Hörbuchcover: "Vom Winde verweht - Die Prissy Edition"

"Vom Winde verweht - Die Prissy Edition" von Margaret Mitchell, Amina Eisner

Stand: 22.09.2022, 12:00 Uhr

In diesem Hörspiel sind die im Filmklassiker teilweise stereotypen schwarzen Figuren vielschichtig charakterisiert. Und: Es schaut nicht bloß zurück, sondern in einer neuen Handlungsebene auch entschlossen nach vorn in unsere Zeit. Eine Rezension von Oliver Cech.

Margaret Mitchell, Amina Eisner: Vom Winde verweht - Die Prissy Edition
Hörspiel mit Lisa Hrdina, Camill Jammal, u.a.
Der Hörverlag, 2022.
8 CDs, 30 Euro.

Vom Winde verweht - Das Prissy Edition Hörspiel

Lesestoff – neue Bücher 22.09.2022 05:30 Min. Verfügbar bis 22.09.2023 WDR Online Von Oliver Cech


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Eine selbstbewusste Identifikationsfigur

"Scarlett: Das leuchtet mir einfach nicht ein! Warum wünschen sich alle Männer ein sittsames, gefügiges und kopfloses Wesen an ihrer Seite?
Mammy: Haben sie Dir in den zwei Jahren auf der Female Academy nicht Haltung beigebracht?
Scarlett: Doch klar! Ich weiß jetzt, wie ich beim Gehen meine Füße etwas einwärts stellen muss, damit mein Reifrock verlockender schwingt."

Da ist sie wieder: Scarlett O’Hara, die selbstbewusste Erbin der Baumwollplantage Tara bei Atlanta… also: Tochter aus gutem Hause. Na und?

Scarlett pfeift drauf! Gerade darum ist sie DIE Identifikationsfigur in Vom Winde verweht. Weil Scarlett lieber selber denkt und selber fühlt, als einer Rolle zu folgen, wie das die Männerwelt ihr erwartet.

"Scarlett: Ja! Und ich hab gelernt, zu einem Mann aufzuschauen… und dann die Lieder zu senken… und ein wenig mit den Wimpern zu klappern!
Mammy: Eine junge Frau, die die Stirn runzelt und ihr Kinn vorschiebt und sagt: Ich will! – kriegt nie nen Mann.
Scarlett: Och Mammy…"

Das Leben auf einer amerikanischen Plantage, 1861

Mammy ist eine der schwarzen Hausangestellten der O´Haras. In gewisser Weise – der Name Mammy spricht das schon aus – ist sie für Scarlett eine mütterliche Freundin.  Aber – war es wirklich so, kann es so gewesen sein, das Leben auf einer Plantage in Georgia, 1861, kurz vor Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs? Eine fremde Welt für uns heute. Eine Welt, in der Sklaverei noch selbstverständlich scheint. Auch für die Familie O´Hara.

"Scarlett: Und? Hast Du Dilsey gekauft?
O´Hara: Ja klar hab ich Dilsey gekauft! Und ihre kleine Tochter dazu, die… Prissy.
Scarlett: Aber Du hättest Prissy doch gar nicht kaufen müssen!
O´Hara: Sag mal, ist es jetzt schon so weit, dass meine Töchter über mich zu Gericht sitzen? Kann der alte O´Hara nicht mehr das machen, was er will?!"

Nein, kann er nicht, der alte O´Hara! Die kommende Emanzipation der Frauen deutet sich schon an auf Tara – vor allem in der Figur der Scarlett.

Der Blick nach vorne

Soweit folgt das neue Hörspiel dem Filmklassiker Vom Winde verweht. Die im Film teilweise stereotypen schwarzen Figuren aber sind hier vielschichtiger charakterisiert. Die menschliche Stärke und Weisheit von Mammy, das Aufbegehren der jungen Prissy rücken mehr nach vorn in der Geschichte. Und: Das Hörspiel schaut nicht bloß zurück, sondern auch entschlossen nach vorn!

"Scarlett: Eines Tages werde ich tun und sagen, wozu ich Lust habe. Und wenn das den Leuten nicht passt – piep egal!
Mammy: Nicht solange ich lebe…"

Die suggestive Musik von Philipp Thimm schafft einen Übergang aus dem Jahr 1861 in unsere Zeit, nach Berlin. Fahrscheinkontrolle in der U-Bahn… spielt Hautfarbe da eine Rolle?

"Schaffner: Wird dit heute nochmal watt?
Junge Frau, nervös: Ich find mein Portemonnaie nicht…
Schaffner: Dann bitte kurz hier aussteigen!
Zweite Frauenstimme: Ernsthaft? Ey, auf der Karte ist ein Foto drauf, sieht man doch, dass wir das sind!
Schaffner: Kann ja irgendwer sein, bei Euch weiß man ja eh nie…
Zweite Frau: Bitte Was?! Bei uns?! Ich hab es so satt. Solche Idioten rennen hier frei rum. Hast du gesehen, wie der direkt auf uns zu ist, die einzigen schwarzen Personen weit und breit?"

Ein Klassiker zeitgemäß reflektiert

Anderer Kontinent, mehr als anderthalb Jahrhunderte nach den Ereignissen auf der Plantage Tara. Doch was damals geschah, ist eben nicht vom Winde verweht! Es wirkt weiter. Die Autorin Amina Eisner entwirft dazu eine Familie im heutigen Berlin; Prissys Nachfahren – sie erben Prissys Tagebücher.

Es zeigt sich: Tara und Berlin, damals und heute, beide Geschichten gehören zusammen. Ein gelungenes Experiment; ja, so lässt ein Klassiker sich zeitgemäß neu reflektieren und weiterdenken. Damit ist Scarlett O´Hara in unserer Gegenwart angekommen. In der Prissy Edition!