"Der Kolibri" von Sandro Veronesi

Buchcover: "Der Kolibri" von Sandro Veronesi

"Der Kolibri" von Sandro Veronesi

Von Andreas Wirthensohn

In seinem in Italien preisgekrönten Roman erzählt Sandro Veronesi von einem Leben, in dem Bewegung Stillstand bedeutet.

Sandro Veronesi: Der Kolibri.
Aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Zsolnay Verlag, Wien 2021
348 Seiten, 25 Euro

Sandro Veronesi: Der Kolibri

WDR 3 Buchkritik 12.10.2021 05:26 Min. Verfügbar bis 12.10.2022 WDR 3


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Eine unglückliche Familie

Spätestens seit Leo Tolstois weltberühmtem Roman Anna Karenina wissen wir, dass alle glücklichen Familien einander gleichen, jede unglückliche Familie aber auf ihre ganz eigene Weise unglücklich ist. Und die Familie Carrera darf man durchaus auf sehr eigene Art als unglücklich bezeichnen.

Die Eltern des Hauptprotagonisten Marco Carrera, seines Zeichens Augenarzt in Rom, führen keine sonderlich innige Ehe, die Schwester Irene begeht in jungen Jahren Selbstmord, Carreras Tochter stirbt bei einem Kletterunfall, woraufhin er allein mit seiner kleinen Enkeltochter zurückbleibt.

Kein Glück in Sachen Liebe

Und auch in Sachen Ehe bzw. Liebe hat der Held dieses Romans kein wirklich glückliches Händchen: Wie er vom Psychoanalytiker seiner Frau Marina erfährt, verlässt sie, die ehemalige Flugbegleiterin, ihn für einen deutschen Piloten, von dem sie schwanger ist. Und die Beziehung zu Luisa, die er schon seit Kindheitstagen kennt, erschöpft sich in pathetischen Liebesbriefen und platonischer Unkörperlichkeit.

"Es sollte bekannt sein – ist es aber nicht –, dass das Schicksal der Beziehungen zwischen Menschen ein für alle Mal gleich zu Beginn entschieden wird, immer, und dass man, um im Voraus zu wissen, wie die Dinge enden werden, nur zu schauen braucht, wie sie angefangen haben."

"Denn wenn eine Beziehung entsteht, gibt es immer einen Augenblick der Erleuchtung, in dem man auch sehen kann, wie sie wächst, sich zeitlich ausdehnt, zu dem wird, was sie werden wird, und endet, wie sie enden wird – alles zusammen. Man sieht es deutlich, weil in Wirklichkeit alles bereits im Anfang enthalten ist, so wie die Form eines jeden Dings bereits in seiner ersten Erscheinungsform enthalten ist. Aber es handelt sich eben um einen Augenblick, und dann verschwindet dieses Vision oder wird verdrängt, und nur deshalb verlaufen die Geschichten zwischen den Menschen nicht ohne Überraschungen, Schäden, Freude und unerwarteten Schmerz."

Die Charakteristika eines Kolibris

Im Fall von Doktor Carrera ist die erste Erscheinungsform die des titelgebenden Kolibris. Bis zu seinem 14. Lebensjahr war er sehr viel kleiner als seine Altersgenossen und wurde deshalb von seiner Mutter mit der Vogelart verglichen, bei der sich in der Tat die kleinsten Vögel überhaupt finden. Eine innerfamiliär umstrittene Hormonbehandlung ließ ihn dann in kurzer Zeit um 16 Zentimeter in die Höhe schießen.

Auch andere Charakteristika des Kolibris bestimmten fortan sein Leben: seine schillernde Schönheit, seine Schnelligkeit, die Marco zu einem ausgezeichneten Sportler machte, vor allem aber seine ganz eigene Beweglichkeit im "Flug":

"Du bist ein Kolibri, weil du wie die Kolibris deine ganze Energie dafür verwendest, auf der Stelle zu bleiben. Siebzig Flügelschläge in der Sekunde, um zu bleiben, wo du bereits bist. Du bist großartig darin. Du schaffst es, in der Welt und in der Zeit anzuhalten, Du schaffst es, die Welt und die Zeit um Dich herum anzuhalten, und manchmal schaffst Du es sogar, in der Zeit zurückzugehen, um die verlorene Zeit wiederzufinden, so wie der Kolibri fähig ist, rückwärts zu fliegen."

Fragmentarische Erzählung

Das schreibt die weit weg in Paris sitzende große Liebe Luisa in einem ihrer Briefe an Marco, und dieser Wechsel der Erzählformen ist ein besonderes Merkmal dieses Romans: Sandro Veronesi variiert fortlaufend zwischen gottgleich allwissendem Erzählen, Briefen von und an den Helden, E-Mails oder Dialogen mit dem Psychoanalytiker seiner Frau, der so in gewisser Weise zum eigenen Therapeuten wird.

Und nicht nur das: Die Lebensgeschichte des Marco Carrera, die die Jahre 1960 bis 2030 umfasst, wird nicht in geradliniger Chronologie geschildert, sondern in ständigen Zeitsprüngen. Das alles macht die Lektüre kurzweilig und verlangt von uns Lesenden, dieses Leben wie eine Art Puzzle zusammenzubauen.

Es bleibt deshalb aber zwangsläufig fragmentarisch, eingesponnen in ein Netz vielfältiger möglicher Zusammenhänge. Das Erzählte selbst steht ständig unter Vorbehalt, etwa im Fall der Liebesgeschichte zwischen Marco und Marina:

"Und doch muss man es erzählen, wie Marco und Marina sich kennengelernt und sich verliebt haben, zusammengezogen sind und geheiratet haben – allerdings sollte man sich für die Erzählung nicht zu sehr erwärmen, denn ab einem bestimmten Punkt wird sie eine andere sein. Hier also, wie es sich abgespielt hat. Wie alle – alle außer einem, besser einer – glaubten, dass es sich abgespielt hat."

Die Figuren bleiben blass und ungreifbar

Doch trotz – oder vielleicht gerade wegen – all dieser erzählerischen Kniffe kann man sich für die Lebensgeschichte des Augenarztes Marco Carrera nicht so recht erwärmen. Zu blass, zu ungreifbar bleiben nicht nur der Hauptdarsteller und alle Nebenfiguren, sondern auch die seelischen und biografischen Motivationen und Prägungen, die dieses unglückliche Leben ausmachen.

Zu vieles in diesem Roman bleibt bloße Behauptung, gekleidet in durchaus einnehmende Worte, zu wenig wird auf erzählerischem Wege vermittelt. Dass es ganz am Ende noch arg pathetisch wird, mit der Ausrufung der Enkelin zum Neuen Menschen und einer schrecklich kitschigen Sterbeszene samt assistiertem Suizid, ist da fast schon egal. Der Verlag annonciert diesen Roman als "Jonathan Franzen im Italian Style". Davon ist er leider ziemlich weit entfernt.

Stand: 11.10.2021, 12:25