Volker Braun - Verlagerung des geheimen Punkts Schriften und Reden.

Volker Braun - Verlagerung des geheimen Punkts Schriften und Reden.

Volker Braun - Verlagerung des geheimen Punkts Schriften und Reden.

Von Michael Opitz

Wessen Welt ist die Welt? Dieser Frage geht der Autor Volker Braun in seinen literarischen Texten immer wieder nach. Nun ist von dem mit vielen Preisen ausgezeichneten Dichter ein neuer Essay-Band erschienen.

Volker Braun
Verlagerung des geheimen Punkts. Schriften und Reden.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
319 Seiten
28 Euro

Mich zog der Widerspruch groß

Außergewöhnlich an den Texten Volker Brauns ist, wie sie sich in die Tiefe hineinarbeiten und aus dem historischen Untergrund wieder hervorholen, was an Hoffnungen mit den Toten begraben wurde. Der neue Essayband des am 7. Mai 1939 geborenen Autors wird eröffnet mit der Rede "Mich zog der Widerspruch groß", die er 1997 anlässlich seiner Aufnahme in die Akademie für Sprache und Dichtung gehalten hat. Nachzulesen ist in der Mainzer-Rede, dass er in Ruinen aufwuchs, die seine „ästhetische Schule“ waren. Sein Vater war als Wehrmachtssoldat im Mai 1945 am letzten Kriegskampftag gefallen, sodass seine Mutter ihn und seine vier Brüder allein großziehen musste.

Volker Braun debütierte 1965 mit dem Lyrikband "Provokation für mich", in dem er – stellvertretend für die im Krieg aufgewachsene Generation – seinen gesellschaftlichen Anspruch selbstbewusst formulierte: "Kommt uns nicht mit Fertigem! Wir brauchen Halbfabrikate". Braun glaubte, er würde die im Entstehen begriffene Gesellschaft im Osten Deutschlands voranbringen können, indem er Widersprüche kenntlich machte. Doch lernen musste er, sich mit der Ignoranz und der Arroganz der Herrschenden zu arrangieren. Mehr als dreißig Jahre nach seinem Debüt als Lyriker beschreibt er in der Mainz-Rede sowohl sein poetisches Credo als auch die literarische Tradition, der er sich verpflichtet fühlt:

"Ich Vaterloser konnte mir die Väter aussuchen, Brecht trat in seine selbstverständlichen Rechte. Wir berieten uns zugleich mit den Toten, die die Worte genau und hart fügten, Klopstock, Hölderlin, Büchner, sie waren die Überlebenden und trugen enorm zur Geselligkeit bei. Zuwider ist mir Macht, Dichtung ist die Sprache, die sie desavouiert, indem sie von Liebe spricht, Geschlecht, Tod und Gemeinsamkeit."

Ein demokratisch und sozial eingerichtetes Gemeinwesen

Volker Braun (links) 1981 mit Ruth Berghaus und Wieland Förster

Volker Braun 1981

Es sind die in Armut Lebenden, jene, denen die Geschichte den Boden unter den Füßen weggerissen hat, denen sich Braun zuwendet. Sie werden auch in seiner 2018 gehaltenen Kamenzer-Rede erwähnt, die sich am Schluss des Bandes findet. Darin greift er noch einmal einen Gedanken auf, der bereits in seiner 2011 erschienenen Erzählung "Die hellen Haufen" von zentraler Bedeutung war. In Kamenz, der Geburtsstadt Lessings, erinnert er die zum Festakt angereiste Politprominenz daran, wodurch sich ein demokratisch und sozial eingerichtetes Gemeinwesen auszeichnen sollte:

"Eine Gesellschaft sei danach zu beurteilen, wie es dem Letzten in ihr geht, ganz unten auf der Stufenleiter des Staats."

Meine Natur nährt eine rohere Kost

Neben Hölderlin und Klopstock, die ihm als Zuchtmeister der Sprache wichtig sind, verweist Braun in "Mich zog der Widerspruch groß" mit Brecht und Büchner auf zwei Autoren, in deren Dichtung stets der Widerspruch zwischen dem Reichtum der Wenigen und dem Elend der Vielen verhandelt wird. Als Braun im Jahr 2000 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, würdigte er in seiner Dankrede ausdrücklich den Vormärzdichter, dem der Preis seinen Namen verdankt, und zugleich hinterfragte er in dieser Rede den Ort seines eigenen Schreibens:

"Ich bin, in meinen Fasern, nicht der Macht verhaftet. Apparate, Parteien, und ihr abgelebter Geist, das mag zum Teufel gehen. Das macht mich lachen. Das hilft mir nicht. Meine Natur nährt eine rohere Kost. Ich wuchs in Trümmern auf, und unter Brüdern, ich trank die Milch einer Witwe. Ich schmeckte Gerechtigkeit, ich atmete Despotie. Mein Widerstand wohnt im Gewebe, mein Gram, mein Verlangen. Es ist bei mir weit hinein böse."

Redend und schreibend die Stirn geboten

Vor mehr als zwanzig Jahren erschien unter dem Titel "Wir befinden uns soweit wohl. Wir sind erst einmal am Ende" Volker Brauns letzter Essayband. Mit der nun vorliegenden Auswahl von Texten, die überwiegend in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, bietet sich die Möglichkeit, im Zwiegespräch mit dem Autor eine Zeit Revue passieren zu lassen, der Volker Braun redend und schreibend die Stirn geboten hat. Neben bereits bekannten Essays versammelt "Verlagerung des geheimen Punkts" Texte Brauns, von denen viele bislang nur in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind – vier Texte sind bisher unveröffentlicht. Ein Beispiel dafür, dass auch die bereits bekannten Reden und Schriften Brauns nichts von ihrer ursprünglichen Kraft verloren haben, ist seine 1997 auf Peter Weiss gehaltene Rede, die mit einem Kafka-Zitat endet. Es lautet: "Es gibt unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns". Braun widerspricht dieser Ansicht Kafkas, wenn er einwendet: "Nein, es gibt wenig Hoffnung, aber für uns."

Man wünscht dem Autor, aber auch uns, dass er Recht behält. Vor allem aber bleibt zu hoffen, dass es ihm weiterhin eine Lust bleibt, störende Texte von poetischer Kraft zu verfassen. Salute Dichter!

Volker Braun: "Verlagerung des geheimen Punkts"

WDR 3 Buchrezension 07.05.2019 05:49 Min. WDR 3

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Stand: 05.05.2019, 20:50