Vergil - Aeneis

Vergil - Aeneis

Vergil - Aeneis

Von Christian Kosfeld

Abenteuer, eine tragische Liebe, die Gründung Roms: Vergils Epos über den Trojaner Aeneas wird in diesem effektvollen Hörspiel aktuell und lebendig.

Vergil
Aeneis

Hörspiel mit Joachim Nottke, Gisela Uhlen, Paul-Edwin Roth, Heinz Schimmelpfennig, Ursula Langrock u.v.a.
Produktion des SWR 1982
DAV, 3 CDs
ISBN 978-3-7424-1387-1

Troja gibt es nicht mehr.

"Ich habe kein Land, Askanius, und keine Stadt.
Wenn die Götter wissen, wo unsere Stadt liegen soll, warum müssen wir so viele Jahre über die Meere segeln?
Zweifle nicht an den Göttern, Askanius. Niemals!
Vielleicht führen sie uns nach Troja zurück?
Troja gibt es nicht mehr."

Aeneas, der Sohn des Trojaners Anchises und der Göttin Aphrodite, segelt mit den Überlebenden des Trojanischen Kriegs über die Meere. Seine Frau hat er verloren, sein Vater Anchises und Sohn Askanius sind ihm geblieben.
Schließlich gelangt er nach Nordafrika und wird mit seinem Volk von Dido, der Königin von Karthago aufgenommen. Ihr berichtet er von Irrfahrten, Abenteuern und vom Untergang Trojas durch die List des Odysseus. Nur der Priester Laokoon hatte davor gewarnt, das Pferd der Griechen in die Stadt zu ziehen.

"Die meisten waren dafür, das Zeichen des Siegs in die Stadt zu holen. Laokoon aber, der weise Priester, rief mit lauter Stimme: Trojaner, seid ihr denn ganz und gar verblendet? Glaubt ihr die Griechen gäben jemals ein ehrliches Geschenk? Denkt an Odysseus, den Listenreichen! Am Ende hat er wieder einen Hinterhalt ersonnen. Was es auch sei, ich fürchte die Griechen, selbst wenn sie Geschenke geben!

(Aeneas) So sprach Laokoon und stieß seine Lanze mit kräftiger Hand in den Bauch des hölzerne Pferdes, dass sie zitternd darin stecken blieb. Hohl klang es aus dem Pferd und wie ein gewaltiges Stöhnen. Doch während wir noch stritten, ereignete sich etwas furchterregendes."

Das bedeutendste Epos der Antike

Denn Laokoon und seine Söhne wurden von zwei riesigen Schlangen getötet. Vergils Dichtung "Aeneis" galt über Jahrhunderte als das bedeutendste Epos der Antike. Es inspirierte Dichter wie Heinrich von Veldeke, Dante, Bocaccio, Petrarca, Geoffrey Chaucer. Manche Szenen wurden vielfach in der Kunst dargestellt, etwa in der berühmten Skulptur der Laokoon-Gruppe. In der Musik wurde vor allem die Liebesgeschichte von Dido und Aeneas verarbeitet, von Francesco Cavalli, Henry Purcell, Hector Berlioz. Auch in diesem dreistündigen Hörspiel, das Thomas Köhler 1982 schlicht, aber wirkungsvoll inszeniert hat, steht sie im Zentrum. Die mächtige Herrscherin Dido verliebt sich in den Geflüchteten Aeneas und gesteht das ihrer Schwester Anna.

"Dido: Mein Inneres ist so aufgewühlt, ich kann keinen Schlaf finden.
Anna: Was ist es denn, das dich so bewegt? Der Mann, der in unser Haus gekommen ist. Das ist gut! Ich bin sehr froh für dich. Schwester, weißt du denn was du da sagst? Einen Mann wie Aeneas könnte Karthago wohl gebrauchen. Willst du mich verspotten? Du weißt doch, seit mir das Schicksal meinen geliebten Mann genommen hat, ist mir der Gedanke an Liebe und Ehe zuwider. Dido, Schwester, Du weißt, ich liebe dich nicht weniger als mich selbst, und mich schauderts, wenn ich sehe, wie du dein Leben vertust. Willst du auf alles verzichten, was das Leben liebenswert macht? Auf Liebe und Zärtlichkeit?"

Hinter uns, wo Karthago liegt

Vergil (Mitte) umgeben von seinen Musen Klio und Melpomene

Vergil (Mitte) umgeben von seinen Musen

Christine Davis interpretiert Dido als starke, selbstbewusste Frau. Aeneas wird von Joachim Nottke gesprochen, der zwischen seinen Gefühlen für Dido und seinem göttlichen Auftrag, eine neue Heimat zu finden und Rom zu gründen, hin- und hergerissen ist. Aeneas verlässt Dido, die sich daraufhin umbringt. Steuermann Palinurus ahnt die Tragödie und macht Aeneas Vorwürfe:

"Hinter uns, wo Karthago liegt: Eine große Rauchsäule! Sieh nach vorn Palinurus! Kümmert dich denn nicht das Schicksal derer, die du verlassen hast? Mich hat es nicht zu kümmern, Palinurus. Jupiters Wille ist es, nach vorne zu sehen und nicht zurück. Dann will uns Jupiter vernichten. Wenn ich den Kurs nicht ändere, halten wir genau auf den Sturm zu. Der alte Kurs wird gehalten!"

Auch eine hoffnungsvolle Geschichte

Das Schicksal von Aeneas und seinen Leuten wird von streitenden Göttinnen und Göttern bestimmt. Und so müssen die Trojaner jahrelange Irrfahrten und Abenteuer bestehen. Aeneas trifft auf Meeresungeheuer, die unheimlichen Harpyen, den Zyklop Polyphem, sogar in die Unterwelt muss er hinabsteigen. Das alles ist in diesem Hörspiel effektvoll und stimmig inszeniert, zu erleben sind unter anderem Gisela Uhlen als Juno, Ursula Langrock als Andromache, Heinz Schimmelpfennig als Gott Vulkanus, Horst Beilke als Aeneas' Vater Anchises. Paul-Edwin Roth führt als Erzähler durch die Handlung, gestaltet den Rahmen für stimmungsvolle Szenen. Dabei geht es nicht nur um göttliche Vorsehung, sondern auch um Fragen wie Verantwortung, Verlust, Solidarität und Hilfe für Schwache und Geflüchtete. Und so kann man in heutigen Tagen dieses ausgezeichnete Hörspiel auch als hoffnungsvolle Geschichte der Fürsorge und Zuversicht hören.

Aeneas mit Ilioneus, dem alten Gefährten und Ratgeber:

"Warum nicht hier bleiben und hier unsere neue Stadt gründen? Wir haben viele alte Leute unter uns, die den Anstrengungen der Fahrt nicht mehr gewachsen sind. Wir haben junge Leute, denen es an Hoffnung fehlt, je ans Ziel zu kommen. Ilioneus: Das stimmt Aeneas. Die Alten und Schwachen - unterstell sie dem Schutz des Alkestis. Er wird sie gern aufnehmen und sie werden froh sein, hier eine Heimat zu finden. Mit der kleinen Schar der Starken und Zuverlässigen aber setz die Reise fort bis du am Ziel bist. Bau deine Stadt, wie die Götter es befohlen haben. Wenn Du selbst es nur willst, werden die Götter dir auch beistehen."

Vergil: "Aeneis" (Hörspiel)

WDR 3 Buchkritik 26.03.2020 05:54 Min. Verfügbar bis 26.03.2021 WDR 3

Download

Stand: 24.03.2020, 16:04