"Violeta" von Isabel Allende

Stand: 24.07.2022, 19:13 Uhr

Eine Hundertjährige erzählt ihrer Enkelin von einem bewegten Leben. Isabel Allendes neuer Roman ist gerade zum 80. Geburtstag der Autorin als Hörbuch erschienen – mit Angela Winkler als sensibler, feinfühliger Sprecherin. Eine Rezension von Christoph Vratz

Isabel Allende: Violeta
Gelesen von Angela Winkler
Hörverlag, 2 mp3-CDs, Laufzeit 14h 21 Min, 26 Euro

"Violeta" von Isabel Allende Lesestoff – neue Bücher 02.08.2022 05:31 Min. Verfügbar bis 02.08.2023 WDR Online Von Christoph Vratz

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Violeta Del Valle erlebt zwei Pandemien

Violeta Del Valle wird 1920 geboren, während der Zeit der Spanischen Grippe. Als sie sich hundert Jahre später daran begibt, ihrem Enkel Camilo in Briefform ihr Leben zu erzählen, steht mit Corona wieder eine Epidemie vor der Tür – und dazwischen ein bewegtes Leben.

"Mein geliebter Camilo, mit diesen Seiten möchte ich Dir ein Zeugnis hinterlassen, weil ich mir vorstelle, dass Dich in ferner Zukunft, wenn Du alt bist und an mich denkst, Dein Gedächtnis womöglich im Stich lässt. […] Mein Leben ist es wert, erzählt zu werden, was weniger an meinen tugendhaften als an meinen sündigen Taten liegt."

"Mein Leben ist ein Roman"


"Mein Leben ist ein Roman", schreibt Violeta und fordert, ihr Enkel möge die Briefe nach ihrem Tod verbrennen:

"denn sie sind rührselig und nicht selten gehässig."

Ein biographischer Roman

Ein biographischer Roman also, den Autorin Isabel Allende geschrieben an. Die ursprünglichen Briefe ihrer Hauptfigur Violeta del Valle sind zu einer Zusammenfassung verschmolzen, die den Großteil des neuen Romans bildet. Die Zeit rund um Violetas Geburt steht ganz im Zeichen der Spanischen Grippe.

"Die Pandemie hatte meine Familie nicht unvorbereitet getroffen. Nach den ersten Gerüchten über Sterbenskranke, die sich durch die Straßen am Hafen schleppten […] überlegte mein Vater, Arsenio del Valle, dass es keine zwei Tage mehr dauern würde, bis die Seuche die Hauptstadt erreicht hätte, blieb jedoch gelassen, da er die Krankheit bereits erwartete."

Virus trifft mit unvorstellbarer Wucht

Wenn von einem Virus die Rede ist, das die Menschen mit "unvorstellbarer Wucht" trifft und "wie ein todbringender Wind durch Europa und die Vereinigten Staaten" fegt, dann fühlt man sich auch unsere vergangenen Jahre erinnert. Und genau damit endet knapp 400 Seiten (in der Buchausgabe) oder (in der Hörbuch-Version) fast 14-1/2 Stunden später Allendes neuer Roman:

"ich werde 2020 während der Coronapandemie sterben. Was für ein schicker Name für so ein scheußliches Vieh."

Violeta hat ein wechselhaftes Leben hinter sich

Violeta hat – als ihre Handschrift krakelig geworden ist und sie die Bilanz ihres Lebens (nicht ohne Stolz) am Computer verfasst – ein wechselhaftes Leben hinter sich: eine stürmische Ehe, diverse Affären, den Verlust des Familienvermögens und politische Umwälzungen in einem lateinamerikanischen Land, das namentlich nicht genannt wird. Wenn sie schildert, wie sich dieses Land in eine Diktatur verwandelt, denkt man automatisch an Chile, dessen Geschichte Isabel Allende hautnah miterlebt hat. Doch ihre Romanfigur Violeta saugt aus den Veränderungen um sie herum immer wieder den Mut zu etwas Neuem.

"Die Zukunft gehörte den Wagemutigen."

Ein bisschen weltverbessernd dann wirkt der Schluss, wenn Violeta überlegt, was sie mit ihren Erfahrungen und ihrem Vermögen anstellen soll.

"Ich sollte besser eine Stiftung gründen und Programme finanzieren, als mich um Einzelfälle zu kümmern. Wir brauchen andere Gesetze …"

Begeisterungsfähigkeit und Melancholie Hand in Hand

Das Verblüffende an diesem Hörbuch ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Sprecherin Angela Winkler in die Rolle der Violeta schlüpft. Ihre warme Stimme paart sich mit einer gewissen Resolutheit, die zu Violetas Lebenseinstellung sehr gut passt. Gleichzeitig aber zeugt ihr Vortrag von einem hohen Maß an Empfindsamkeit. Eine Sensibilität, die glücklicherweise nie unter Kitschverdacht gerät. Manchmal gehen Begeisterungsfähigkeit und Melancholie Hand in Hand.

"Wenn der Herbst nahte, zogen Scharen von Wildgänsen vorüber, morgens hingen Nebelschleier in der Luft, am Boden glitzerte der Reif, die Nächte wurden länger und die Tage kurz und grau."

Isabel Allendes neuer Roman "Violeta" wirkt ein bisschen wie die Bilanz ihres eigenen künstlerischen Lebens – bis hin zu einzelnen Anspielungen auf ihren Bestseller "Das Geisterhaus".

Für "Violeta" ist Angela Winkler eine ideale Sprecherin. Denn ihr Timbre und ihre Wandlungsfähigkeit entsprechen einfach den Stimmen und Stimmungen in diesem Roman.