Violaine Huisman - Die Entflohene

Violaine Huisman - Die Entflohene

Violaine Huisman - Die Entflohene

Von Jörg Aufenanger

Wie eine Naturgewalt: Violaine Huisman widmet ihrer unkonventionellen Mutter einen erstaunlichen Familienroman.

Violaine Huisman: "Die Entflohene"

WDR 3 Buchrezension 11.06.2019 05:53 Min. Verfügbar bis 10.06.2020 WDR 3

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Violaine Huisman
Die Entflohene

Aus dem Französischen von Eva Scharenberg
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2019
253 Seiten
22 Euro

Ohne Rücksicht auf sich und andere

Der 9. November 1989 ist für die zehnjährige Violaine ein Tag, den sie nicht vergessen wird. Vor dem Fernseher verfolgt sie die Bilder von der Öffnung der Mauer in Berlin. An demselben Tag wird ihre Mutter in eine Zwangsjacke gesteckt und weggebracht. Beides versteht sie nicht, das welthistorische Ereignis im fernen Berlin und den familiären Vorfall in Paris. Ihre Mutter Catherine sei manisch-depressiv sagt man ihr. Was aber soll das bedeuten, fragen sich Violaine und ihre zwei Jahre ältere Schwester. Beide Mädchen lieben ihre Mutter über alles, obwohl das Leben mit ihr bislang turbulent war, denn sie ist eine exzentrische, oft auch ungerechte Person, selbst gegenüber ihren Kindern, obwohl sie diese auch über alles liebt. Violaine Huisman erinnert sich im ersten Teil des Romans daran, wie sie und ihre Schwester die Kindheit erlebt haben unter einer Mutter, die ihr eigenes Leben ohne Rücksicht auf sich, auf andere ausgelebt hat.

"Zu Mamans Lieblingsausdrücken zählten die äußersten Mittel. Man müsse zu ihnen greifen, um sein Ziel zu erreichen: auf den Bürgersteigen fahren, eine Tür eintreten, seinen Mann beschatten lassen, alle Hebel in Bewegung setzen, je krasser desto besser. Maman erzählte außerdem Lügen, je unwahrscheinlicher sie seien, desto eher komme man damit durch. Die Wirklichkeit ist unwirklicher als die Phantasie, sagte sie."

Ein dauerndes Wechselbad der Gefühle

Von ihrem ungewöhnlichen Familienleben erzählt die Tochter Violaine in drastischen, erschreckenden Szenen, temperamentvoll und sprachlich elegant, bisweilen auch humorvoll. Mal ergeht die Mutter sich in wütenden Schimpfkanonaden gegen ihre Mädchen, mal umsorgt sie sie mit überbordender Zuneigung. Diese leben in einem dauernden Wechselbad der Gefühle, in einem stetigen Wirbel von Liebe und Gewalt. Diese affektive Störung der Mutter des Mal so und Mal so rührt aus ihrer eigenen Kindheit, die sie über Jahre hinweg in einem Krankenhaus verbracht hat. Zudem war sie mit einer boshaften Mutter geschlagen. Als sie erwachsen ist, sucht sie Rettung bei Männern. Catherine heiratet mal den, mal den, denn sie ist außergewöhnlich schön und ein Mann nach dem anderen verfällt ihr. Zeitweise findet sie Halt bei Antoine, einem reichen Intellektuellen, der schließlich der Vater der beiden Mädchen wird. Doch er betrügt sie mit anderen Frauen, und so betrügt Catherine auch ihn.

"Es herrschte ein ziemliches Chaos bei uns zwischen Papas Stipvisiten, Mamans rußiger Küche und der Parade von Liebhabern, Männer, Frauen, Junge, Alte, Junkies, Alkoholiker, der Metzger, der langjährige Freund, der neue Kandidat. Maman versteckte weder ihren Körper noch ihre Liebhaber und die ständige Parade von unbeschreiblichen Exemplaren verlieh unserer Wohnung den Hauch einer Freakshow, in der normale Leute auffielen wie Anomalien auf dem Bazar der Bizarrerien."

Wie eine eine Naturgewalt

Violaine nennt die Mutter eine Naturgewalt, die in ihren Leidenschaften weder Maß noch Ziel kennt. Vernunft hat da keine Macht mehr über sie. Wie sollen die Töchter da zur Vernunft kommen können und erwachsen werden? Im zweiten Teil des Romans ist es nicht mehr Violaine, die Tochter, die erzählt, sondern die Schriftstellerin Violaine Huisman. Direkt nach dem Abitur hatte sie Paris und ihre Mutter verlassen, war nach New York gegangen, wo sie heute noch lebt. Erst in diesem räumlichen und emotionalen Abstand hat sie die Geschichte der Frau, die ihre Mutter war, wie eine Biographie nach gründlicher Recherche verfassen können. In einer Art Doppelbelichtung entsteht so das Bild einer Frau, die keinerlei gesellschaftlichen Regeln gefolgt ist, wie eine Privatanarchistin gelebt hat. Doch für diese Lebensart im Seiltänzertakt hat sie büßen müssen, ist verraten und betrogen worden, hat sich daher zugrunde gerichtet mit Drogen, Alkohol, Aufputschmitteln, im Liebestaumel mit Frauen und Männern. Stets hat sie nahe am Abgrund und an der Selbstzerstörung gelebt, ist aber auch entschlossen, wie eine heutige Medeafigur aus Rache alles und jeden zu vernichten.

"Catherine dreht durch. Medea ist nicht verrückt, sie ist verletzt, gedemütigt. Medea ist nicht verrückt, sie nimmt Rache. Ihr Leben genügt nicht, es geht darüber hinaus, sie muss die gesamte Menschheit zur Rechenschaft ziehen, diesen Abschaum, diese schändlichen Männer. Männer sind niederträchtig, denken nur mit ihrem Schwanz, alles Widerlinge. Catherine hätte sie alle umbringen können. Ihre Wut ist groß. Sie wird zur Rachegöttin."

Eine Hymne auf eine bedingungslose Liebe

Doch für Violaine, die ja nicht nur Tochter, sondern auch die Autorin des Romans ist, bleibt die Mutter eine Heldin, eine Königin, auch wenn sie immer wieder kleine und große Fluchten begeht, eben die "Entflohene" ist, was dem Buch auch den deutschen Titel gibt, während das französische Original "Fugitive parce que reine" heißt. Das bezieht sich auf ein Zitat von Marcel Proust aus dem Roman "Albertine verschwindet", in dem es eben heißt: Fugitive parce que reine“. Also: "Flüchtig, da Königin." Der Roman ist eine Hymne auf eine bedingungslose gegenseitige Liebe zwischen einer Mutter und einer Tochter, fesselnd, lebhaft und zärtlich heiter erzählt. Zugleich zeigt er auch, dass selbst in Frankreich die Institution Familie ihre traditionelle Heiligkeit verloren hat.

Stand: 11.06.2019, 02:30