"Vernichten" von Michel Houellebecq

Buchcover: "Vernichten" von Michel Houellebecq

"Vernichten" von Michel Houellebecq

Der Titel klingt martialisch - dabei ist "Vernichten", der neue Roman von Michel Houellebecq, ein resignierter Streifzug durch die Vorzimmer der Macht und die Pflegestationen einer Gesellschaft, die ihre Alten und Kranken vernachlässigt. Punktuell amüsant. Eine Rezension von Dirk Fuhrig.

Michel Houellebecq: Vernichten
Aus dem Französischen von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek.
DuMont, 2022.
624 Seiten, 28 Euro.

"Vernichten" von Michel Houellebecq

Lesestoff – neue Bücher 11.01.2022 05:18 Min. Verfügbar bis 11.01.2023 WDR Online Von Dirk Fuhrig


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Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Wir schreiben das Jahr 2027. In Frankreich stehen wieder Präsidentschaftswahlen an. Paul Raison, die Hauptfigur in diesem Roman, ist die rechte Hand des einflussreichen Haushaltsministers.

"Pauls wesentliche Rolle, das wurde ihm allmählich bewusst, bestand schlicht darin, Bruno im Bedarfsfall als Vertrauter zu dienen. (…) Bruno war der wohl größte Wirtschaftsminister seit Colbert."

Bedrohliche Videos

Man staunt über die Schmeicheleien, die der Erzähler an einen Politiker verteilt. Zumal dieser asketische Strippenzieher leicht als eine höchst liebenswerte Karikatur des realen derzeitigen Ministers Bruno Le Maire zu entschlüsseln ist. Die rechtsextreme Partei Marine Le Pens bleibt weiterhin erfolglos, und die ökonomische Situation Frankreichs wird ziemlich rosig geschildert.

Doch da sind diese bedrohlichen, online viral gehenden Videos mit Attentaten auf Containerschiffe, eine Samenbank und schließlich auf ein Boot mit Flüchtlingen.

"'Aus einer ökofaschistischen Perspektive (…) hätten die letzten beiden Anschläge ganz und gar komplementäre Ziele verfolgt: Künstliche Fortpflanzung und Einwanderung seien die beiden Mittel, die die heutigen Gesellschaften verwendeten, um ihre sinkenden Geburtenraten auszugleichen' (…) In beiden Fällen würden die Zielvorgaben des Kapitalismus erfüllt: eine langsame, aber stetige Zunahme der Weltbevölkerung, um die Wachstumsziele und eine angemessene Rendite zu gewährleisten."

Pariser Sumpf und idyllische Provinz

Antikapitalistische Cyberkriminalität, Geheimdienste, korrupte Medien und große Politik - dem Pariser Sumpf stellt Houellebecq eine idyllische Provinz gegenüber. Den Stadt-Land-Gegensatz hatte Houellebecq schon in "Karte und Gebiet" aufgegriffen. In der berühmten Weinregion zwischen Lyon und Mâcon ist der Karrierebeamte Paul Raison aufgewachsen.

"Das Beaujolais stellte den selten gewordenen Fall einer lebendigen ländlichen Umgebung dar, es gab kleine Geschäfte, Ärzte, Taxis, mobile Pflegedienste, so in etwa musste wohl die 'Welt von früher' ausgesehen haben. Seit einigen Jahrzehnten hatte Frankreich sich in ein heikles Nebeneinander von Ballungszentren und menschenleeren ländlichen Regionen verwandelt."

Nostalgische Gefühle kommen noch

Paul kehrt in sein Heimatdorf zurück, als sein Vater einen Schlaganfall erleidet. Die Familie entschließt sich, den gelähmten Greis aus dem stinkenden staatlichen Pflegeheim heimlich herauszuholen. Warum die "Entführer" ausgerechnet junge Rechtsradikale sein müssen, ist nur eine von vielen nicht wirklich plausiblen Seltsamkeiten in diesem Roman.

Im Elternhaus erwachen bei dem in der Hauptstadt lebenden Absolventen einer Elite-Schule nostalgische Gefühle an seine Jugend. Gleichzeitig kommen sich Paul und seine Lebensgefährtin Prudence nach langjähriger Distanz sexuell und emotional wieder nah.

"Sie legte zuerst eine Hand auf seine Taille und schob sie dann in Richtung seiner Brust. (..) Ihre Münder waren wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ohne einen Augenblick zu zögern, presste Prudence ihren Mund auf seinen, schob ihre Zunge hinein und bewegte sie langsam, verflocht ihre Zunge mit seiner."

Zwischen Politik, Geheimdienst und Pflegestation

Im letzten Teil driftet der ständig zwischen Politik, Geheimdiensten und Pflegestation hin und her springende Roman dann in eine andere Richtung: Bei dem 50jährigen Paul Raison wird Mund-Krebs diagnostiziert, alles dreht sich nur noch um die tödliche Erkrankung.

Die Erzählstränge fügen sich dramaturgisch nicht so recht zusammen: Das durchaus beeindruckenden Ende, in dem Houellebecq einfühlsam über Krankheit, Tod und auch die Möglichkeit einer dauerhaften Liebe schreibt; der Rahmen mit dem etwas flauen und routiniert entfalteten Polit-Szenario: sowie die Beschwörung der Familienbande.

Die visionäre Kraft fehlt

Houellebecqs Roman "Unterwerfung" war eine beißende Gesellschafts-Satire, "Serotonin", wie schon die "Elementarteilchen", das abgründige Porträt eines an der Existenz Verzweifelnden.

"Vernichten" fehlt es an Zuspitzung und visionärer Kraft. Das Buch wirkt matt und altersmilde. Allein die ungebrochene humoristische Leichtigkeit des Houellebecq’schen Stils macht diesen ausufernden Roman punktuell zu einem amüsanten Lesevergnügen.

Stand: 11.01.2022, 07:00