seinen Protagonisten konzentriert, gewinnt das Bändchen wieder an Dichte.

"In seiner offensiven Prosa beschreibt Müntzer den Schmerz als zentrale Erfahrung. Nur durch ihn lasse sich das Wort Gottes empfangen. Er sei die Sense, die die Seele mähe, das Unkraut schneide; und er appelliert an einen verbitterten Christus. Der verbitterte Christus ist sein niederträchtigstes und anrührendstes Bild."

Emphatischer Ton für ein überschattetes Leben

Die Rolle Müntzers als beutender Reformtheologe und Sozialrebell wird klar herausgestellt. Im Nachhinein wird er von Luther weitgehend überschattet. Deshalb mag jeder Band, der an ihn erinnert, willkommen erscheinen. Wer eine profundere Auseinandersetzung mit dem Thema sucht, greife lieber zu Ernst Blochs breitangelegter Studie zu "Thomas Münzer als Theologe der Revolution". Und doch passt auch Vuillards emphatischer Ton in den besten Passagen gut zu dem Bild, welches sich von Müntzer überliefert hat.

"Er muss in diesen Tagen inwendig gebrannt haben. Er muss mit Leibeskräften palavert, seinen Glauben hinausgeschrien und das Elend, den Zorn, die Verzweiflung und die Hoffnung zusammengetrieben haben."

Am Ende musste Müntzer bitter bezahlen für sein Rebellentum. In der Schlacht bei Frankenhausen 1525 wurde er gefangen genommen. Sein Tod war grausam: Er wurde gefoltert und enthauptet, sein Leib aufgespießt und sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt.

Stand: 04.09.2020, 17:53