Buchcover: "Die Gezeiten gehören uns" von Vendela Vida

"Die Gezeiten gehören uns" von Vendela Vida

Stand: 13.05.2022, 07:00 Uhr

Eulabee und Maria Fabiola sind unzertrennlich - bis zu dem Tag, an dem eine Lüge alles verändert. "Die Gezeiten gehören uns" von Vendela Vida ist ein Roman über Loyalität und deren Grenzen sowie die Suche nach Sichtbarkeit und Freundschaft. Eine Rezension von Barbara Geschwinde.

Vendela Vida: Die Gezeiten gehören uns
Aus dem Amerikanischen von Monika Baark.
Hanser Berlin, 2022.
286 Seiten, 22 Euro.

"Die Gezeiten gehören uns" von Vendela Vida

Lesestoff – neue Bücher 13.05.2022 05:10 Min. Verfügbar bis 13.05.2023 WDR Online Von Barbara Geschwinde


Download

"Wir sind dreizehn, fast vierzehn, und die Straßen von Sea Cliff gehören uns. Wir gehen durch diese Straßen zu unserer Schule, die hoch über dem Pazifik liegt, und wir rennen durch diese Straßen zu den Stränden, die kalt sind, windgepeitscht, bevölkert von Anglern und Freaks. Wir kennen diese breiten Straßen und wie sie bergab führen, eine Kurve beschreiben in Richtung Ufer, und wir kennen die Häuser."

Die Ich-Erzählerin Eulabee und Maria Fabiola sind beste Freundinnen und leben in San Francisco – mit Blick auf die Golden Gate Bridge. Die beiden sind der Kern einer Mädchen-Clique. Sie sind unbeschwert; wachsen in den spießigen 80er Jahren auf. Alles klingt nach einer sehr privilegierten Jugend. Nach und nach verlieren die Mädchen allerdings ihre Unschuld.

"Getrennt voneinander sind wir brave Mädchen. Wir benehmen uns. Zusammen aber entsteht irgendeine seltsame Alchemie, und wir werden zur Gefahr."

Auch ihre Körper verändern sich und das Interesse für Jungs wird stärker. Und die heile Welt der Pubertierenden wird noch durch andere Dinge erschüttert:

So bekommen sie mit, dass die Halbschwester eines Mädchens aus der Clique drogensüchtig ist; der Vater eines anderen Mädchens begeht Suizid.

Und dann – eines Tages - endet die Freundschaft zwischen der Ich-Erzählerin Eulabee und der etwas frühreifen Maria Fabiola abrupt, nachdem auf dem Schulweg ein unbekannter Mann die Mädchen nach der Uhrzeit gefragt hat. Denn Maria Fabiola behauptet anschließend, der Mann, der ein reines Zufallsopfer war, habe sich dabei angefasst. Auch wenn keine andere Freundin das ebenfalls bezeugen kann, halten zwei Mädchen zur charismatischen und hübschen Maria Fabiola. Die will einen Skandal, aber Eulabee ist nicht dazu bereit, diese Lüge mitzutragen.

"Ich habe das Gefühl, ich bin auf einem Boot, das sich im Wind zur Seite neigt – es muss schnell jemand auf die andere Seite, um das Gewicht auszutarieren. Maria Fabiola hat die Lüge in die Welt gesetzt, Julia hat ihr alles nachgeplappert, und jetzt glaubt Faith den beiden. Den letzten Block laufe ich allein zur Schule."

An dieser Stelle wechselt Eulabee von der „Wir“-Form, in der sie bislang erzählt hat, zur „Ich“-Form. Denn von nun an wird sie ausgegrenzt und ist allein. Eulabee zahlt einen hohen Preis, weil sie plötzlich ohne Freundinnen dasteht. In einer Phase im Leben, in der Freundschaften das Wichtigste sind. Die Sehnsucht danach, gesehen und geliebt zu werden, existierte schon immer. Sie ist kein Phänomen der heutigen Zeit, in der soziale Medien die permanente Selbstbespiegelung ermöglichen. Auch ohne Instagram und TikTok haben sich Jugendliche darum bemüht, die Anerkennung ihrer gleichaltrigen Freunde zu erhalten. Im Roman setzt die aufmerksamkeitsbedürftige Maria Fabiola noch einen drauf, indem sie nach der Lüge noch eine Entführung vortäuscht und verschwindet. „Die Gezeiten gehören uns“ ist ein Roman über die Pubertät von Mädchen, die eine eigene, manchmal gefährliche, Dynamik und Kraft entwickelt, wie die Gezeiten im Romantitel.

"Ich sehe zu, wie das Skateboard regelmäßig gegen die Felsen kracht, wie es zusammen mit den Wellen raus aufs Meer gezogen wird und wieder gegen die Felsen knallt. Es ist, als stünde ich vor einer Videoinstallation in Endlosschleife. Für einen Moment scheint die Zeit nicht linear zu sein, sondern vertikal."

Vendela Vida erzählt in einem lakonischen Ton über die Launen und Verwirrungen, die Mädchen in der Pubertät erleben. Sie beschreibt anschaulich, wie die Heranwachsenden zwischen Streben nach Unabhängigkeit und der Suche nach ihrer Identität allerlei Dummheiten begehen. Dabei wechseln sich dialogreiche Passagen ab mit Beschreibungen. Vendela Vida gelingt es, eine kluge und unterhaltende Geschichte von verlorener Unschuld, von Verwundbarkeit und Einsamkeit zu erzählen. "Die Gezeiten gehören uns" ist ein packender Roman über eine große Lüge sowie über die Freundschaft und ihre Grenzen – und überrascht mit einem unerwarteten Ende.